Oliva
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Von Viktor Nübel kommt eine aufregende Displayschrift, die mit ihren starken Rundformen an die Flower-Power-Ästhetik der späten 1960er, die Plattencover von Soul und Funk der 1970er und auch ein wenig an die Disco-Ära erinnert.
Oliva ist konstruiert und dekorativ zugleich. Die Buchstaben sind rund um ein Grundmotiv entworfen: fast alle enthalten ein ganzes oder halbiertes Oval, der Weißflächenanteil ist auf ein Minimum reduziert. Manche Zeichen wie å oder š könnten glatt als futuristische Schachfiguren durchgehen, andere als Vorlagen zu Fantastic-Plastic-Designermöbeln dienen. Diese Abstraktion ist zwar nicht immer ideal für die Lesbarkeit (darum geht es bei Displayschriften auch nicht), sorgt aber für die nötige Wucht in Wortmarken und Titelzeilen, auf Schildern oder Plakaten.

Viktor hat sich von zwei charakterstarken Typen inspirieren lassen. Seine Oliva sieht er als das Kind von Futura Black und Motter Ombra.
Erstere geht zurück auf Paul Renner, der sie – seinerseits angeregt durch Schablonenschriften des Bauhaus-Lehrers Josef Albers – 1929 für die Bauersche Gießerei entwickelt hat, als dekorative Ergänzung zu seiner berühmten Grotesk-Familie.
Futura Black auf dem Cover des Architekturführers Neues Bauen in Berlin (Hrsg.: Heinz Johannes, 1931). Foto: Felix Wiedler

Wie die Futura Black besitzt die Oliva keinerlei geschlossenen Punzen (nichtdruckende Innenflächen). Daher lässt sie sich prinzipiell auch als Stencil-Schrift einsetzen. Um eine wirklich funktionale Vorlage zum Schablonieren zu erhalten, müssten aber zunächst die filigranen Stege verstärkt werden.

Motter Ombra in einem spanischen Letraset-Katalog von 1980. Abbildung: Ignacio Martinez
Motter Ombra wurde 1972 vom Österreicher Othmar Motter (Vorarlberger Graphik) entworfen. Eine digitale Version ist erst seit kurzem über die von Motters Söhnen betriebene Website Motterfonts.com erhältlich.

Vier weitere stilistisch verwandte Schriften: Die Rotola von Karl-Heinz Lange (1985/2007) beruht auf dem Motiv der Drehung. Mit ihren floralen Formen erinnert sie an den Jugendstil. Die Sho (1992) von Karlgeorg Hoefer dagegen mutet durch ihren schwungvollen Pinselstrich eher fernöstlich an. Mit der Oliva hat sie den freistehenden ovalen Abschluß in Buchstaben wie dem O gemeinsam. Die Kare (2009) des Bulgaren Svetoslav Simov basiert direkt auf der Motter Ombra, kann aber nicht an das Charisma des Originals heranreichen. Um diese kurze Übersicht vergleichbarer Fonts abzurunden, sei noch eine Neuerscheinung erwähnt: Während ihres Studiums in Reading gestaltete die Dänin Anette Schmidt eine eindrucksvolle Displayschrift mit Retro-Charme, die kürzlich als Anglaise veröffentlicht wurde.

Oliva hat sexy Pfeile für alle 8 Richtungen
Oliva mag ästhetisch eine Retro-Schrift sein, von der technischen Seite her ist sie auf dem neuesten Stand. Als OpenType-Pro-Font bringt sie alle Zeichen mit, die nötig sind, um west- und mitteleuropäische Sprachen inklusive Baltisch und Türkisch zu setzen. Über OpenType-Funktionen lassen sich diverse Ligaturen, hoch- und tiefgestellte Ziffern und Ornamente aufrufen. Wem die angeschnittenen runden i-Punkte nicht gefallen, kann sie in einem Klick durch eine rechteckige Alternativform tauschen. Ein besonderer Blickfang sind die kurvenreichen Pfeile.

OpenType-Features: Ornamente, Bruchziffern und Alternativformen. Untere Reihe: diakritische Zeichen für allerlei Fremdsprachen

Der Zeichenumfang der Oliva – mit 424 Glyphen bleibt kaum ein Wunsch offen.

Oliva in Anwendung – auf den Visitenkarten des Gestalters

Ein Blick ins Skizzenbuch verrät: Viktor zeichnet schon an einer Erweiterung. Eventuell gibt es demnächst auch eine kursive Oliva.







