Liebfraumilch
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Liebfraumilch ist eine Schreibschrift, aber keine Schönschrift. Ihre Kehren sind mal rund, mal zackig gezogen; die Schleifen bei b, f, k oder l bleiben hier offen, dort laufen sie zu. Die Verbindungen sind hakig, g und y sind sich ähnlich, n und u kaum zu unterscheiden … und genau so muss eine informelle, nicht-kalligrafische Script aussehen, wenn sie authentisch sein will. Der Charme einer saloppen Handschrift liegt in ihrer Imperfektion.
Mit der Liebfraumilch hat es Jan Gerner, besser bekannt als Yanone, geschafft, all diese kleinen Macken und Unregelmäßigkeiten vom Papier in eine digitale Satzschrift zu überführen. Manche Details erinnern an die Pinselschriften Roger Excoffons, großartige Klassiker des Genres. Liebfraumilch kommt ähnlich ruppig-rotzig daher; die Eigenheiten des Werkzeugs – hier ein breiter Filzstift – sind in jedem Buchstaben sichtbar, der starke Strichstärkenwechsel sorgt für einen bewegten Rhythmus.
Reizvoll ist das z mit Unterlänge – bald so etwas wie das Markenzeichen des Dresdners, der vor kurzem sein Studium an der Bauhaus-Universität Weimar abgeschlossen hat: Die Vorliebe für diese Buchstabenform hat Yanone bereits in der handgezeichneten Schreibmaschinenschrift Monospasz und seinem freien Erstling Kaffeesatz offenbart.
Um die Imitation einer ungekünstelten Handschrift zu perfektionieren, kommt ausgeklügelte OpenType-Technologie zum Einsatz. Buchstabendopplungen, die das Mimikry entlarven würden, werden automatisch ersetzt; Alternativformen und kontextuelle Ligaturen sorgen für lebhafte Wortbilder. Man hört den fetten Filzer förmlich quietschen.
Warum die wilde Liebfraumilch nun ausgerechnet nach einem lieblichen Weißwein benannt wurde, bleibt ein Rätsel. Für Weinetiketten – Domäne der überperfekten Spitzfeder-Schreibschriften – wird sie wohl keine Verwendung finden. Dafür aber für Headlines, Mailings oder simulierte Notizzettel – überall dort, wo nach einer Schrift mit persönlicher, angeheitert-beschwingter Note verlangt wird – und gerade kein echter Filzstift zur Hand ist.

Über kontextabhängige Varianten können die Buchstaben automatisch miteinander verbunden werden.
Aktiviert man im Satzprogramm die OpenType-Funktion »Bedingte Ligaturen«, werden doppelte Buchstaben durch spezielle Sonderformen ersetzt.
Mit Formatvarianten lassen sich weitere Unregelmäßigkeiten einstreuen, die für einen natürlicheren Look sorgen.





























