Typographicas Schriften des Jahres 2008

Autor: MyFonts.de

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Jedes Jahr lässt das amerikanische Blog Typographica einige Profis aus der Typo-Welt ihre Schriften des Jahres küren. Die Liste gilt unter Insidern als die »Oscars der Schriftgestaltung« – tatsächlich aber ist das Nominierungsverfahren viel spontaner und subjektiver: Bereits eine Stimme reicht, um in die prestigeträchtige Galerie aufgenommen zu werden.

Bereits zum sechsten Mal wurde die Auswahl im April dieses Jahres veröffentlicht. Die Jury setzte sich aus etwa 30 international angesehenen Typografen und Kritikern zusammen – darunter John Downer, Ellen Lupton, Stephen Coles, Florian Hardwig, die Berliner FontShop-Koryphäen Jürgen Siebert und Ivo Gabrowitsch, sowie vier Mitglieder des MyFonts-Teams: Joshua Lurie-Turell, Jan Middendorp, Nick Sherman und Adam Twardoch. Die Jury wählte 40 Schriften und Schriftfamilien, die sich durch hervorragende Gestaltung und Funktionalität hervorgetan haben. Überraschend war vor allem, dass ein Newcomer aus Kroatien diesmal zum erfolgreichsten Schriftgestalter gekürt wurde: Nikola Djurek ist mit drei Entwürfen in der Bestenliste vertreten. Gleich mehrere Designer haben es mit zwei Schriftfamilien ins Ranking geschafft: Alejandro Paul aus Buenos Aires, František Štorm aus Prag, Ludwig Übele aus Berlin und Mark Simonson aus Minneapolis.

Was hierbei deutlich zu sehen ist: Die Zeiten, als die erfolgreichsten Schriften quasi selbstverständlich aus Metropolen wie New York, Amsterdam und London stammten, sind eindeutig vorbei.

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Comenia – Brousil, Lencová und Štorm

Florian Hardwig, der auch als Autor für diese MyFonts.de-Website schreibt, ist einer der deutschen Spezialisten, die als Jury-Mitglied der Bestenliste eingeladen wurden. Er wählte die Schriftfamilie Comenia aus, ein komplettes System für Schulbücher, das aus Tschechien stammt.

»Die 3 Mitglieder der umtriebigen tschechischen Typo-Szene, die sich für Comenia zusammengetan haben, widmen sich einem Problem, das so bislang noch nicht angegangen wurde: die Schaffung eines speziell für die Anforderungen der Schule gestalteten Schriftsystems.«

Das System besteht aus 3 Familien: einer Antiqua, einer Serifenlose, und einer Schreibschrift als Modell zum Schreibenlernen.

»Die extrem offenen Formen und die große x-Höhe sind Ergebnis intensiver Lesbarkeitsforschung. Besonderes Augenmerk wurde auf die Gestaltung der Akzentzeichen gelegt – ein wichtiges Kriterium, nicht nur in der tschechischen Sprache. Sans und Serif sind in vertikaler Metrik und Grauwert harmonisch aufeinander abgestimmt. Die beiden sind vielleicht nicht so gleichförmig wie Paare anderer Sippen, aber gerade das empfinde ich als Vorteil..«

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Marat – Ludwig Übele

Der Amerikanische Designer und Fotograf Eben Sorkin war skeptisch als er die Marat zum ersten Mal sah: War der Anspruch, eine brauchbare Textschrift zu machen, überhaupt mit soviel Extravaganz kombinierbar?

»Aber je öfter ich sie benutzt habe, desto sicherer wurde ich, dass ich mir darüber keine Sorgen machen müsste: Ihre liebenswürdigen und blickfangenden Details treten erst in größeren Schriftgraden hervor. Ihre euphorische, bezaubernde und trotzdem nachvollziehbare Eigentümlichkeit nimmt sich ausreichend zurück, um in Textgrößen ein gleichmäßiges, lesbares und sehr angenehmes Schriftbild zu erzeugen. Die Möglichkeit, sowohl in kleinen als auch in großen Graden zu arbeiten, ist etwas, das ich bei vielen meiner Lieblingsschriften zu schätzen gelernt habe.«

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MaryRead

Mary Read – Melle Diete

Der Designer Joshua Lurie-Terrell, Mitbegründer von Typographica und Autor des MyFonts.com-Blogs, hat die Schrift Mary Read der Berliner Gestalterin  Melle Diete zu seiner Lieblingsschrift 2008 erkoren:

»Melle Diete beschreibt ihre Mary Read als »moderne Handschrift«. Die manierierte Kantigkeit ist dabei jedoch so ebenmäßig wie bei den besten typografischen Übersetzungen moderner Kalligrafie. Dutzende Schwungbuchstaben (davon einige speziell für Zeilenanfänge und -enden), Ligaturen und Ornamente verstärken die handgemachte – aber über bloße Handschrift hinausgehende – Qualität. Zarte Kurven, scharfer Kontrast und fantasievolle Schnörkel verleihen der Mary Read einen offenen Charakter, mit dem sie es mit den besten kalligrafischen Fonts der letzten Jahre aufnehmen kann, und machen sie zu einer ungemein nützlichen Schreibschrift. Zugleich lassen ihre (formalisierten) Graffiti-artigen Wurzeln auch eine Anwendung für weniger förmliche Zwecke zu.«

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Arlt – Alejandro Lo Celso

John Butler, technischer Berater und typografischer Zaubermeister, wählte Arlt, eine interessant zusammengesetzte Schriftfamilie des in Mexiko lebenden argentinischen Designers Alejandro Lo Celso. Der Aufbau der Arlt-Famile, kurz zusammengefasst: »… Textschnitte in drei Fetten inkl. Kapitälchen und Kursiv, eine vierte Black mit Kursiv, Titelschnitte in zwei Fetten, ein lichter Titelschnitt, zwei Sätze Zierversalien, sieben unterschiedlich stark verschlissene Variationen des halbfetten aufrechten Schnitts, sowie … eine Kuh

»Der Entwurf erinnert mich an Goudy, Garamond, Baskerville, Fournier, Cochin, Bell … schwer zu sagen. Lo Celso führt in der Beschreibung der Wurzeln ›barocke und manieristische Typografie des 17. und 18. Jahrhunderts‹ an. Mir ist das gleich, denn dieses Design gefällt mir besser als all seine Einflüsse. … Die durch die Mangel gedrehten »Loco«-Varianten zeigen, wozu Algorithmen – in den richtigen Händen – gut sein können. Umfang und Vielfalt der Arlt komplementieren ihre gut ausgeführte Zeichnung. … Der Grauwert ist bildschön, die Formen sind markant – zu markant für die ›Schrift soll unsichtbar sein‹-Anhänger. Lo Celso warnt davor, sie außerhalb eines ›literarischen Kontexts‹ zu verwenden und fordert damit geradewegs dazu heraus, es doch zu tun. Arlt ist sein bislang bestes Werk – und in seiner Schriftbibliothek gut aufgehoben. Die Website und das Specimen sind einen genaueren Blick wert.«

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Glosa

Glosa – Dino dos Santos

MyFonts-Designer Nick Sherman wählte die Glosa des portugiesischen Gestalters Dino dos Santos auf die Bestenliste. Mit ihrer kontrastreichen Kombination aus scharfen Serifen und runden Endungen spricht die früh-klassizistische Antiqua die Sprache lebhafter Schriften des Stempelschneiders Johann Fleischmann, eines Deutschen, der im 18. Jh. in den Niederlanden tätig war.

»Dos Santos hat allerdings offensichtlich mehr als ein Revival im Sinn, er erzeugt genug zeitgenössisches Flair und persönliche Eigenheiten, um das erfolgreich durchzuziehen. Als gut ausgebaute Reihe von sich ergänzenden Schriftkomponenten ist die Glosa gut gerüstet fürs Editorial Design oder andere komplexe Systeme, bei denen eine breite Auswahl an Größen, Varianten und Funktionen (Kapitälchen, Mediävalziffern, Ligaturen, etc.) wünschenswert ist.«

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Die Zitate wurden dem Artikel Favorite Typefaces of 2008 auf Typographica.org entnommen. Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Autoren und von Typographica/Stephen Coles.

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