MyFonts.de

Menü Twitter

MyFonts.de ist die deutschsprachige Dependence von MyFonts.com, der weltgrößten Bibliothek digitaler Schriften.

Schriften kaufen →

Unicode 6.0: die piktografische Wende



Der 11. Oktober 2010 ist ein historischer Tag für das WC-Männchen: Auf Position 1F6B9 hält es offiziell Einzug in den internationalen Unicode-Standard, dessen neue Version 6.0 heute in Kraft tritt. Direkt daneben: seine Begleiterin, auf 1F6BA.


Andreas Stötzner erforscht die Verwendung von Orientierungszeichen im öffentlichen Raum und hat bereits 2003 in Wo ist was? – Heft 5 aus der Reihe Signa – einige hundert solcher Publikzeichen systematisiert. Jetzt wurden die allseits bekannten Zeichen für Fahrstuhl und Toiletten, für Bus, Bahn und Taxi mit vielen weiteren gängigen Piktogrammen kodiert. So können diese Zeichen endlich wie Buchstaben in Dokumente eingefügt und ohne Sinnverlust übertragen werden.

In seiner Eigenschaft als Typedesigner hat Stötzner auch gleich eine passende Schrift gestaltet. Die Symbojet vereint 500 Alphabet- und 400 Symbolzeichen in einem Font, harmonisch aufeinander abgestimmt. Sie wird in Kürze bei SIAS erscheinen. [Ergänzung: Mittlerweile wurde die Symbojet veröffentlicht und kann über MyFonts lizenziert werden. Für das Typeforum hat Ingo Preuss ein Interview mit Andreas Stötzner über die Gestaltung und Intention des Fonts geführt.]

Stötzner sieht in Unicode 6.0 die »piktografische Wende«. Er schreibt:

Unter den zahlreichen Ergänzungen und Erweiterungen des Zeichenrepertoires dürfte besonders eine Neuerung von Interesse sein: die Kodierung einer Vielzahl weltweit gebräuchlicher Publikzeichen – vor allem piktografischer Natur.

Bisher gab es nur einen einzigen Block (2600), der eine bunt gemischte Sammlung ideo- und piktografischer Zeichen aus verschiedenen Sachgebieten beinhaltete, sieht man einmal von dem leidigen 2700er-Block »Zapf Dingbats« ab (in dem nur etwa ein Dutzend wirklich gebräuchlicher Zeichen enthalten sind). Der spezialisiertere Bereich der technischen, geometrischen und mathematischen Sonderzeichen sowie der Pfeile war schon bisher mit insgesamt 1.415 Positionen (in verschiedenen Blöcken von 2190 bis 2B5x) recht ansehnlich vertreten.

Der 2600er-Block »Vermischte Zeichen« erfuhr in der vorigen Version 5.2 bereits eine Erweiterung um 59 und ist jetzt mit Version 6.0 auf die Vollzahl von 256 Zeichen komplettiert. Eine mehr als zweieinhalbmal so große Menge – 662 Zeichen – ist nun aber in fünf gänzlich neuen Blöcken der Erweiterungsebene 1 hinzugekommen. Damit hat sich die Menge der kodierten Piktogrammzeichen etwa verdreieinhalbfacht. Ohne den 2700er-Block gerechnet gibt es jetzt mehr als 900 kodierte Piktogramme: zum erstenmal in der Geschichte der internationalen Zeichenkodierung eine kritische und repräsentative Menge erfasster Publikzeichen, die eine verlässliche Grundlage für die fontgestützte Anwendung darstellt. Das gilt besonders für die Bereiche Orientierung/Verkehr/Touristik sowie für Geschäfts- und Kommunikationswesen.

Die Neuaufnahmen sind, in Kürze:

  • 1F300 (Erde/Planeten, Pflanzen, Nahrung/Getränke, Freizeit/Sport, Gebäude; 188 Zeichen)
  • 1F400 (Tiere, Menschen/Figürliches, Herzen, Geld/Geschäftliches, Kommunikation; 250 Zeichen)
  • 1F500 (Betriebszeichen, Gegenstände, Uhr/Ziffernblätter; 91 Zeichen)
  • 1F600 (Smileys und Ähnliches; 63 Zeichen)
  • 1F680 (Transport/Verkehr/Reise, Hygiene; 70 Zeichen)

Von der Zollabfertigung am Flughafen über die Rolltreppe und den Lift bis zum Strand: Die Symbojet umfasst mehr als 400 Symbolglyphen

Der Einbindung dieser Zeichengruppen in den Standard ging ein längerer und teils schwieriger Erarbeitungsprozess voraus. Denn, so allgemein bekannt und tausendfach angewandt diese Zeichen auch sind – was ihnen mangelt, ist eine bestehende Kodifizierung, wie es sie mit »A bis Z« für die lateinische Alphabet und mit entsprechenden Ordnungen für fast alle anderen Schriften gibt. Dieses Fehlen ist bisher eines der Haupthindernisse für die Kodierung gewesen, da Unicode/ISO-10646 nach dem Prinzip »nicht führen sondern folgen« erarbeitet wird. Das heißt, die entscheidenden Gremien möchten der Welt mit dem Standard keine Vorschrift aufdrücken, sondern die Lebenswirklichkeit abbilden – also nur das kodieren, wofür sich eine tatsächliche Nutzung nachweisen lässt. Doch auch unter dieser Voraussetzung – oder gerade deshalb –, erwies sich die eigentliche Auswahl der aufzunehmenden Zeichen als heiß umkämpftes Thema.

Der anfängliche Impuls zur Aufnahme von Publikzeichen im größeren Stil kam vor mehr als drei Jahren von den Firmen Apple und Google. »Emoji« genannte Piktogramme erfreuen sich vor allem in Japan steigender Beliebtheit bei Handynutzern, da japanische Hersteller solche Zeichen seit einiger Zeit implementieren, um die piktografische Anreicherung von Mail- und SMS-Nachrichten zu ermöglichen. Mit zunehmender Interaktion der verschiedenen Gerätearten gelangten die »Emoji« (etwa: »Gefühlszeichen«) in allgemeine Datenbestände – und die fehlende Standardisierung ihrer Kodierung erwies sich zunehmend als Hindernis und Fehlerquelle. Obwohl die bestehenden Industriestandards Softbank, DoCoMo und KDDI hierfür bereits eine beträchtliche Synchronisation aufwiesen, erkannte man die praktische Begrenztheit, die bei PUA-Belegung (Private Use Area) unvermeidlich ist. Der Wunsch zu regulärer Kodierung war geboren.

Sorgenfreier Urlaub: Die Symbojet enthält alle Zeichen, die nötig sind, um dem Touristen den Weg zu weisen.

Mit dem ersten Schritt einer Abgleichung des Repertoires der genannten drei Standards wurde die Grundlage geschaffen, die das hier fehlende ABC zu ersetzen geeignet war. Dieses erste Stadium führte zu weiteren Diskussionen, etwa um sachliche Ergänzungen bestimmter Zeichengruppen (z.B. BAHN, BUS, → BERGBAHN), die Sortierung oder die Benennung von Zeichen und Zeichengruppen. Auch prinzipielle Probleme waren zu erörtern. So z.B. die in den Ausgangslisten auftretenden mehrfachen Farbvarianten bestimmter Zeichen (HERZ), die den Rahmen eines »Schwarzweiß-Standards« eigentlich sprengen. Oder die Frage, ob Verkehrsmittel frontal oder seitlich darzustellen sind. Letztere wurde, in Hinblick auf die Praktikabilität, so entschieden, dass die wichtigsten Verkehrsmittel jeweils in Vorder- und Seitenansicht kodiert wurden.

Unicode 6.0 kennt einen Hund (1F415 – DOG), ein Hundegesicht (1F436 – DOG FACE) und sogar einen Hundehaufen (1F4A9 – PILE OF POO). Ein Zeichen für »Hunde verboten« ist jedoch noch nicht enthalten.

Ein weiteres Problemfeld war schließlich (wie meistens) die Wahl geeigneter Referenzglyphen für den Standard. Man sollte ihre Details im Einzelfall nicht über Gebühr erst nehmen. Der japanische Impuls für die Kodierung ist in dem Manga-artigen Stil vieler Zeichenabbildungen (z.B. bei den Smileys oder den figurativen Zeichen) unübersehbar und wohl für alle Zeiten festgeschrieben. Doch in der Gesamtheit, darauf war in den Diskussionen immer wieder hinzuweisen, handelte es sich hier doch vorwiegend um Zeichen, die auf der ganzen Welt in vergleichbarer Weise dargestellt werden. Träumte Otl Aicher einst vom radikal kulturbereinigten, absolut »neutralen« Piktogrammstil, der von Menschen auf der ganzen Welt gleichartig zu empfinden sei, so ist das visuelle Ergebnis, wie es sich auf den neuen Seiten in Unicode 6.0 darstellt, der schlagende Beweis dafür, dass ein solch »totalitärer« Neutralismus Illusion bleiben muss. Die Blocktabellen mit den jetzt fixierten Referenzglyphen veranschaulichen die Schwierigkeit, von lokalen Bezügen ausgehend hin zu einer global gültigen grafischen Formensprache zu gelangen. Oder anders ausgedrückt: die visuelle Uneinheitlichkeit, die sich etwa in der Tafel 1F300 [PDF, 0,7mb] manifestiert, verweist auf die Größe der Gestaltungsaufgabe, die mit einer künftigen Font-Implementierung gegeben ist.

Systematik im Schilderwald: Der Skifahrer (oben rechts) ist in Unicode als 26F7 kodiert. Ein Flugzeug-Symbol findet man unter 2708. Dank der Kodierung lassen sich diese Zeichen in Text einfügen, genauso, wie es auch mit lateinischen und arabischen Buchstaben und Pfeilen möglich ist. Nur für die Menara-Gärten bei Marrakesch gibt es natürlich kein eigenes Zeichen. Immerhin könnte man dafür nun 1F3E1 benutzen – dieser Kode steht für HOUSE WITH GARDEN.

Das vergangene Jahrzehnt war im Schriftschaffen geprägt von dem Bemühen um eine Harmonisierung verschiedener Schriften in einem Font, eine Aufgabe, die erst durch Unicode aktuell wurde. Es sei hier die Voraussage gewagt: das kommende Jahrzehnt wird eine Explosion des piktografischen Fontangebotes und den Wettstreit der Gestalter um die beste Harmonisierung von Schrift- und Symbolzeichen erleben. Die Anwendung von Publikzeichen im Alltag, stetig zunehmend seit 20 Jahren, wird weiter und stärker zunehmen als je zuvor – begünstigt durch Unicode. Es wird aufregend.

Letztlich handelt es sich um eine Art »neuer Weltschrift«, deren Entfaltung wir beiwohnen und die wir mitgestalten dürfen. Sie steht gleichwohl noch am Anfang ihrer Entwicklung. Den jetzt offizialisierten Zeichen werden viele Hundert weitere folgen. Die mit der Kodierung geschaffene neue Anwendungsgrundlage wird auf die visuelle Kultur unserer Umwelt einen merklichen Einfluss haben. »Unicode« war vielleicht dem Sinn seines Namens noch nie so nah wie heute.

Verwandte Artikel

Archiv →
Show Tweets