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TypeTalks 2010 in Brno, Teil 2


Von der Tornado-Glyphe, den Vorzügen des Studentenstatus, Typo-Snobs und der Kunst der Kuppelei

TypeTalks-Plakat

Im ersten Teil des Berichts zu den TypeTalks in Brno hatte ich die Präsentationen von Michael Hochleitner, Rob Keller und mir selbst zusammengefasst. Hier in Teil 2 geht es um das Nachmittagsprogramm der TypeTalks, mit Vorträgen von Veronika Burian, Dan Rhatigan, Dan Reynolds und Tomáš Brousil.

Das TypeTalks-Publikum

Gut gestärkt mit tschechischen Knedlíky und Palačinky findet sich das Publikum nach der Mittagspause wieder im Haus der Künste ein.

TypeTalks: Tomáš Brousil

Mit seiner Suitcase Type Foundry ist Tomáš Brousil eine etablierte Größe im tschechischen Typedesign. Durch Veröffentlichungen wie Bistro Script oder Purista findet der vielseitig talentierte Gestalter längst auch international Beachtung.

Das TypeTalks-Publikum

Tomáš Brousil spricht auf Tschechisch. Dank David Březinas Live-Übersetzung ins Englische können auch die internationalen Gäste folgen.

Bei den TypeTalks stellt Tomáš sein jüngstes, noch unveröffentlichtes Werk vor. Tabac ist ein Schriftsystem für Zeitungs- und Magazintypografie, und es ist ein wahres Mammutprojekt. Als er den Umfang umreißt, ertönt aus dem Publikum ein ungläubiges bis bewunderndes Raunen: 96 Einzelschnitte wird die Schriftfamilie enthalten.

Tomáš Brousil: Die Struktur der Tabac-Familie

Neben dem Fettegrad (von Regular über Medium und Semibold bis Bold) und der Breite (Normal, Narrow und Condensed) kennt das System der Tabac eine dritte Achse, den Duktus. In vier Abstufungen (Grades) wird aus einer grazilen Displayschrift mit ausgeprägtem vertikalen Kontrast und spitz zulaufenden Serifen (Grade 1) eine robuste, serifenbetonte Textschrift mit einer fast gleichbleibenden Strichstärke (Grade 4). Die feine Grade 1 hat ihre Stärken in großen Anwendungen wie Titeln und Überschriften, während die detailarme Grade 4 eher am unteren Ende der Größenskala angesiedelt ist, sich also für Bildtitel, Fußnoten und anderes Kleingedrucktes eignet. Neben dem Aspekt der optischen Größe können Typografen das Grades-System auch dazu benutzen, um in letzter Sekunde auf die Qualität des Druckträgers zu reagieren: ist das Zeitungspapier schlechter als erwartet, wechselt man z.B. von Grade 2 auf 3. Die kräftigeren Formen verkraften einen saugstarken, ungleichmäßigen Untergrund und gewährleisten selbst unter ungünstigen Bedingungen eine ordentliche Lesbarkeit. Der Clou dabei: die Metrik aller Grades ist gleich, bei einem Wechsel kommt es deshalb nicht zu Veränderungen des Umbruchs.

Tomáš Brousil: Tabac-Dingbats
Auch hinsichtlich des Zeichenumfangs lautet Tomáš’ Motto offenbar ›Klotzen, nicht kleckern!‹. Seine Tabac hat er mit einer Unzahl von brauchbaren und, wie er augenzwinkernd gesteht, weniger brauchbaren Glyphen hochgerüstet. Neben einem wahren Pfeilregen gibt es Spielkarten-Symbole, für französisches und deutsches Blatt. Speziell für die Bewertung von Filmen oder Büchern in Rezensionen stehen Stern- und Halbstern-Formen zur Verfügung. Um die Wettervorhersage typografisch illustrieren zu können, enthält die Schrift ein komplettes Set von Wetter-Piktogrammen, von ›Gewitter‹ über ›Schneeregen‹ bis ›Tornado‹. Selbst an die Schachecke ist gedacht: dank ausgeklügelter OpenType-Technik (contextual alternates) lässt sich im Handumdrehen ein schwarz-weiß kariertes Schachfeld mitsamt Figuren setzen.

Tomáš Brousil: Tabac-Specimen

Die Tabac-Großfamilie wird in Kürze bei der Suitcase Type Foundry erscheinen.

TypeTalks: Dan Reynolds

Nach Tomáš betritt Dan Reynolds die Bühne. Der gebürtige US-Amerikaner, der in Berlin lebt, in Bad Homburg für Linotype arbeitet und an der Hochschule Darmstadt unterrichtet, erzählt von der Leidenschaft des jungen Multiscript-Schriftgestalters. Am Beispiel seines eigenen Werdegangs beschreibt er das Berufsbild des modernen Typedesigners – inklusive der Außenwahrnehmung. Dan beginnt mit einer Anekdote aus seiner Zeit an der University of Reading. In einem Pub wird er angesprochen, ob er vielleicht Sänger in einer Rockband sei. Als Dan erläutert, dass er Student im Masters-Programm für Schriftgestaltung sei, entgegnet der Mann: »Okay – also prinzipiell dasselbe.«

Dan Reynolds: Rußproben von Victor Hammer

Rußproben von Victor Hammer

Durch die digitalen Werkzeuge ist der Gestaltungsprozess schneller geworden. Schriftentwürfe können heute problemlos in per Generator erstellten Text umgesetzt und via Laserdrucker ausgegeben werden. Änderungen lassen sich sofort im Font-Editor vornehmen und unmittelbar im nächsten Ausdruck überprüfen. Wie mühsam dagegen die Arbeit des Stempelschneiders erscheint, der sein Werk einzeln über Rußproben kontrollieren musste, keinen Rückgängig-Befehl kannte und so selten mehr als ein Zeichen pro Tag schaffte!

An die zahlreich im Publikum vertretenen Studenten richtet Dan einen eindringlichen Appell: sie müssen sich ihrer einzigartigen Position bewusst werden und diese nutzen. Als er während seiner Reading-Zeit versucht, in London indische Zeitungstypografie zu recherchieren, stößt er zwar auf Verblüffung und muss mehrere Irrwege gehen, doch wird ihm stets und überall bereitwillig weitergeholfen. Am Ende findet er sich – ausgestattet mit zahlreichen Tips und Empfehlungen – im Flieger nach Indien wieder. So etwas sei nur als Student möglich – würde er heute als Berufstätiger bei der Royal Asiatic Society oder dem Nehru Centre anklopfen, blieben ihm die meisten Türen wohl verschlossen.

Dan Reynolds: Malabar, Latein und Devanagari

Die Malabar umfasst neben den lateinischen Buchstaben auch Devanagari-Zeichen. Die Kontrastachse ist bei diesem indischen Schriftsystem genau zur anderen Seite geneigt. Um trotzdem eine möglichst große stilistische Verwandtschaft zu etablieren, hat der Gestalter formal ähnliche Lösungen für Details wie Strichenden eingesetzt.

Dan Reynolds: Zitat Matthew Carter

Die Typedesign-Koryphäe Matthew Carter ist der Meinung, es gäbe heute mehr fähige Schriftgestalter unter 30 Jahren als jemals zuvor – Zitat gesetzt in Malabar.

Zum Ende seines Vortrags stellt Dan kurz vier weitere junge Designer vor, die wie er in Reading studiert haben und exemplarisch für eine Generation stehen, die sich wie selbstverständlich mit fremden Schriftsystemen auseinandersetzt: Mathieu Réguer (Paris), der sich an eine lateinisch-arabische Sippe aus Serifenloser und Antiqua wagte; Dr. Jo de Baerdemaeker (Antwerpen), Spezialist für tibetische Schrift; Dan Rhatigan (siehe unten) und David Březina (Brno), dessen Skolar neben den bereits erhältlichen lateinischen und kyrillischen Zeichen in Zukunft um Griechisch und Gujarati erweitert werden wird.

TypeTalks: Dan Rhatigan

Dan Rhatigan ist der Überraschungsgast des Tages. Der in London lebende US-Amerikaner beschäftigt sich zur Zeit im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojekts der University of Reading und Monotype Imaging mit der Erforschung und Gestaltung nicht-lateinischer Schriftsysteme, insbesondere solcher, die für indische Sprachen verwendet werden.

Dan Rhatigan: How I learned to stop worrying and love bad type

Dan Rhatigan: Sale

In seiner im Titel auf Stanley Kubrick verweisenden Präsentation How I learned to stop worrying and love bad type geht Dan zunächst auf ein anderes Thema ein. Es ist ein Leichtes, exquisite Typografie und edle Schriften zu bewundern. Ebenso einfach ist es, auf weniger gelungene Entwürfe herabzublicken und die alltägliche Realität von Laientypografie und Grafikdesign-Pfusch zu ignorieren. Doch manche dieser ›hässlichen‹ Buchstaben erfüllen ihre Aufgaben wunderbar, ihrer ästhetischen Schwäche zum Trotz. Es lohnt sich, genauer hinzusehen um herauszufinden, warum manche Dinge nicht – oder gerade schon – funktionieren. Wer aufhört, ein Typo-Snob zu sein, der kann eine Menge lernen.

Dan Rhatigan: Schildermaler in Indien

Das unvoreingenommen Beobachten hilft Dan auch beim Entwerfen indischer Schriftzeichen. In Chennai (Tamil Nadu) sah er zwei Schriftmalern bei ihrem Handwerk zu. So erfuhr er, in welcher Reihenfolge die verschiedenen Elemente der Schrift zusammengeführt werden und welcher Spielraum bei der Ausgestaltung zulässig ist. Auch das Studium von Verpackungen, Schildern oder Anzeigen – alles Bereiche, in denen die Gestaltung oft von Amateuren gemacht wird – kann aufschlussreich sein. Dan betont, dass ›schlecht‹ ein sehr subjektiver Begriff ist. Wichtig ist es, kritisch, aber zugleich objektiv zu sein und Funktionalität nicht mit dem eigenen Geschmack zu verwechseln.

Dan Rhatigan: ein Font für viele verschiedene Schriftsysteme

Multiscript-Font für Indien – Dan Rhatigan überprüft den Grauwert und die stilistische Verwandtschaft zwischen den verschiedenen Schriftsystemen.

TypeTalks: Veronika Burian
Abgerundet wird der Tag durch Veronika Burian, Gründerin der Foundry Type Together und einzige weibliche Sprecherin auf den TypeTalks.

In ihrem Vortrag geht es um typografische Kuppelei – also welche Faktoren beim Kombinieren von Schriften beachtet werden müssen. Zunächst analysiert Veronika die Kriterien, die bei der Wahl einer Schrift generell eine Rolle spielen. Neben morphologisch-funktionalen Fragen (Handelt es sich um Text oder Titelei? Wird der Text linear oder selektiv gelesen? Welche Sprachen kommen vor, welche Zeichen müssen also enthalten sein?) gibt es auch technische Aspekte (Wird der Text am Bildschirm gelesen, ist der Font dafür optimiert? Liegt die Schrift im richtigen Fontformat vor?). Zentral ist desweiteren natürlich die Ästhetik: Passt die Anmutung zum Inhalt, zur beabsichtigten Wirkung und Lautstärke, zu den anderen eingesetzten Schriften? Auch ökonomische Überlegungen entscheiden über die Schriftwahl: Wie hoch sind die Lizenzgebühren, wie viele Lizenzen müssen bezahlt werden? Lassen sich die Fonts später für andere Projekte wiederverwenden?

Veronika Burian: Zitat Alan Halley

»Mit Fonts verhält es sich wie mit Kartoffelchips und Buchstaben in Abkürzungen: ein einziger reicht selten aus.« – Zitat von Allan Haley, gesetzt in Ronnia

Weil eine einzige Schriftart schnell monoton und langweilig wirken kann, werden Schriften gerne gemischt – klassischerweise eine Antiqua (mit Serifen) mit einer Grotesk (ohne Serifen). Wenn Schriften in einer Zeile nebeneinander stehen und optisch gleichwertig erscheinen sollen, muss die x-Höhe angeglichen werden. Der numerische Schriftgrad dagegen ist irrelevant. Für eine harmonische Verbindung empfiehlt es sich, Schriften mit ähnlichem Grundcharakter zu wählen, also z.B. eine organische Serifenlose mit einer organischen Serifenschrift, oder eine mechanische Grotesk mit einer ebenfalls eher mechanischen Antiqua.

Leichter wird das Schriftenmischen, wenn man sich auf Kontrast konzentriert – so zitiert Veronika die Typografin Indra Kupferschmid. Wenn die Aufgabenteilung der beteiligten Schriften klar definiert ist, sind stilistische Differenzen eher möglich. Auch deutliche Größenunterschiede sind beim Mischen anderweitig wenig kompatibler Schriften von Vorteil. Besonders viel Erfahrung und Geschick erfordern »gleichgeschlechtliche Paare«, also die Kombination von z.B. zwei Serifenlosen.

Anhand zahlreicher Alltagsbeispiele aus der Zeitungs-, Magazin- und Buchcover-Typografie bespricht Veronika, welche Kombinationen gut, welche weniger gut funktionieren und erklärt, warum dies so ist. Manchmal, so räumt sie ein, ist es natürlich auch eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Veronika Burian: Dominante und UnterwürfigeVeronika Burian: Heirat zwischen Cousin und Cousine

Jedes Kapitel ist mit einer Buchstaben-Beziehung des argentinischen Zeichners Damian Couceiro illustriert.

Schriftgestalter reagieren auf die Bedürfnisse von Typografen und Grafikdesignern und schaffen Schriftsippen, die mit Sans- und Serifenvariante gleich beide Partner enthalten. Die einzelnen Schnitte solcher Systeme sind ideal aufeinander abgestimmt und bieten eine schnelle Lösung für komplexe Aufgaben.
Veronika Burian: Karmina Serif und Karmina Sans

Karmina (Serif) und Karmina Sans, eine Schriftsippe von Veronika Burian und José Scaglione

David Březina und das TypeTalks-Team

TypeTalks-Ausrichter David Březina und sein studentisches Team holen sich am Ende eines äußerst interessanten Symposiums den verdienten Applaus ab.

Auch wenn es schwierig ist, eine Veranstaltung zu beurteilen, in die man selbst involviert ist, meine ich, dass die ersten TypeTalks ein voller Erfolg waren. Besonders gut gefallen haben mir die entspannte Atmosphäre mit der – dank der moderaten Preisgestaltung – richtigen Mischung aus studentischem und professionellem Publikum, die ambitionierte und doch reibungslos funktionierende Organisation und nicht zuletzt die hochwertigen Vorträge. Anders als bei vielen anderen Konferenzen gab es keine einzige Portfolio-Nabelschau. Selbst dort, wo die eigene Arbeit im Mittelpunkt stand (wie bei Tomáš Brousil), waren dies keine schon oft gesehenen Retrospektiven, sondern exklusive Einblicke in aktuelle Projekte.

Ich wünsche mir, dass die TypeTalks im nächsten oder spätestens übernächsten Jahr eine Fortsetzung erfahren und kann jedem an Schrift und Typografie Interessierten die Reise nach Brno ans Herz legen.

Die Dächer von Brno

Blick auf Brno

Weitere Berichte von den diesjährigen TypeTalks:
Michael Hochleitner: TypeTalks 2010 in Brno auf Typejockeys.com
Dan Reynolds: First Brno TypeTalks auf Typeoff.de

Alle Abbildungen: © bei den jeweiligen Vortragenden. Fotos: Rob Keller, Florian Hardwig

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