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Slanted: Typografische Impulse aus Karlsruhe


Magma Brand Design ist eine mittelgroße Agentur in Karlsruhe, die trotz ihrer bescheidenen Größe (ca. 10 Mitarbeiter) unwahrscheinlich viel in der deutschen Kommunikationslandschaft bewegt. Das hat vor allem mit ihren zahlreichen Nebenprojekten zu tun, darunter Slanted (das Blog), Slanted (das quartalsweise erscheinende Printmagazin) und Typodarium, der Typo-Abrisskalender, welcher gerade zum zweiten Mal realisiert wurde. Obendrein gibt es noch Volcano, Magmas eigene Typefoundry.

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In einer Zeit, in der viele das Ende der gedruckten Medien vorhersagen und die Presse heftig über stetig sinkende Leserzahlen klagt, ist eine 10.000er-Auflage für eine vierteljährliche Zeitschrift, die einem so exotischen Thema wie dem ›Gefühl Typografie‹ gewidmet ist, ein kleines Wunder. Auch beeindruckend: das Blog Slanted.de erreicht momentan 1,6 Millionen Seitenaufrufe pro Monat.

Um mit so wenig Leuten soviel zu erreichen, sind nicht nur gute Ideen und eine spezielle Art von Energie gefragt – man braucht auch kluge Redaktions- und Produktionsmethoden. Und darin sind Slanted/Magma und ihr Chefstratege Lars Harmsen ziemlich genial. Slanted nutzt für seine Publikationen eine gewiefte Kombination von ›Community-Sourcing‹ und redaktioneller Arbeit, wodurch schnell auf Trends reagiert und eine ausgesprochene Spontanität bewahrt werden kann – das Ergebnis sind Druckwerke mit dem Enthusiasmus eines Blogs oder eines Fanzines. Während die meisten europäischen Designzeitschriften eine eher edle, qualitativ-hochwertige und etwas weltfremde Ausstrahlung bevorzugen, wirkt Slanted direkt, streetwise und dadurch sympathisch – man ist daher geneigt, ihnen die mittelmäßige Qualität mancher einzelner Beiträge nachzusehen. Was übrigens nicht heißt, dass in den Slanted-Publikationen nur die Stimme der alternativen Szene zu hören ist; auch etablierte Grafik- und Schriftdesigner liefern mittlerweile gerne Beiträge.

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Ein Musterbeispiel ist die neueste, zweite Ausgabe des Typodariums. Das Konzept ist einfach, aber effektiv: das Tageskalendarium als Schriftmuster, 365 Schriften von 180 Foundries und Designern – von uralt bis brandneu, von weltberühmt bis unentdeckt. Der Entwurf ist kollektiv: jeder Teilnehmer hat, basierend auf der Mustervorlage der Herausgeber, die eigenen Seiten redigiert und gestaltet. Funktional und ohne Schnickschnack produziert kommt das Ganze in einer hellgrünen Stülpschachtel daher, in der sich die abgerissenen Seiten schön sammeln lassen. Eine schlaue Lösung ist der auf der Außenseite durchlaufende Barcode. Im Typodarium bekommt jede Schrift die selbe Bühne und ist 24 Stunden lang berühmt. Fazit: eine demokratischere Weise, Schriften einem großen Publikum zu zeigen, ist kaum denkbar.

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Für eine Besprechung der Sommerausgabe des Slanted-Magazins, der Nr. 8, ist es vielleicht ein wenig zu spät. Sorry, liebe Leser, es gab soviel zu tun! Aber erwähnen möchten wir diese Nummer trotzdem. Inhaltlich und visuell ist es eine der besten Slanted-Hefte überhaupt. Die traditionelle Schwarzweiß-Strecke mit Schriftmustern rund um ein Thema ist sehr gelungen: Leitmotiv ist ›3D‹, und die Ausbeute ist beeindruckend. Mit Viktor Nübels Ostblock hat Volcano, Magmas Schriftlabel, übrigens eine der raffiniertesten dreidimensionalen Schriften der letzten Zeit veröffentlicht.

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Der neueste Streich des Slanted-Konglomerats ist Typeviews, ein Kompendium von Interviews, die Slanted seit 2004 mit Typo-Spezialisten geführt hat, ›um mehr über die Gestaltenden und ihre Arbeit zu erfahren, direkt und aus erster Hand.‹ 61 dieser zuvor in den Heften und auf dem Weblog veröffentlichten Gespräche wurden in Typeviews gebündelt und der Zeitgeist somit dauerhaft auf Papier gebannt. Auch schließt Slanted so die Lücke zu den ersten fünf bereits vergriffenen Ausgaben des Magazins. Zu den Interview-Gästen zählen internationale Koryphäen wie Ruedi Baur, Ed Benguiat, April Greiman, Jean François Porchez und Stefan Sagmeister. Im deutschsprachigen Bereich wurden u.a. Erik Spiekermann, Büro Destruct, Fons Hickmann, Christoph Keller, Mario Lombardo, Vier5, Kurt Weidemann und Cornel Windlin befragt; das MyFonts-Team wird durch John Collins und Jan Middendorp repräsentiert.

Die minimalistische redaktionelle Herangehensweise (in anderen Worten: die offensichtlich ungefilterte Wiedergabe von E-Mail-Wechseln und Interviewmitschnitten) wirkt im Kontext eines Buches nicht so natürlich wie im Blog oder Magazin. Wortkarge Online-Interviews aus der Anfangszeit kontrastieren scharf mit manchen allzu ausführlichen Dialogen. Dadurch wirkt das Buch etwas unausgewogen. Vielleicht soll das so sein … unprätentiös und direkt. Am besten gefallen uns aber die Interviews, wo ein Gleichgewicht gefunden wird zwischen Spontanität und fachlichem Ernst, etwa das Gespräch von Ivo Gabrowitsch mit Jürgen Huber, oder der Dialog Lars HarmsenHorstMoser. Insgesamt ist das Buch ein einzigartiges Dokument einer Kommunikationskultur, in dem sich Ernst und Oberflächlichkeit abwechseln, manchmal sogar kaum voneinander zu unterscheiden sind.

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