Stefan Schlesinger: Zauberhafte Zeichen

Autor: Jan Middendorp

SSCHL-book

Der österreichisch-niederländische Grafiker Stefan Schlesinger zeichnete unzählige elegante und attraktive Alphabete. Zwei davon sind jetzt in einer Neuedition bei Canada Type erschienen: Serena™ und Minuet™.

Stefan Schlesinger (1896–1944) war einer von mehreren einflussreichen Grafikern, die in der Zwischenkriegszeit aus Deutschland und Österreich in die Niederlande emigrierten. Er war eher Gebrauchsgrafiker als Typograf: ein begnadeter Schriftzeichner, der praktisch jeden Stil mit Anmut, Verve und unvergleichlicher Präzision meisterte. Die Lettergieterij Amsterdam brachte damals zwei Displayschriften Schlesingers heraus, von denen die zweite – Rondo, nach seinem Tod veröffentlicht – ein Bestseller wurde.

Stefan Schlesinger wurde als Sohn einer jüdischen Familie in Wien geboren. Zunächst arbeitete er als Architekt, entdeckte jedoch bald seine Vorliebe für Illustration und Buchstaben. Er wurde Praktikant in Julius Klingers berühmtem Atelier für Gebrauchsgraphik. Klingers Stil, der sich durch einen kraftvollen Strich und ein feines Gespür für sprechende Bilder und Buchstabenformen auszeichnete, hinterließ bei Schlesinger bleibenden Eindruck; im Vorwort zu seinem Schriftenbuch von 1939 würdigte er seinen Lehrmeister, »welcher als erster meine Augen für die in den Schriftzeichen verborgenen Möglichkeiten öffnete«.
Mit seiner niederländischen Frau Anna Kerdijk zog Schlesinger 1925 nach Amsterdam, wo er bald Designaufträge von hochrangigen Kunden erhielt. Metz & Co war (und ist noch heute) ein exklusives, auf Textilwaren und Möbel spezialisiertes Kaufhaus, zu dessen Lieferanten damals auch die Wiener Werkstätte zählte. Von 1926 bis 1931 entwarf Schlesinger Briefpapier, Verpackungen, Schilder, Anzeigen und Broschüren für das Unternehmen. In ihrer zugleich verspielten wie beherrschten, stilbewussten wie unbekümmerten Art brachten Schlesingers Schriftentwürfe den Zwanziger-Jahre-Zeitgeist des Radical Chic wohl auf den Punkt.

SSCH-Kersen

Ab ca. 1927 arbeitete Schlesinger für die Schokoladenfabrik Van Houten. Aus dieser Zusammenarbeit ging eine Vielzahl glanzvoller Entwürfe hervor – Logos, Anzeigen, Werbetafeln, Verpackungen. Viele waren rein typografisch; manche enthielten witzige Illustrationen oder einfache Verzierungen. Einer der Schriftstile, die Schlesinger in den Verpackungsdesigns für Van Houten verwendete, war eine reizvolle, gut lesbare runde Kursive. Ende der 30er Jahre schlug er der Lettergieterij Amsterdam vor, eine auf diesem Stil beruhende Schreibschrift-Type zu entwerfen. Obwohl die Buchstaben in der Vorlage rhythmisch miteinander verbunden waren, entschied man sich dafür, Rondo als unverbundene Schreibschrift umzusetzen, da dies die Produktion einfacher und günstiger machte. Schlesinger legte den Grundschnitt der Schrift Anfang 1941 vor. Nachdem die Nazis Schlesinger verhaftet hatten, wurde die Arbeit an Rondo von dem bei der Lettergieterij Amsterdam angestellten Designer Dick Dooijes fortgeführt, zunächst noch unter Anleitung von Schlesinger, dem gestattet war, mit seinem Auftraggeber zu korrespondieren. Die Schriftfamilie wurde im Februar 1944 fertiggestellt, Schlesinger wurde im Oktober desselben Jahres umgebracht. Zwar konnte er noch die finalen Korrekturabzüge begutachten und freigeben, in freier Anwendung hat er seine Schrift jedoch nie gesehen.

SSCH-Saranna

Mit Schlesingers Tod war eine vielversprechende Karriere im Keim erstickt. Mehrere geplante Schriftprojekte wurden auf Eis gelegt. Eines davon war Saranna, eine elegante Schreibschrift, deren Skizzen im Den Haager Stadtarchiv erhalten sind. In dieser aufrecht stehenden Schrift scheint das Paradox der Rondo – einen Rhythmus einzuhalten, ohne die Buchstaben zu verbinden – auf eine natürlichere Weise gelöst.
Rondo erschien 1948 und wurde zur beliebtesten Schreibschrift, die von der Lettergieterij Amsterdam in der Nachkriegszeit herausgebracht wurde. Rondo Bold wurde von Mecanorma für die Herstellung als Klebebuchstaben lizenziert und fand in den frühen Neunzigern Eingang in Mecanormas digitale Fontbibliothek.  JM

Der niederländische Autor und Designer Hans van Maanen hat zwei der schönsten Schreibschriften Stefan Schlesingers für Canada Type digitalisiert:

Minuet

Minuet

Minuet, die ungezwungene Schreibschrift mit eingestreuten Art-Deco-Elementen, welche ihr den unverkennbaren Esprit der Vierziger Jahre verleihen, ist ein Revival und eine Erweiterung der Rondo-Familie – der letzten Schrift, die Stefan Schlesinger entworfen hat. Diese Familie beruht auf dem kräftigen, flüssigen Stil, den Schlesinger gern in seinen Entwürfen für Anzeigen und Verpackungen einsetzte, besonders in jenen für Kakaoproduke von Van Houten. Obwohl die letzten Korrekturen bereits 1944 gemacht waren, wurde die Rondo erst 1948 von der Lettergieterij Amsterdam veröffentlicht; sie entwickelte sich umgehend zum Bestseller. Einem internen Vermerk der Schriftgießerei zufolge war die Schrift bis 1966 »beinahe zu beliebt« geworden.

Minuet, die digitale Neufassung des Werks von Schlesinger und Dooijes, stellt eine großartige Erweiterung der Bleisatzschrift dar. Beide Schnitte enthalten einen kompletten Satz alternativer Kleinbuchstabenformen – basierend auf Schlesingers eigenen Entwürfen. Des Weiteren gibt es Varianten für einige Versalien, eine Handvoll Ligaturen sowie einen erweiterten Zeichensatz zur Unterstützung verschiedenster Sprachen.

Minuet wird in allen gängigen Formaten angeboten. In der OpenType-Version Minuet Pro sind die Standard- und Alternativformen einer Strichstärke in einer einzigen Datei vereint. Durch die in den Font einprogrammierten Verknüpfungen können in Programmen mit OpenType-Unterstützung sämtliche Alternativformen und Ligaturen auf Knopfdruck automatisch aufgerufen werden.

Serena

Serena

Die Entstehung der Serena erzählt eine unter den Revivals einzigartige Geschichte. Serena gab es weder für den Blei- noch für den Fotosatz. Eigentlich kam die Schrift nie über das Stadium erster Skizzen hinaus, welche Stefan Schlesinger um 1940–41 anfertigte. Die einzigen Zeichnungen, die von Schlesingers Arbeit an Saranna (so nannte er die Schrift) erhalten sind, befanden sich in den Beständen der Drukkerij Trio (dessen Besitzer der Schwager Schlesingers war). Heute lagern sie im Den Haager Stadtarchiv. Die Skizzen umfassen vier Blätter mit Bleistiftzeichnungen, die teilweise mit Tusche überarbeitet wurden.

Mit Serena hat Hans van Maanen dem Geist Schlesingers neues Leben eingehaucht. Er hielt sich so nah an das Original, wie es die Zeichnungen zuließen, und erweiterte den Zeichensatz mit großer Sorgfalt für eine Vielzahl von Sprachen. Es vergingen mehr als 65 Jahre, bis Schlesingers Zeichnungen ans Licht kamen, daher war es van Maanen ein besonderes Anliegen, sie auf stil- und respektvolle Weise zum Leben zu erwecken. Serena strahlt eine friedliche Ruhe aus, wie man sie nur selten in gewöhnlicher Kalligrafie oder anderen Gattungen der Display-Schriften antrifft. Mit ihrer aufrechten Eleganz und dem feinen orientalischen Flair gelingt dieser Schrift der Brückenschlag von anmutiger Beiläufigkeit zu tiefer Spiritualität. Die leichten und weichen Buchstabenformen verleihen allem, mit dem sie in Berührung kommen, eine freundlich-beschwingte Note.

Dieser Artikel wurde ins Deutsche übersetzt von Florian Hardwig.

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