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Ein Jahrhundert Schrift und Schriftunterricht in Leipzig / One Century of Type and Teaching Typefaces in Leipzig


Wenn man heute auf Studiengänge für Schriftgestaltung zu sprechen kommt, so geht es in der Regel um die beiden bekannten Masterprogramme; zum einen den MA Typeface Design im englischen Reading, zum anderen den MA Type and Media im holländischen Den Haag. Dass es daneben noch eine ganze Reihe weiterer spannender Ausbildungsmöglichkeiten gibt, wird dabei oft vergessen.

Auch in Deutschland besteht die Möglichkeit, Schrift zu studieren: an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig unterrichtet Prof. Fred Smeijers die Klasse Schrift im Feld digitaler Medien. Dieser Studiengang kann auf eine lange und reiche Tradition zurückblicken. Nun ist ein Buch erschienen, das die Geschichte des Leipziger Schriftunterrichts erzählt und wichtige Protagonisten und Kreationen vorstellt.
Banderole – Ein Jahrhundert Schrift und Schriftunterricht in Leipzig / One Century of Type and Teaching Typefaces in Leipzig

Die Buchstadt Leipzig mit ihren vielen Verlagen, den dort ansässigen Schriftgießereien und nicht zuletzt der Kunsthochschule spielt seit Anfang des 20. Jahrhunderts eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Erforschung von Schrift in Deutschland. Julia Blume, Leiterin des Instituts für Buchkunsts an der HGB, hat die hundertjährige Geschichte des Schriftunterrichts und der Typengestaltung in Leipzig aufgearbeitet. Auf knapp 50 schwarz-weiß bebilderten Seiten zeichnet sie die historische Entwicklung nach.

Personenregister

1890 wird ein erster Kurs in Buchgewerbezeichnen eingeführt – noch gegen den Widerstand des Direktors, der solch profane und technische Disziplinen wie Schrift- und Buchgestaltung nicht an der Königlichen Kunstakademie unterrichtet sehen will. Gut zwölf Jahre darauf, im Zuge der Reform zur Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, nimmt man Schriftschreiben in den Lehrplan auf. 1905 richtet Hermann Delitsch eine Schriftklasse ein, angeregt durch die in Wien bzw. London lehrenden Rudolf von Larisch und Edward Johnston. Zum Kollegium zählen in dieser Zeit neben Delitsch Namen wie Friedrich Wilhelm Kleukens, Georg Belwe und Walter Tiemann.

Man erfährt, wie es nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Ansturm auf die Schriftkunst-Kurse mit durchschnittlich 100 Teilnehmern pro Semester kommt, dass sich 1919 ein gewisser Johannes Tzschichhold einschreibt – und welcher Diskriminierung weibliche Lehrkräfte wie Luise Rudolph in jenen Jahren ausgesetzt sind. 1920 übernimmt Walter Tiemann das Direktorat. Schriftkunst wird zum Pflichtfach und ist damit dem Malen und Zeichnen gleichgestellt.

Auch die Zeit zwischen 1933 und 1945 und die Vereinnahmung mancher Lehrenden und Absolventen durch die nationalsozialistische Ideologie wird thematisiert. 1937 tritt Rudo Spemann die Nachfolge Delitschs an. Spemann, der zuvor Schüler und anschließend Assistent von F. H. Ernst Schneidler in Stuttgart war, geht aber nach nur 2 Jahren, um in den Krieg zu ziehen. Nach der Pensionierung Tiemanns führt Arno Drescher die Akademie bis zum Kriegsende. 1945 schließt Günter Gerhard Lange sein Studium in Leipzig ab und übernimmt eine Assistentenstelle.
Doppelseitengestaltung Textteil

In den Nachkriegsjahren kommt es zu einer Neuausrichtung der Schule. Egon Pruggmayer ist für den Schriftunterricht zuständig. Einer seiner Studenten ist Günter Gerhards Namensvetter Karl-Heinz Lange, der von Halle nach Leipzig wechselt, weil sein dortiger Lehrer Herbert Post in den Westen gegangen ist. 1951 wird Albert Kapr an die Schule berufen, die nun den Namen Hochschule für Grafik und Buchkunst trägt. Kapr, wie Spemann ein ehemaliger Schüler Schneidlers, gründet das Institut für Buchkunst und treibt die Arbeit an neuen Satzschriften voran, gemeinsam mit Studenten, Absolventen und Kollegen wie Renate Tost, Yu Bing-nan oder Heinz Schumann. Insbesondere durch die Mitwirkung des pensionierten Typoart-Stempelschneiders Otto Erler entwickelt sich das Institut zu einem Schriftlabor, in dem jährlich mindestens ein Probeschnitt einer neuen Schrift produziert werden kann.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass HGB-Studenten in der Folge zu HGB-Lehrenden werden: Irmgard Horlbeck-Kappler übernimmt 1968 die Klasse Pruggmayers. Gert Wunderlich leitet ab 1970 die Klasse für Typografie, Buchgestaltung, Plakat. Hildegard Korger wird 1992 Professorin für Schriftgestaltung. Volker Küster, der wie Korger und Wunderlich in den 1960ern Aspirant bei Kapr ist, lehrt ab 1969 an der HGB und wird nach seiner Ausreise in die BRD 1984 zunächst Atelierleiter bei Scangraphic und später Professor in Hamburg und Essen.

Die Jahre nach dem Ende der DDR sind geprägt vom Einzug neuer Technologie. Nach der Pensionierung Korgers wird eine speziell auf digitalen Schriftentwurf ausgerichtete Klasse eingerichtet und 2005 mit Fred Smeijers ein passender Professor berufen. Von Smeijers, der sich als Gestalter zahlreicher digitaler Schriftfamilien und Autor von Fachbüchern über die Geschichte des Entwurfs und der Herstellung von Schrift einen Namen gemacht hat, stammt auch das Vorwort des Buchs. Zu Smeijers’ Antritt in Leipzig ist in der Zeit ein Artikel über die neu formierte Schriftklasse erschienen. Mittlerweile haben einige Jahrgänge die Leipziger »S-Klasse« durchlaufen. Die Resultate der Absolventen finden internationale Beachtung; so wurde beispielsweise Hendrik Webers Lirico beim TDC²-Award prämiert, Roman Wilhelm erhielt für seine Sung New Roman den Kunstpreis Ars Lipsiensis.

Asymmetrische Doppelseitengestaltung für den Textteil: Links der englische Text in einem frischen Grün, rechts der deutsche Text in Schwarz, jeweils im Flattersatz mit großen Einzügen. Am unteren Rand stehen Abbildungen, links davon die dazugehörigen Bildtitel. In der rechten Marginalspalte können Anmerkungen (verso) bzw. Verweise auf den Bildteil (recto) untergebracht werden. Dieser strenge Aufbau sorgt für Ordnung und erleichtert die Orientierung, lässt auf einigen Seiten aber verschwenderisch viel Weißraum.

Marginalien

Als Textschrift kommt die 2010 veröffentlichte Fayon von Peter Mohr zum Einsatz, eine klassizistische Antiqua mit moderatem, lesefreundlichem Kontrast. Für Anmerkungen, Titelei, Anhang und Indizes wird die von frühen deutschen Groteskschriften inspirierte Ludwig von Fred Smeijers verwendet. Bildverweise sind in Thomas Thiemichs Alto Mono gesetzt. Mohr und Thiemiech sind beide Absolventen der Leipziger Schriftklasse. Alle drei Fontfamilien sind bei dem von Smeijers initiierten Schriftverlag OurType erschienen.

Auf den Text folgt der 175 Seiten umfassende Bildteil, der in vielen großformatigen, selten gesehenen Farbabbildungen die Vielfalt des Leipziger Schriftschaffens dokumentiert. Alle Schriftmuster, Musterseiten, Umschlag- und Einbandgestaltungen werden in Originalgröße gezeigt. Der seidig schwarze Fond sorgt für einen tollen visuellen Effekt – und reagiert dabei glücklicherweise nicht so empfindlich auf Fingerabdrücke, wie man annehmen sollte. Auf einzelnen Seiten und besonders am Schnitt kommt es zu leichtem Farbabrieb, was den Betrachtungsgenuss aber kaum schmälern kann. Links unten steht, etwas überdimensioniert, die doppelte Pagina: die erste Zahl weiß ausgespart, die zweite schwarz auf tiefschwarz, beinahe unsichtbar.

Gelegentlich überdecken die Muster Teile der Seitenzahl und suggerieren so eine räumliche Tiefe der Buchseite. Die Bildbeispiele werden als Stapel gezeigt und auf den Folgeseiten nach und nach aufgedeckt. Durch diese originelle buchgestalterische Idee wird der Eindruck vermittelt, selbst im Hochschularchiv zu stehen und die dort gesammelten Schätze durchzublättern – belassene Artefakte wie Katalognummern verstärken die Wirkung.

Das Muster der Shakespeare-Mediäval-Schriften von Georg Belwe liegt auf dem der Fleischmann-Schriften, als nächstes ist bereits das Specimen der Belwe-Antiqua zu erahnen. Ist ein Muster durchgesehen, kommt darunter das nächste zum Vorschein.

Belwe-Antiqua №29. In: Schrifttafeln der Belwe-Antiqua und Kursiv, J.G. Schelter & Giesecke, Leipzig

Orpheus. Gezeichnet von Walter Tiemann. Geschnitten von Gebr. Klingspor in Offenbach am Main

Zierbuchstaben zur Euphorion von Walter Tiemann, 1936

Skizzenbuch des jungen Jan Tschichold aus seiner Zeit in Leipzig

Schriftmuster zur Saskia von Jan Tschichold, Schelter & Giesecke, Leipzig, 1932

Drescher-Versalien von Arno Drescher, Schriftguss AG, vorm. Brüder Butter Dresden, 1927. Mit dem praktischen Lesebändchen lassen sich Lieblingsseiten markieren.

Manche Schriften enthalten neben Buchstaben, Ziffern und Satzzeichen auch Ornamente – hier die Energos-Schwünge von Arno Drescher, für kraftvolle Unterstreichungen in Werbedrucksachen. In: Energos. Die Handschrift im Buchdruck! Schriftguss AG, vorm. Brüder Butter Dresden, 1932 (vgl. Energia)

Renate Tost arbeitete viele Jahre an einer verbesserten Schulausgangsschrift. Ihr Entwurf wurde später als FF Schulschrift C digitalisiert und wird heute noch in Schulen verwendet – auch über die östlichen Bundesländer hinaus. Hier eine Abbildung aus ihrem Schönschreibheft für Jugendliche von 8–80 Jahren, Institut für Buchgestaltung, Leipzig, 1960

Einzelne Abbildungen sind so groß, dass selbst das sehr großzügig gewählte Format gesprengt wird: Schriftmuster zur DTL Nobel, einem Revival von Andrea Fuchs und Fred Smeijers, Quadraat, Arnhem, 1993 (vgl. FB Nobel).

Im Anhang findet sich ein ausführliches Personenverzeichnis, von Agnes Aba bis Paul Zimmermann; jeweils mit Kurzbiografie, Schriftentwürfen und Publikationen. Den Schluss bildet eine zweiseitige Liste mit weiterführender Literatur.

Trotz des Umfangs und des großen Formats liegt das Buch gut in der Hand und lässt sich dank eines flexiblen Festeinbands mit gerundetem Rücken auch ohne Studiertisch benutzen.

Der Schutzumschlag kann abgenommen werden. Aufgefaltet offenbart die Innenseite eine Karte, die die Verteilung der grafischen Gewerbe in Leipzig um das Jahr 1913 zeigt, mit Buchhandlungen und Verlagshäusern, Kunstanstalten, Druckereien, Buchbindereien, Schriftgießereien und Setzmaschinenbetrieben. Die grafische Darstellung kann leider nicht überzeugen, der Informationsgehalt des Diagramms ist gering.

Es ist beeindruckend zu sehen, wie viele Personen der deutschen Schrift­geschichte mit der Leipziger Schule verbunden sind und welch großartige Entwürfe – bekannte wie in Vergessenheit geratene – an diesem Ort ihren Ursprung haben. Dieses Buch ist eine wunderbare und wichtige Ergänzung der typografischen Geschichtsschreibung. Textteil und Anhang tragen eine Vielzahl an Informationen zusammen, die anderenorts nicht oder nur schwer zu recherchieren sind. Der Bildteil ist ein Füllhorn schrifthistorischer Delikatessen, eine Wonne für jeden an Typografie Interessierten. Allein wegen der sorgfältig ausgewählten und hervorragend reproduzierten Specimen sollte Ein Jahrhundert Schrift und Schriftunterricht in Leipzig in keiner Fachbibliothek fehlen.

Bibliografische Angaben und Bestellung

Ein Jahrhundert Schrift und Schriftunterricht in Leipzig /
One Century of Type and Teaching Typefaces in Leipzig

Text von Julia Blume mit einem Vorwort von Fred Smeijers

Die Texte sind durchgängig zweisprachig deutsch und englisch gehalten, die Übersetzung wurde besorgt von Robin Kinross und Gunnar Wendel.
Gestaltet wurde das Buch von zwei studentischen Teams, Karen Laube und Toni Schönbuchner sowie Aurelia Markwalder und Franziska Weißgerber.

Herausgeber: Julia Blume, Günter Karl Bose
orange files. Studien zur Grammatologie #4
Institut für Buchkunst Leipzig, 2010 | ISBN: 978-3-932865-57-2
Format: ca. 32,5 cm × 24 cm

280 Seiten, gebunden, mit Faltplakat als Umschlag, Banderole, Lesebändchen

Bestellt werden kann das Buch zum Preis von € 39 direkt bei Karla Fiedler vom Institut für Buchkunst.

Schriftenregister

Aus der Reihe orange files haben wir an dieser Stelle bereits die Nummer 3 vorgestellt; Letterlap: Stickschriften. Eine Mustersammlung. / Gestickte Schrift. Zwanzig Stichpunkte.

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