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Creative Characters: Hubert Jocham


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Creative Characters ist MyFonts’ beliebte Reihe monatlicher Interviews mit herausragenden Schriftgestaltern. Diesen Monat präsentieren wir zum ersten Mal eine deutschsprachige Version des Interviews – und es ist kein Zufall, dass wir die Ausgabe mit Hubert Jocham dafür ausgewählt haben:

Er ist einer der produktivsten deutschen Schriftgestalter und hat einige der hierzulande bekanntesten Logos entworfen. Seine eleganten Buchstabenformen zieren Zeitschriften in aller Welt. Bei MyFonts werden seine Schriften ständig erfolgreicher. Dennoch bleibt er bescheiden  – Ruhm und Ehre sind ihm nicht so wichtig. Lernen Sie Hubert Jocham kennen …

English version | Zur englischen Version …

Hubert, Du warst einer der letzten in Deutschland, die noch eine Setzerlehre durchlaufen haben. Selbst den Handsatz mit Bleilettern hast Du noch erlernt. War das eine bewusste Entscheidung – und hat Dir das in Deiner späteren Karriere geholfen?

Damals war es alles andere als glorreich, sich als der letzte in einer veralteten Technik ausbilden zu lassen. Alle anderen arbeiteten auf den Satzsystemen von Linotype und Berthold. Und natürlich habe ich das so nicht geplant. Ich hatte mit 17 wenig Ahnung worauf ich mich einließ. Nach der Ausbildung habe ich den Beruf des Bleisetzers, aufgrund des folgenden Studiums in Grafik-Design, nicht mehr lange ausgeübt. Nach und nach erkannte ich, wie umfassend und nachhaltig mich der Beruf des Schwarzkünstlers prägte. Und da gibt es wohl wenige in meinem Alter, die das noch erfahren konnten.

Beim Abschlussprojekt Deines Studiums hast Du Dich mit den Kursivschriften der Renaissance beschäftigt. Was hast Du dabei gelernt?

Während meines Designstudiums hatte ich viel über Schrift gelernt und die Augsburger Schule hat da bis heute vergleichsweise sehr viel zu bieten. Ich hatte jedoch nie eine Schrift entworfen. Die Beschäftigung mit der Kursive der Renaissance war ein Glücksgriff. Denn man muss die Kursive immer im Verhältnis zur Aufrechten betrachten. So lernte ich neben all den geschichtlichen Analysen sehr viel über das Verhältnis von Druckschrift und Handschrift, Statik und Dynamik, und – ganz wichtig – über Konvention und Formwille. Viele Erkenntnisse von damals prägen noch heute meine Arbeit.

Du hast recht bald eine internationale Karriere als Lettering-Künstler und Gestalter von maßgeschneiderten Satzschriften gestartet. Wie kam es dazu?

Nach meinem Abschluss arbeitete ich für verschiedene Design- und Werbeagenturen in Deutschland, und in meiner Freizeit fing ich an, Schriften zu zeichnen. 1996 ging ich dann für einen Monat nach London und versuchte, mit den berühmten Designern in Kontakt zu kommen, um ihnen meine Dienste anzubieten. Es kam zu ein paar Gesprächen, aber die meisten riefen nie zurück. Nur Martin Farran Lee, ein Editorial Designer, der später Art Director für das Magazin Arena wurde. Er brauchte einen Extralight-Schnitt einer Schrift für eine Publikation, an der er gerade arbeitete. Also zog ich mein altes PowerBook aus der Tasche und begann mit ein paar Skizzen. Es beeindruckte ihn, wie rasch die Dinge Form annahmen, und die nächsten Tage verbrachte ich damit, den Font fertigzustellen. Alle Kontakte, die ich später in der Magazinbranche knüpfen konnte, ergaben sich im Grunde aus diesem einen Treffen. (Heute ist Martin Professor in Göteborg, im Februar werde ich dort einen Logo-Workshop geben.)

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Buchstaben von Hubert Jocham in der Londoner Zeitschrift Arena

Ein Jahr später wollte ich aus persönlichen Gründen für eine Weile raus aus Deutschland und beschloss, mein Glück erneut in London zu versuchen. Ich sprach mit Günter Gerhard Lange, dem Type Director bei Berthold. Er sagte, ich müsse mich entscheiden, was ich sein will: entweder Schriftgestalter oder Grafikdesigner. Er riet mir, zu Henrion Ludlow & Schmidt in London zu gehen, um dort im Corporate Branding zu arbeiten. Langes Empfehlung öffnete mir die Türen zum Branding-Geschäft, und ich arbeitete ein Jahr lang bei Henrion. Glücklicherweise entdeckte man dort, dass ich gut in der Entwicklung von Schriftzügen, Symbolen und Piktogrammen war, was mich vor der Arbeit an Corporate-Identity-Handbüchern bewahrt hat. Allerdings war ich gegen Langes Rat parallel für die Zeitschriften Frank und Arena tätig und gestaltete Text- und Displayschriften.

Durch die Beziehungen, die ich in London knüpfte, war ich bald auch für Magazine in den USA und anderen Ländern tätig. Auf der anderen Seite bauten sich auch die Kontakte im Branding immer mehr aus. So verbringe ich bis heute bestimmt die Hälfte meiner Arbeitszeit mit der Gestaltung von Produkt- und Unternehmensmarkenzeichen für große Netzwerkagenturen wie Interbrand, Landor oder The Brand Union (früher Enterprise IG). Die Erfahrung im Publishing und Branding ist für meinen Schriftentwurf sehr wertvoll. Ich weiß recht genau, welche Schriften die Designer brauchen.

Innerhalb der Typoszene Deutschlands bist Du eher ein Außenseiter. Findest Du das auch?

Ja, auf jeden Fall. FontShop und das Umfeld von Erik Spiekermann okkupierten lange Zeit einen großen Teil dessen, was international als deutsches Schriftdesign galt. Wie schon erwähnt, bin ich für fast alle Branding-Netzwerke tätig – war es aber noch nie für Agenturen aus eben genanntem Umfeld.
Dann lebe ich auch noch in Bayern, weit weg von Berlin. Es gibt da einfach bisher wenig Berührungspunkte.

Hast Du Helden im deutschen oder internationalen Schriftdesign, oder gibt es Bewegungen, denen Du Dich besonders verbunden fühlst?

Ich habe da leider keine Helden. Ich schätze die Arbeit von vielen. Ich mag es, wenn eine Schrift Charakter und Kraft hat, ohne allzu originell zu sein. Ich arbeite mich gerne in fremde Traditionen ein und versuche sie neu zu interpretieren. Ich sammle Regeln, wie DwigginsMarionettenprinzip oder Tschicholds Ansichten über das, was schön und hässlich ist. Ein gewisses Maß an Humor braucht man da schon, denn Schriftdesigner sind in der Tendenz schon recht schräge Vögel, die schnell mal alles nur schwarz oder weiß sehen. Alles was mir hilft zu verstehen, wie Schriften funktionieren, ist gut.

Deine Lettering-Entwürfe für Markenzeichen und Magazine haben oft einen kalligraphischen Touch, viele Deiner Satzschriften ebenso. Wieviel davon ist tatsächlich von Hand geschrieben oder mit Tusche auf Papier gezeichnet? Kannst Du beschreiben, in welchen Schritten Du von einer ersten Idee zu einem fertigen digitalen Produkt gelangst?

Es ist eigentlich kaum etwas geschrieben. Gerade die Markenzeichen wie Hertie sind skizziert.

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Das Hertie-Logo (Abbildung © HDK AG)

Im Englischen würde man es als Lettering bezeichnen. Ich skizziere nach dem Prinzip von Gerrit Noordzij. Erst mit dem Bleistift im Winkel der Feder, um die Strichstärken zu erreichen und danach ergänze ich die Kontur. Wenn man dies schnell macht, ist es fast schreiben.

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Skizzen nach der Gerrit-Noordzij-Methode

Bei einer Serifenlosen oder selbst bei einer Antiqua skizziere ich fast nie. Da arbeite ich fast immer gleich in FontLab. Diesen kalligraphischen Touch gibt es auch nicht immer in meinen Schriften. Die NewLibris beispielsweise hat davon nicht sehr viel. Auch andere Schriften wie die Granat wirken eher konstruiert als kalligraphisch.

Viele Deiner über MyFonts erhältlichen Schriften sind Schreibschriften, die sich gut für Verpackungsdesign eignen. Ist das ein besonderes Interessengebiet von Dir?

Das interessiert mich sehr, weil ich sehr oft an Produktmarkenzeichen arbeite und viele Packaging Designer kenne. Dabei sprechen wir oft darüber, dass auf einer Packung selbstbewusste Pinselschriften benötigt werden. Vor ein paar Jahren gab es da kaum ein Angebot. Alle benutzten die Textile. Mittlerweile habe ich schon 7 verschiedene Pinselschriften entworfen, die alle bei MyFonts erhältlich sind.

Seit kurzem bietest Du auf MyFonts auch vermehrt textorientierte Schriftfamilien an, und in einer Deiner Beschreibungen offenbarst Du, dass Deine wahre Liebe den Textschriften gilt. Was macht das Gestalten solcher Schriften so reizvoll?

Textschriften sind konzentrierte Kultur. Schrift ist immer noch das wichtigste Medium. Viele Menschen gehen damit um. Bei einer Textschrift geht es um so weniger um die einzelnen Elemente, je kleiner sie wird. Das ist bei einer Serifenlosen noch vergleichsweise einfach. Eine klassische Antiqua hingegen muss sehr komplex komponiert werden. Es ist eine sehr reizvolle Aufgabe. Dabei liegt es mir immer am Herzen, mit meinen Textschriften auf die Anforderungen moderner Gestaltung einzugehen.

Du deckst eine breite Stilpalette ab und bist den Trends offenbar immer dicht auf den Fersen. Gefällt Dir der modische Aspekt von Typografie? Ist es Dir wichtig, schnell auf das zu reagieren, wonach der Markt momentan zu verlangen scheint?

Oh, das ist interessant. Eigentlich versuche ich immer zu vermeiden, jedem Trend zu folgen. Allerdings arbeite ich sehr viel für Magazine – vor allem Modemagazine – und gestalte spezielle Displayfonts. Die Mommie hatte ich ja zuerst für die französische Zeitschrift L’Officiel gestaltet.

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Aus diesem Titel für L’Officiel entstand später die Mommie

Auch die Narziss war ursprünglich zuerst für ein Modemagazin vorgesehen, das jedoch nie produziert wurde. Zeitschriften sind einfach ein wunderbares Medium, um Schriften auszuprobieren. Und dann beschäftigt man sich plötzlich mit Dingen, auf die man sonst nie gekommen wäre. Gerade das tut mir sehr gut als Schriftdesigner, der ja sonst langsam zum schrulligen Eremiten mutiert, wenn er nicht ab und zu gezwungen ist, über seinen Tellerrand rauszusehen.

Du hast einige der bekanntesten deutschen Logos gestaltet. Wie kommt man zu einem erfolgreichem Logo?

Erfolgreich ist ein gutes Stichwort. Das Hertie-Logo, eines meiner Lieblinge, wurde gerade erst symbolisch in der Spree versenkt. Das tut weh. [Anm. d. Redaktion: Der Hertie-Schriftzug wurde – dank des Berliner Buchstabenmuseums – nach der symbolischen Seebestattung in der Spree mit Hilfe der Gewerkschaft ver.di und der Hertie-Mitarbeiter wieder ins Trockene gebracht und in die Sammlung des Museums aufgenommen.] Man hat als Designer einfach wenig Einfluss auf den Erfolg eines Unternehmens. Es gibt da so viele andere Faktoren. Wenn ich an einer Markenzeichenentwicklung arbeite, mache ich mir über den möglichen Erfolg wenig Gedanken. Es geht meist darum, eine Marke angemessen zu modernisieren oder in verschiedenen Anmutungsrichtungen, ausgehend von einer Positionierung, zu entwickeln. Dabei schaffe ich für den Kunden zuerst eine Palette von Optionen in Form einer Evolution vom bestehenden Markenzeichen bis zu revolutionären Neuansätzen. Durch die Zwischenschritte merkt der Kunde dann sehr genau, wo er steht, und kann entscheiden, wo es hin gehen soll.
Viele Kunden sind für diese Vorgehensweise sehr dankbar, denn sie fühlen sich in ihrem Entscheidungsprozess ernst genommen. Es geht nicht darum, dem Kunden was schönes anzudrehen, sondern ihm einen maßgeschneiderten Anzug zu verkaufen, in dem er sich wohlfühlt und dann hoffentlich erfolgreich ist.

Gibt es für Dich als Schriftkünstler und Typedesigner eine Art Wunsch oder Traum – eine Errungenschaft, die sozusagen das i-Tüpfelchen darstellen würde?

Das Gestalten von Schriften fällt mir mittlerweile sehr leicht. Es ist eine Leidenschaft. Und es bedeutet, dass ich eine Schrift, die ich mir erträume zu machen, einfach mache. Wünschen tut man sich ja meinst Dinge, die man entweder nicht selbst bestimmen kann, oder zu denen man sein Leben ändern muss. Was die Dinge angeht, die ich nicht selbst bestimmen kann: dazu gehört z. B., bei großen Branding-Projekten nicht nur die Markenzeichen zu gestalten, sondern immer mehr auch die Corporate-Design-Schriften zu entwerfen.
Dinge, zu denen ich mein Leben ändern müsste – es klingt vielleicht paradox, aber ich wünsche mir ein paar Schriften weniger zu entwerfen, und mehr zu lernen, über verschiedene Schrift-Themen zu reden und zu schreiben, Workshops abzuhalten oder ein Buch über die unterschiedlichen Herangehensweisen im Schriftdesign zu schreiben. Wie oben schon erwähnt, die gesammelten losen Regeln verschiedener Schriftdesigner zu sammeln und Interessierten als Basis zur Verfügung zu stellen.

Das klingt nach einem interessanten Vorhaben. Wir hoffen, dass Du es bald angehen kannst. Vielen Dank!

~

Schriften von Hubert Jocham

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Die Flavour ist eine kräftig-köstliche Pinselschrift. Ihr Alleinstellungsmerkmal: fünf Stärken, von Light bis Bold. Die Strichstärken-Stufen liegen dicht beieinander, was von Vorteil ist, wenn man großen und kleinen Text optisch ähnlich erscheinen lassen will. Hervorragend geeignet für Verpackungen und Produkt-Branding.

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Wie der Name schon verrät, ist auch die Schoko eine großartige Schrift für Lebensmittel-Verpackungen. Sie ist spontan und dabei doch klar und lesbar; ein energiegeladener, fröhlicher Font, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

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Zu Beginn seiner Laufbahn in den frühen 1980ern war Jocham fasziniert von Schwellzugschriften im Spencerian Style. Das üppig-kurvenreiche Alphabet, das er für L’Officiel (Paris) zeichnete, stellt eine freie Variation dieses Themas dar. Später wurde daraus die Mommie, eine schräge und gleichzeitig schicke Titelschrift. Der Regular-Schnitt weist extrem feine Haarlinien auf – daher immer groß einsetzen (aber nie in VERSALIEN!).

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Nach der Mommie interessierte sich Jocham verstärkt für Schnörkel und Ornamente. Aus dieser Begeisterung heraus entstand die Narziss, eine neoklassizistische Headline-Schrift mit kugelförmigen Abschlüssen und Kringeln.
Die Grundidee hatte ausreichend Potential, um daraus eine Textversion abzuleiten: eine eigenwillige Didone, die jeder Buch- oder Magazinseite eine prachtvolle Note verleiht.

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Die Libris wurde ursprünglich 1997 für das Londoner Magazin Frank entworfen und kam später als Hausschrift für Bally Switzerland zum Einsatz. NewLibris ist die Retail-Version – eine klare zeitgenössische Serifenlose für Text und Headlines. Mit ihren gut lesbaren Formen und der breiten Strichstärkenpalette ist die prägnante Grotesk ideal geeignet für Editorial und Corporate Design.

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Die NewJune hat mit ihren offenen und einfachen Formen einiges mit der NewLibris gemein. Insgesamt ist das Konzept hier jedoch radikaler. Die Übergänge von Balken zu Bögen, bei denen alle überstehenden Enden gekappt wurden, ergeben ein sehr charakteristisches Bild. NewJune wird weltweit in Magazinen verwendet, so z.B. von Harvey Nichols (London) und W (New York).

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