Tag 3: Von Sprachproblemen und dem Lettering Walk – ATypI 2010 in Dublin

Autor: Florian Hardwig


Im letzten Teil meiner Serie von der ATypI 2010 in Dublin (siehe Berichte vom Vorprogramm, Tag 1 und Tag 2) will ich die Ereignisse vom abschließenden Sonntag zusammenfassen.

Titelbild: Schreib-Performance von Timothy Donaldson am Moat Pool im Schlosshof. Für Floating signifiers on a stream of consciousness lässt sich der englische Kalligraf von all dem inspirieren, was ihm in Dublin an Worten zu Ohren bzw. unter die Augen kommt: Gesprächsfetzen, Vorträge, Gedrucktes. Die Umsetzung aber ist frei, die Buchstabenformen verselbständigen sich, die Inhalte sind nicht mehr entzifferbar. Wo endet Schrift, wo beginnt Zeichnung? Foto: Kunihiko Okano/Shotype


Wegweiser in Baskerville und Optima. Das Irische kennt nicht nur Versalien mit Akzenten, obendrein können diese auch mitten im Wort vorkommen: hÍde


Am Sonntagmorgen findet im Dubliner Schloss die jährliche Hauptversammlung der ATypI statt. Dort berichten die Länderdelegierten von den Aktivitäten des zurückliegenden Jahres. Es werden Beschlüsse gefasst und neue Gremienmitglieder gewählt. Bewusst schwänze ich diese Veranstaltung, um in der Zeit eine der berühmtesten Sehenswürdigkeiten der Stadt zu besichtigen; das Book of Kells. Dieses vor mehr als 1.200 Jahren von keltischen Mönchen geschriebene und reich verzierte Buch wird in der Bibliothek des Trinity College ausgestellt. Vom Original – unter Sicherheitsglas liegend und ständig von einer Touristenmenge umlagert – ist nicht allzuviel zu sehen. Dank der informativen Ausstellung zu den Hintergründen, Bildmotiven und Fertigungstechniken ist es dennoch ein lohnender Ausflug.

Foto: Alexei Vanyashin

Als ich zurück bin, laufen schon die ersten Vorträge. Endlich Gelegenheit, einen Blick auf die Ausstellungen im Foyer zu werfen: In der Schau des TDC werden Ingeborg, Narziss und weitere preisgekrönte Schriften präsentiert.


Ein Schwerpunktthema ist an diesem Vormittag die Designvermittlung. Nancy Collins, die an der Louisiana State University lehrt, erzählt von ihren Erfahrungen mit dem Kupferstich und plädiert dafür, diese in Vergessenheit geratene Technik wieder verstärkt im Unterricht zu verwenden.

Anglisiertes Persisch, holländisches Javanisch und horizontales Japanisch


Sam Anvari erklärt, was es mit dem P-English-Phänomen auf sich hat. Da das mit arabischen Schriftzeichen geschriebene Persisch (auch Farsi genannt) nicht oder nur sehr umständlich über die Tastatur eingegeben werden kann, sind v.a. die jüngeren Iraner dazu übergegangen, ihre Textnachrichten und E-Mails mit lateinischen Zeichen – wie Englisch – zu tippen. Bei dieser Transkription gibt es für viele Laute mehr als nur eine Option.

Um das Problem zu veranschaulichen, zeigt Anvari ein Wort – ghoti – und fragt uns, wie dieses wohl auf Englisch ausgesprochen wird. Die Antwort ist überraschend, sie lautet fish: das gh wie in rough, das o wie in women und das ti wie in nation! In P-English gibt es ebenfalls viele Inkonsistenzen; die Schreiber kommen zu verschiedenen kreativen Lösungen. Eine einzige persische Silbe kann als Si, aber auch als See oder Cy buchstabiert werden. Selbst die Schreibweise 30 kommt vor – da die Zahl Dreißig in Farsi wie Si ausgesprochen wird.

Interessant ist daneben die soziale Komponente von P-English. In einer iranischen Zeitung erschien ein Foto von Albert Einstein vor einer mit Kreide beschriebenen Tafel. Ein kritischer Geist hatte das Bild manipuliert und in lateinischer Transkription einen Appell gegen das iranische Atomprogramm eingefügt. Den meist älteren Herren der Zensurbehörden entging dieser subversive Akt, die dank Handy und Internet mit P-English Vertrauten konnten die Botschaft jedoch lesen.

Ein Straßenname, viele Schreibweisen: für die Übertragung von Farsi in lateinische Schrift gibt es keine festen Regeln, wie Anvari mit dieser Schildersammlung belegt.


Jo De Baerdemaeker ist Experte für nicht-lateinische Schriftsysteme. Letztes Jahr hat der Belgier an der University of Reading über tibetische Schriftformen promoviert. In seinem Dubliner Vortrag führt er uns ein in die Welt des Javanischen. Zunächst erläutert er kurz den Aufbau von javanischer Schrift, um dann einige Bleisatztypen vorzustellen, die niederländische Gießereien im 19. Jahrhundert für diese südostasiatische Schrift produziert haben.

Javanisch ist kompliziert strukturiert. Es gibt 20 Grundzeichen (aksårå), 20 davon abgewandelte tiefgestellte Zeichen (pasangan) und 5 Vokalzeichen (sandangan) – daneben noch einige Akzente und Sonderformen für isoliert stehende Vokale. Um aus dem Grundzeichen na ein ne zu machen, muss das entsprechende Vokalzeichen für e über das na geschrieben werden. Will man nur ein n, muss das a extra subtrahiert werden. Das ist aber noch längst nicht alles …


Shoko Mugikura erörtert die Schwierigkeiten, die beim Satz von Wörterbüchern auftreten, wenn die betroffenen Sprachen unterschiedlich ausgerichtete Schriftsysteme verwenden: Japanisch wird traditionell vertikal von oben nach unten (und spaltenweise von rechts nach links) geschrieben, europäische Sprachen dagegen horizontal von links nach rechts. Nebeneinander gesetzt führt dies zu einer kostspieligen Platzverschwendung. Was also tun? Mugikura zeigt Beispiele aus vier Jahrhunderten, in denen so gut wie alle Varianten der gegenseitigen Anpassung ausprobiert wurden, mit unterschiedlichem Erfolg. Schließlich hat sich die abendländische Konvention durchgesetzt, zumindest in Wörterbüchern steht das Japanische nun meist auch horizontal.

Ein Wörterbuch von 1796: Niederländisch steht linksbündig horizontal, Japanisch rechtsbündig vertikal. Durch die geringe Spaltenhöhe von nur zwei Zeichen entstehen im Japanischen enorm viele Umbrüche, der verschenkte Raum in der Mitte ist trotzdem beträchtlich. Der Vortrag der in England lebenden Japanerin hat mir besonders gut gefallen, da er einer der wenigen ist, der sich mit Typografie – also Schriftanwendung, in Unterscheidung zu Schriftgestaltung – beschäftigt.

Zum Abschluss: Buchstabenwanderung!

Am Nachmittag sind alle Vorträge beendet. Viele Besucher sind schon auf dem Weg zum Flughafen, doch die gut hundert Verbliebenen warten gespannt auf das große Finale, den Lettering Walk durch Dublin.

Phil Baines und Catherine Dixon. Foto: Marina Chaccur

Diese von Catherine Dixon und Phil Baines akribisch vorbereitete Stadtführung der besonderen Art hat Tradition, zum ersten Mal fand sie 1997 in London statt und bildete bereits in Lissabon und Brighton den Schlusspunkt der ATypI-Konferenz. Auf einer Extrareise im Vorfeld haben die beiden Experten für Schrift im öffentlichen Raum die Straßen der irischen Hauptstadt nach sehenswerten Schildern und Schriftzügen abgesucht und daraus eine Route entwickelt.

Das Interesse ist so groß, dass zwei Gruppen gebildet werden müssen.

Heim für kranke und mittellose Zimmermädchen. Phil Baines erläutert, dass diese Fassadeninschrift nicht freihand, sondern mithilfe von Vorlagen erstellt wurde: Beim letzten S wurde die Vorlage falsch herum angesetzt, der Buchstabe steht Kopf.

Alle paar Meter bleibt der rund 50-köpfige Tross stehen und fotografiert jeden halbwegs ausgefallen aussehenden Buchstaben – aus allen Winkeln.

Neonreklame für Haarteil-Transplantationen, einer Pinselschrift nachempfunden

Auch der Blick nach unten kann sich lohnen: Bodenmosaik am Eingang eines Pubs

Goldene, hinter Glas gemalte Gotisch (ähnlich der Old English)

Wer behauptet, Typomaniacs interessierten sich nur für Buchstaben, der irrt – es können durchaus auch mal Ziffern sein.

Denkmal für den Schriftsteller Thomas Davis, auf Gälisch Tomás Dáibhis. Das h nach dem b bezeichnet einen v-Laut und kann alternativ durch einen Punkt notiert werden – wie in dieser Inschrift von Michael Biggs.

Nationalsymbole Irlands: Harfe, Kleeblatt – und gälische Schrift

Das G und das R auf dem Denkmal für Henry Grattan mögen ausgefallen sein, besonders schön sind sie jedoch nicht.

Phil Baines in Aktion. Der Schriftspezialist, der wie Catherine Dixon am Central Saint Martins College unterrichtet und gemeinsam mit ihr die Central Lettering Record-Sammlung kuratiert, wollte ursprünglich katholischer Priester werden. Gelegentlich kommt dies noch durch, wenn er wie hier gegen unpassende und einfallslose Gebäudebeschriftungen wettert.

Nicht jede Schrift im Stadtbild ist betrachtenswert – hier die von Microsoft Office her bekannte Papyrus, klischeehaft immer dann eingesetzt, wenn etwas poetisch, organisch oder gesund erscheinen soll.

Diese kastigen Groteskbuchstaben haben Ähnlichkeit mit der Bank Gothic oder auch der Agency (sic). Allerdings stammen sie nicht aus einem Font, sondern sind eigens für diese Anwendung angefertigt; es handelt sich also nicht um type, sondern um lettering

Die Schreibschrift dieses Logos hingegen kommt »von der Stange«: es ist der Font Affair des Argentiniers Alejandro Paul.

Diese Jugendstil-Schrift an einem Kirchenportal erinnert ein wenig an die Hobo.

Jean François Porchez und wir anderen Buchstabennerds machen kräftig Fotos, während sich die örtliche Jugend fragt, was denn da so interessant sein soll.

The Flowing Tide, eines der unzähligen Dubliner Pubs, zeigt eine spindeldürre Toscanienne – zu erkennen an den Sporen und gespaltenen Serifen.

Fassade eines Schuhhändlers mit den für die Britischen Inseln typischen breitlaufenden Groteskversalien, hier mit abgesetztem Schlagschatten

Das gälische A hat auch in einer modernen Groteskschrift stets die Form eines einstöckigen Kleinbuchstabens.

Keine gälischen Buchstaben, dennoch eindeutig irisch: Logo mit Unzial-E

Erhabene Serifenlose mit ungewöhnlich schmalem M über dem Eingang der Heilsarmee

Diese Wandreklame ist wahrlich kein Meisterwerk der Schriftmaler-Kunst. Offenbar hat sich der Urheber erst nach dem PL überlegt, das Wort doch nicht komplett in Versalien auszuführen. Wegen ihres Alters hat die wilde Stilmischung aber trotzdem Charme.

Carlton – mit einem A wie aus dem Adobe-Logo


Mosaik in gälischer Schrift vor einer Metzgerei

J & G. Campbell – mit einem starken Et-Zeichen, auf Englisch auch Ampersand genannt

Wir haben das Ziel des Lettering Walk erreicht; den Garden of Remembrance, einem Gedenkort für die im irischen Freiheitskampf ums Leben Gekommenen. Foto: Nina Stössinger

Die golden kolorierte Wandinschrift wurde von Michael Biggs gestaltet, einem der Großmeister der irischen Schrift.

Brunnen mit Herbstlaub – ein weiteres Mosaik, diesmal aber ganz ohne Buchstaben. Das Motiv verweist auf den keltischen Brauch, die Waffen nach einer Schlacht in einen Fluss zu werfen, um die Feindseligkeiten symbolisch zu beenden.

ATypI 2010 – ein voller Erfolg


Mit dem Ende dieser Stadtführung ist die ATypI 2010 offiziell beschlossen. Den Veranstaltern möchte ich ein großes Kompliment aussprechen für die reibungslose Durchführung. Im Lauf des fünftägigen Programms gab es keinerlei Pannen und, obwohl zwei Vortragsreihen parallel liefen, kaum zeitliche Verzögerungen. Wenn es trotz des gut gestalteten Programmhefts und der Ausschilderung doch mal Fragen gab, stand stets ein freundlicher Helfer aus dem studentischen Team bereit. Die Verpflegung war herausragend, das Dubliner Schloss bereitete eine einzigartige Kulisse.

Herzlichen Dank an das von Mary Ann Bolger und Clare Bell geleitete Organisationsteam! Übrigens, zusammen mit der Konferenzdirektorin Barbara Jarzyna standen also drei Frauen an der Spitze dieses Events. Während anderenorts – gerade auch im Designbereich – der Frauenanteil auf der Bühne noch stets beschämend gering ist und nicht selten eine einzelne Sprecherin der Quote wegen unter lauter Männern auftritt, ist die ATypI hier ein gutes Stück weiter: das Line-Up listete mehr als 40 Rednerinnen. Umso schöner, wie Verena Gerlach treffend bemerkt, dass dieser Umstand in Dublin überhaupt nicht mehr extra thematisiert werden muss, sondern eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Ein paar der zahlreichen fleißigen Helfer. Foto: © 2010 alexandre-at-illuminateltd.co.uk

Damit will ich die Berichterstattung zur ATypI 2010 abschließen und hoffe, das Lesen hat Spaß gemacht. Wer noch mehr von der Konferenz erfahren will, dem sind zwei weitere (englische) Blogartikel ans Herz gelegt: Auf TypeOff hat Dan Reynolds inzwischen Teil 3 seiner vierteiligen Serie veröffentlicht, im FontFeed rezensiert Yves Peters die Keynote-Vorträge.

Auf MyFonts.de sind in dieser Reihe erschienen:

Bye-bye ATypI, bis nächstes Jahr in Reykjavík!

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