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Letterlap: Stickschriften. Eine Mustersammlung. / Gestickte Schrift. Zwanzig Stichpunkte.


Nach extra: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung stellen wir im zweiten Teil unserer Miniserie zu den »Schönsten deutschen Büchern« einen weiteren Preisträger dieses Wettbewerbs für Buchgestaltung vor. Florian Hardwig hat sich Letterlap angesehen, ein Buch, das sich den Formen und Hintergründen von gestickter Schrift widmet.

Letterlap ist ein zweiteiliges Werk. Unter dem Titel Stickschriften. Eine Mustersammlung. werden auf sieben Faltblättern insgesamt 60 Schriftproben präsentiert. Diese Beispiele wurden von Janine Thaler im Rahmen ihrer Diplomarbeit 2006 ab der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig zusammengetragen und digitalisiert.

Ergänzt werden die Faltblätter durch ein Leseheft mit dem Titel Gestickte Schrift. Zwanzig Stichpunkte zur Geschichte einer textilen Schreibtechnik. Auf 64 Seiten beleuchtet der Autor Jan Wenzel darin verschiedene Aspekte der Kulturgeschichte des Stickens im Allgemeinen und die der damit geschaffenen Buchstaben im Speziellen.

Faszination Stickschriften: Für den Schuber wird die Gestaltung der Faltblätter aufgenommen und ein Querschnitt durch die Formvielfalt der dort vorgestellten Muster präsentiert.

Stickmustertücher sind im europäischen Raum seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Neben geometrischen und figürlichen Mustern tragen diese Handarbeitsproben stets auch Buchstaben oder Ziffern; im norddeutschen Raum heißen sie deshalb auch ›Letterlap‹. Zunächst fungierten sie als wild wachsende, notizbuchartige Arbeitsressource, ab dem 18. Jahrhundert wurden ihre Motive als Gesamtbild konzipiert, das die Kunstfertigkeit und Meisterschaft der Stickerin belegen sollte. Später war das Besticken eines Mustertuchs dann fester Unterrichtsbestandteil an den Industrieschulen für Mädchen.

Auch gedruckte Vorlagen zum Nachsticken sind schon sehr früh nachweisbar. Um 1523 erschien in Augsburg ein von Hans Schönsperger gedrucktes Furm- oder Modelbüchlein. Er lässt diesem weitere Bücher folgen, in denen verschiedene Buchstabenformen präsentiert werden; zur leichteren Übertragung sind manche Schriftmuster dort bereits auf einem Grundnetz stehend abgebildet.

Janine Thaler hat diesen reichhaltigen Formenschatz erforscht und daraus sechzig sehenswerte Beispiele ausgewählt, um sie in Letterlap digital aufbereitet zu präsentieren. Das Spektrum der Auslese reicht von Textura und Fraktur über serifenbetonte Egyptienne, dekorierte Toscanienne und umrandete Antiqua bis hin zu französischer Ronde und Englischer Schreibschrift. Sogar zwei Exempel für gestickte Deutsche Kurrent – der verbunden geschriebenen Schwester der Fraktur – sind enthalten.

In der Regel umfasst ein Muster entweder Klein- oder Großbuchstaben (in den wenigsten Vorlagen kommt beides vor); manchmal auch lediglich Ziffern. Einige Zeichensätze sind fragmentarisch; das Alphabet bricht bei R oder T ab – vermutlich war der Platz eben aufgebraucht, das Tuch vollgestickt. In anderen Fällen wird eine erst halbvolle Endzeile noch mit ein paar Ziffern oder Sonderzeichen aufgefüllt.

Eine rote Banderole hält die sieben Faltblätter mit den chronologisch und geografisch gruppierten Schriftmustern zusammen. Das darauf im Siebdruck aufgebrachte Inhaltsverzeichnis ermöglicht eine schnelle Orientierung.

Wer die ganze Pracht der aufgefalteten Musterblätter bestaunen möchte, muss über viel Wand- bzw. Bodenfläche verfügen: Sieben DIN-A1-Poster ergeben zusammen stolze dreieinhalb Quadratmeter Stickbuchstaben!

Die digitalisierten Funde werden dreifarbig in Rot, Grün und Hellblau auf einem in hellem Ockerton gedruckten Raster gezeigt. Hier ein Versal-A von 1703 aus dem niederländischen Groningen.

Auch gebrochene Schrifttypen lassen sich auf Stickmustertüchern finden. Die Vorlage zu dieser Fraktur wurde 1845 von Emma Hagel gestickt – man beachte die beiden Formen der s-Minuskel, rund-s und lang-ſ.

Eine mit Blümchen verzierte Anglaise aus Schlesien. Die runden, geschwungenen Formen dieses Schreibschrift-Stils wurden 1833 von Marie Brehm gekonnt für den groben Raster des Stickgrunds adaptiert.

Blindprägung auf dem Gewebeeinband des Lesehefts – gesetzt aus zwei digitalisierten Schriften nach gestickten Vorlagen von Alice Ollier (Frankreich, 1838).

Sind die großformatigen Faltblätter vor allem etwas für passionierte Buchstabenfreunde, so öffnen die Texte im Begleitheft das Feld nach allen möglichen Richtungen. Mäandrierend reißt Jan Wenzel in zwanzig passend benannten »Stichpunkten« unterschiedliche Themen an: Von der Etymologie des Wortes Sticken geht es zu einer Einführung in die Praxis, inklusive technischer Illustrationen zum Umgang mit Nadel und Faden. Grundlegende Sticharten wie Kreuz-, Holbein- oder Gobelinstich werden unterschieden. Mit einem Exkurs zum Bildteppich von Bayeux, welcher auch Textzeilen enthält, wird zur gestickten Schrift übergeleitet.

Ein Schwerpunkt liegt auf Stickschrift als dezidiert weiblich konnotierte, in der Schriftgeschichte meist marginalisierte Kulturtechnik. Wurde der Beruf des Stickers zunächst von Männern ausgeübt, so verschoben sich im 16. Jahrhundert die Geschlechterrollen, Sticken wurde zunehmend zur Domäne der Frauen. Besprochen wird das Sticken von Buchstaben einerseits als reproduzierende, diszplinierende, zu Fleiß und Ausdauer erziehende Pflichtbeschäftigung junger Frauen, wobei dem Stickmustertuch als Tauglichkeitsnachweis bzw. dem mit Monogrammen zu bestickenden ›Weißzeug‹ als Aussteuer eine Rolle bei der Positionierung auf dem Heiratsmarkt zukam. Andererseits wird auch aufgezeigt, wie das Schreiben mit der Nadel zur kreativen und individuellen Ausdrucksmöglichkeit von in ihrer Artikulation anderweitig eingeschränkten Frauen werden kann – sehr eindringlich belegen dies die textilen Schriftstücke, die von Psychatrie-Patientinnen um 1900 erhalten sind.

Im Englischen heißt der Letterlap ›Sampler‹. Wie in der elektronischen Musik werden auf den Stickmustertüchern Fragmente und Ausschnitte diverser Vorlagen kopiert und neu zusammengefügt, ›gesamplet‹. Der strenge Raster des gewebten Stickgrunds findet in der niedrigauflösenden Oberfläche von Computer-Monitoren oder LED-Displays seine heutige Entsprechung. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich aktuelle Künstler – wie etwa das japanische Musiker- und Designerkollektiv Delaware – von der Ästhetik des Kreuzstichs inspiriert zeigen oder, bei der Gestaltung von Pixel– bzw. Bitmapfonts, zu Lösungen gelangen, die jenen der Stickerinnen aus vergangenen Jahrhunderten sehr ähnlich sind.

Schade nur, dass all diese interessanten Aspekte nur kurz angesprochen werden können. Um so erfreulicher, dass jeweils Verweise auf Quellmaterial und weiterführende Literatur – beispielsweise Nina Stössingers in der Reihe Signa. Beiträge zur Signographie erschienenes Heft über Das gefügte Zeichen – enthalten sind.

Doppelseitengestaltung. Links: Stickschrift als Reproduktion. Abbildung aus einem Schweizer Handarbeits-Lehrbuch, darunter das von einer Schülerin gestickte Mustertuch.

Im Anhang des Lesehefts werden alle Schriftmuster nochmals verkleinert einfarbig abgebildet. Die begleitenden Anmerkungen geben Auskunft über Entstehungsort und -jahr, Schriftkategorie, Zeichenumfang, Stichart und Quelle. Dieser Part hätte fundierter ausfallen können. So wird ein Versal-N fälschlicherweise als »spiegelverkehrt« bezeichnet, nur weil es der Minuskelkonstruktion folgt; ein Satz lombardischer Schmuckversalien wird etwas sehr nivellierend als »serifenbetonter Typus« klassifiziert; und die als »bemerkenswert« hervorgehobenen Ligaturen einer Alphabetreihe scheinen doch eher – aufgrund mangelnder Zurichtung – zufällig zusammenstoßende Buchstabenpaare zu sein. Mal für mal wird – selbst bei den gebrochenen Schriften – das Fehlen eines versalen J vermerkt, anstatt allgemein zu erläutern, dass die Zusammensetzung des Alphabets von der jeweiligen Sprache (besser noch: Orthografie) und Epoche bestimmt wird und das J als eigenständiger Buchstabe eine relativ junge Ergänzung darstellt – in ähnlicher Form gilt das für U/V.

Der erste Teil des Hefts mit den Zwanzig Stichpunkten ist zweifarbig schwarz und grün, der zweite Teil mit den Erläuterungen zur Mustersammlung grün und ocker – auf opakerem Papier – gedruckt.

Der Text ist in zweispaltigem Flattersatz aus einer Garamond gesetzt – mit ihrer feinen Kursive, den Mediävalziffern, dem breiten Eszett und den langen Q-Schwüngen eine Augenweide. Einziger – leicht verkraftbarer – Wermutstropfen ist, dass die fi-/fl-Ligaturen nicht immer konsistent eingesetzt wurden. Das offene, den Schwarz-Weiß-Abbildungen großzügig Platz einräumende Layout wird durch kräftige Linien fixiert: so wie das Tuch zum Besticken auf einen Rahmen gespannt wird, rahmen die Linien hier den Satzspiegel und machen ihn als Gestaltungsfläche der Buchseite sichtbar.

Für die ausgezeichnete Buchgestaltung und Typografie zeichnet Janine Thaler verantwortlich, die auch Initiatorin des Buchs ist. Bei ihrer Recherche trug sie Stickschriften aus dem 17. bis zum frühen 20. Jahrhundert zusammen. Teils stammen ihre Funde aus Büchern, teils aus Sammlungen wie der des Deutschen Stickmuster-Museums Celle, des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg oder des Museums für Volkskunde Berlin. Dass diese Anstrengung gleichsam große Freude bereitet hat, ist Letterlap in all den liebevoll gestalteten Details anzusehen. Der auf dem Gewebeeinband blindgeprägte Sinnspruch lässt sich daher auch als selbstreferentieller Kommentar zur Entstehung dieses Buchs lesen: »Lust und Liebe zu einem Dinge macht alle Müh und Arbeit geringe«.

Herausgegeben wurde Letterlap von dem an der Hochschule für Grafik und Buchkunst angesiedelten und von Julia Blume und Günter Karl Bose geleiteten Institut für Buchkunst Leipzig, an dem bereits weitere preisgekrönte Titel entstanden sind. So erhielt Jakob Kirch für sein Buch Platz ist wo’s hinkommt über die Bildwelten von DDR-Heimwerker-Magazinen kürzlich den Walter-Tiemann-Förderpreis. XX, eine Arbeit von Elisabeth Hinrichs, Aileen Ittner und Daniel Rother über die SS-Rune als Sonderzeichen auf Schreibmaschinen – wie Letterlap in der Serie orange files. Studien zur Grammatologie erschienen – wurde im Rahmen des Wettbewerbs »Schönste Bücher aus aller Welt« auf der Leipziger Buchmesse sogar mit der Goldenen Letter ausgezeichnet.

Letterlap
Stickschriften. Eine Mustersammlung. / Gestickte Schrift. Zwanzig Stichpunkte zur Geschichte einer textilen Schreibtechnik.

von Janine Thaler, Jan Wenzel
orange files. Studien zur Grammatologie #3

Institut für Buchkunst Leipzig, 2009 | ISBN: 978-3932865497

Heft (64 Seiten) + 7 Faltblätter in Schuber | Auflage: 500 Exemplare | € 27

Eine Toscanienne (Deutschland, 1850) mit den charakteristischen gespreizten Serifen und dornenartigen Ansätzen auf halber Höhe.

Versal-W aus einer Zierschrift im lombardischen Stil (Deutschland, Mitte des 18. Jh.): Die Buchstaben bestehen aus stilisierten drachenartigen Fabelwesen.

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