Dyna und Dolce
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Mit ihren Schriften Dyna und Dolce beweist die in Berlin lebende Italienerin Elena Albertoni, dass man anspruchsvolle OpenType-Technik nicht nur für üppiges Zierwerk, sondern auch für bodenständige Schreibschrift verwenden kann.

Bevor sich das OpenType-Format etabliert hat, waren Schreibschrift-Fonts ein Widerspruch in sich. Egal für welche Technologie – Bleilettern, Foto- oder Digitalsatz – es gab kaum Möglichkeiten, überzeugende Buchstabenverbindungen zu erzeugen. Problematische Kombinationen durch Ligaturen oder Alternativformen zu ersetzen war mühselig bis unmöglich.
Mit OpenType hat sich dies geändert: Seit einigen Jahren ist es endlich möglich, den improvisierten, kontextabhängigen Handschriftstil als digitalen Font zu verpacken. Leider ist als Folge dessen eine Flut von pseudo-kalligrafischem Kitsch entstanden; Schriften bringen hunderte schicker Ligaturen mit, verspielte Schwünge und unnötige Schnörkel. Damit zwingen sie uns jene unreflektierte »Eleganz« auf, die viele – dank des Modernismus – schon für alle Zeiten erledigt geglaubt hatten.
Gestalter wie Elena Albertoni aus Berlin gehen anders mit OpenType um; sie haben verstanden, dass mit den neuen technischen Möglichkeiten nicht nur gekünstelte Tricks oder Ornamentalität möglich sind, sondern auch eine selbstverständiche und normale Schreibweise simuliert werden kann. Als Tochter eines Programmierers ist Elena nicht nur auf handgemachte Ästhetik fixiert, sondern auch stets bestrebt, ihren Schriften ein intelligentes Verhalten mitzugeben.
Im letzten Jahr stellte Elena zwei ihrer Schreibschriften der Öffentlichkeit vor: Dolce und Dyna. Beide sind Projekte aus ihrer Studien- und Arbeitszeit in Paris, die sie in Berlin weiterentwickelt hat, während Sie für Luc(as) de Groots FontFabrik arbeitete.
Die beiden Schriften haben viel gemeinsam. Dolce ist etwas älter; 2005 hat Elena mit ihr den TDC-Award gewonnen. Sie ist die normalere und bravere Variante der beiden. Als sinnvolles Feature werden beispielsweise Großbuchstaben durch Kapitälchen ersetzt, wenn man ein Wort in Versalien zu setzen versucht – die normalen Großbuchstaben sind nämlich ausschließlich als Anfangsbuchstaben gedacht. Ein gutes Beispiel, wie ein qualitätsbesessener Gestalter heutzutage mit Hilfe von Technologie in das Schaffen typografisch unbedarfter Anwender eingreifen (und ihnen damit helfen) kann.
Mein persönlicher Favorit ist aber die etwas ausgeflipptere Dyna. Sie tanzt über und unter der Grundlinie, ihr Schreibwinkel variiert mit einem überzeugend spontanen Rhythmus. Außerdem werden alternative Zeichen und zusammenhängende Buchstabenkombinationen beim Schreiben automatisch eingesetzt. Wenn man beispielsweise ein Wort wie »trapping« in InDesign tippt, nimmt der Font fünf Zeichenersetzungen vor, um für jeden Buchstaben die im speziellen Kontext jeweils beste Version auszuwählen. Dies ist natürlich nicht das erste Mal, dass ein Schrift etwas derartiges leistet, aber bei Dyna ist das Ergebnis so zurückhaltend und naheliegend, dass sie ihre komplexe Technologie absichtlich zu verstecken scheint – eine erstaunliche Leistung.

2009 erweiterte Elena die Dolce zu einer Familie mit fünf Strichstärken, womit die Schrift sich beispielsweise als vielseitiges und praktisches Paket fürs Verpackungsdesign und Werbung anbietet.
Dieser Artikel wurde ursprünglich für den Artikel Favorite Typefaces of 2008 auf Typographica.org geschrieben. Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Stephen Coles.






































