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TypeTalks2 in Posen


Vergangenes Wochenende, am 18. und 19. Juni, fanden im polnischen Posen die TypeTalks statt (siehe Ankündigung auf MyFonts.de). Rund 100 Gäste kamen in die schöne Stadt an der Warthe, um sich Ausstellungen und Vorträge anzusehen und ausgiebig über Schrift und Typografie zu diskutieren.


Typedesign-Ausstellung

Eingeleitet werden die TypeTalks mit der Eröffnung einer Ausstellung in der Galerie Szyperska. Zu sehen sind studentische Arbeiten des von Prof. Krzysztof Kochnowicz geleiteten Studios für Schrift und Typografie.

Oben: Die 9 Strichstärken von Kamil Kurzajewskis Spectra

Eindeutig erkennbare, Spiekermannsche Zeichenformen, gepaart mit »weichen« Details: Signika von Anna Giedryś ist eine ungewöhnlich sanfte Schrift für Wegeleitsysteme.


Zackige, kaum geneigte Kursive – der Entwurf von Agata Pietraszko steht in der Tradition tschechischer Gestalter wie Menhart, Preissig oder Burian.


Serifen inspiriert von der Skolar und tiefe Ansätze bei der Kursiven sind die Formmerkmale der Element von Szymon Sznajder.


Versuch einer vereinfachten Fraktur von Anna Czuż

Hippie – eine fidele, energetisch-gelockte Displayschrift von Agata Pietraszko

TypeShorts

Am Samstag abend geht es weiter mit TypeShorts – zehn je 5-minütigen Kurzvorträgen. Den Anfang macht Claus Eggers Sørensen, der über die Besonderheiten von Smartphones und anderen kleinformatigen Pixelmedien spricht. Da hier kein Platz für Extra-Brandingelemente bleibt und die sichtbare Navigation auf das Nötigste reduziert werden muss, kommt der Typografie eine größere Rolle zu. Schrift kommuniziert nicht nur den Inhalt, sondern ist zudem verstärkt Orientierungshilfe und Träger der Markenidentität.

Viktoriya Gadomska-Grabowska zeigt drei ihrer Schriftentwürfe. Fjord (oben) ist eine kontrastarme Antiqua-Familie, Armata eine der derzeit so beliebten recht­eckigen Groteskschriften. Die unten gezeigte, in wenigen kantigen Strichen gezeichnete und wie in Stein gehauen erscheinende Serifenlose heißt Jackson.

Dan Reynolds erzählt, welche Auftraggeber ihm am liebsten sind. Hier sieht man ihn vor einer Seite aus dem Gutenberg-Jahrbuch. Der Typograf Ralf de Jong wollte dafür die Malabar verwenden. Als sich herausstellte, dass diese für den Zeitungssatz konzipierte Schrift eigentlich zu dunkel und zu kompakt ist, wurde Reynolds kurzerhand mit der Erstellung eines leichteren Buch-Schnitts mit verlängerten Ober- und Unterlängen beauftragt.

Wojciech Zając fasst kurz zusammen, was Webdesigner über das Einbetten von Fonts wissen sollten.

Angelika Kaltenbrunner präsentiert ein dreidimensionales Typo-Poster. Die maßgearbeiteten Stanzbuchstaben werden so aus der Fläche herausgeklappt, dass von allen Perspektiven aus Wörter zu lesen sind. Auch die Stanzlöcher selbst ergeben neue Wörter. Für diese ausgetüftelte Minimalismus-Spielerei wurde die österreichische Designerin mit einem Red-Dot-Award ausgezeichnet.

Kuba Rudziński, Absolvent der Krakauer Akademie, zeigt sein fotografisches Diplomprojekt über Schrift auf Fenstern.

Das Publikum in der Kaffeebar Meskalina verfolgt die kurzweiligen TypeShorts.

David Březina stellt das Programm der Rosetta Type Foundry vor. Diese 2010 gestartete Kooperation konzentriert sich auf die Veröffentlichung von Fonts, die mehrere Schriftsysteme unterstützen und dabei technisch wie ästhetisch beste Qualität bieten.

Neacademia ist eine zeitgenössische Interpretation der Schriften von Francesco Griffo, die dieser im 15. Jahrhundert für den venezianischen Drucker Aldus Manutius schnitt. Das Besondere von Sergei Egorovs Version: Neacademia umfasst auch kyrillische Zeichen.

Demnächst bei Rosetta: Arek, eine kalligrafische Armenisch. Dieses von westlichen Font­herstellern oft vernachlässigte Schriftsystem kennt traditionell keine typografische Kursive. Khajag Apelian hat Arek mit einer Italic versehen, um die Lücke in der Palette der Differen­zierungs­möglichkeiten zu schließen. Auf Armenotype ist ein Interview mit Apelian zu lesen.

Der Open-Source-Missionar Dave Crossland führt eine Menge Zahlen an, die den Erfolg der Google-Webfonts belegen sollen.

Der Posener Schriftgestalter Kamil Kurzajewski hat seine Spectra mit zahlreichen Alternativformen versehen, darunter ein ausgespartes @-Zeichen für den fettesten Schnitt.

Den Abschluss macht der Prager Bewegtbild-Designer Vít Zemčík mit einer Vorführung seiner typografisch geprägten Clips.

TypeTalks

Vorfreude am Sonntag morgen – in der Galerie der Kunsthochschule stehen die Stuhlreihen bereit. Um 10 Uhr beginnen hier die eigentlichen TypeTalks.

Den Anfang macht Indra Kupferschmid. Die Saarbrücker Typo-Professorin hat einst antiquarisch eine Mappe erstanden. Neben einem Schwung alter Specimen fand sich darin auch ein kleiner schrifthistorischer Schatz: Alternativ­entwürfe, Probedrucke und unvollendete Schriften – allesamt von Georg Trump.

Trump hatte gleich doppeltes Pech: Kaum hat er sein Studium in Stuttgart begonnen, bricht der Erste Weltkrieg aus. Als er später dem Ruf Paul Renners folgt und an der Münchner Meisterschule lehrt, werden seine Karrierepläne erneut durchkreuzt – ein weiteres Mal muss er in den Krieg. Trotzdem wird Trump zu einem der produktivsten deutschen Schriftgestalter. Besonders in den 50er und 60er Jahren ist sein Schaffen beeindruckend; so gut wie jedes Jahr bringt er eine neue Schrift heraus.

Fette Antiqua-Kursiv – Proben zu einer unveröffentlichten Schrift. Abb.: Indra Kupferschmid

Stilistisch kennt Trump keine Berührungsängste – von der klassizistisch-strengen Amati über die leger-handschriftliche Codex bis hin zur aparten Groteskschrift Signum ist alles dabei. Dazwischen macht er immer wieder Schreibschriften: die exzentrische Jaguar, die beinahe aufrechte Delphin oder die Time Script mit ihren drei Strichstärken. Stets sucht Trump dabei nach neuen, kreativen Lösungen – besonders gut zu beobachten bei Umlauten, &-Zeichen und Guillemets. In den Digitalisierungen seien diese Verrücktheiten leider allzu oft glattgebügelt worden, so Kupferschmid.

Im Anschluss verschafft Jacek Mrowczyk einen Überblick über die polnische Typedesign-Szene – angefangen bei den Konstruktivisten über Bronislaw Zelek mit seinen 70er-Displayfonts bis hin zu aktuellen Akteuren wie Łukasz Dziedzic (siehe auch diese visuelle Übersicht von Adam Twardoch). Leider endet die Zeitreise bei den bereits etablierten Figuren, die vielversprechenden Entwicklungen der allerjüngsten Zeit (siehe oben) bleiben unerwähnt.

Die in den 1920ern entstandene Antykwa Półtawskiego gilt als Meilenstein der Schriftgeschichte Polens. Ihre Formen berücksichtigen die Besonderheiten der polnischen Sprache: Die gehäuft vorkommenden Buchstaben k,w, y sind rund gehalten, um die Zahl störender Diagonalen zu reduzieren. Artur Frankowski hat mit der Grotesk Polski eine passende Serifenlose entworfen und die eigentümlichen Formen inklusive des »Kobra-g« beibehalten. Abb.: Artur Frankowski

Martin Tiefenthaler hat eine einleuchtende Theorie zur Relevanz von gut gemachter Typografie parat: Wenn der Stuhl drückt, wird der Mensch grantig. Dass die schlechte Laune vom unergonomischen Möbelstück kommt, ist den wenigsten bewusst. Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Leseprozess. Wird das Auge beim Wechsel aus Sakkaden und Fixationen durch suboptimal gewählte Parameter (zu lange und zu enge Zeilen, unrhythmische Buchstaben- und Wortabstände etc.) zu vielen Regressionen gezwungen, färbt sich das – unterbewusst – auf die Rezeption des gelesenen Inhalts ab. Die typografische Form beeinflusst unsere emotionale Wahrnehmung – und ändert den Inhalt.

In einer Studie von Hyunjin Song und Norbert Schwarz wurden Probanden in zwei Vergleichsgruppen ein gedrucktes Rezept vorgelegt. Nach der Lektüre fragte man sie, wie lange wohl die Zubereitung dauern würde und wie anspruchsvoll die Ausführung sei. Inhaltlich waren die Texte identisch, sie unterschieden sich lediglich durch die gewählte Schriftart. Die Gruppe mit der schlechter lesbaren Schrift schätzte Dauer und Schwierigkeitsgrad des Rezepts als signifikant höher ein. Was dagegen angenehm zu lesen ist, wird als leicht, schön, gut und wahr angesehen. In eigenen, ähnlich gelagerten Untersuchungen konnte Tiefenthaler diese Ergebnisse reproduzieren.


SmallTypeTalk in der Kaffeepause

Jasso Lamberg hat viele Jahre bei der größten finnischen Tageszeitung gearbeitet. Der Informationsgrafiker berichtet vom Alltag in dieser Branche, der von täglichen, unverrückbaren Abgabefristen und einer nicht selten geringen Wertschätzung der grafischen Arbeit geprägt ist. Viele Textautoren betrachten Bilder lediglich als Lückenfüller. Ihnen fehlt das Verständnis, wie viel Zeit für die Erstellung einer guten Grafik nötig ist. Auch lassen sie die in ihren Texten so hochgeschätzte Objektivität vermissen, sobald es »nur« um Diagramme geht.

In einer typischen Nachricht müssen die sechs journalistischen Ws untergebracht werden: Wer, was, wo, wann, warum, wie? Wenn manche dieser Fakten durch Illustrationen und Schaubilder beantwortet werden können, befreit das den Text von der Last, alles abdecken zu müssen. Dem Informationsdesigner kommt dabei eine große Verantwortung zu. Er ist der Sachwalter des Lesers und muss das von Experten gelieferte, teils hochkomplexe Wissen so herunterbrechen und in visuelle Form umwandeln, dass es vom Publikum verstanden wird.

Der »Transformer« – ein Begriff, der auf Isotype bzw. die Wiener Methode der Bildstatistik zurückgeht – handelt nicht allein und ist nicht unbedingt selbst der ausführende Illustrator. Bei Isotype etwa arbeiteten Marie und Otto Neurath eng mit dem Grafiker Gerd Arntz zusammen. Wer mehr über das Prinzip der Erstellung von Isotype-Grafiken erfahren möchte, dem sei das kürzlich von Robin Kinross herausgegebene Buch The Transformer ans Herz gelegt.

Faszination Kyrillisch: In der Kursiven nimmt der Buchstabe т eine Form an, die für uns Banausen wie ein Minuskel-m aussieht.

Luc(as) de Groot nimmt uns mit auf einen Parforceritt durch sein bisheriges Schaffen. In einigen hundert Slides geht es von frühen Gemälden und dem Studium an der KABK zu seiner heutigen Tätigkeit als Potsdamer Professor und Leiter einer eigenen, auf große Fontfamilien für Zeitungen und Unternehmen spezialisierten Typefoundry in Berlin.

Bei seiner Zusammenarbeit mit der Wochenzeitung Jungle World führte De Groot ein Experiment durch: Über einen längeren Zeitraum wurden die Absätze stets abwechselnd in zwei – vom Grauwert recht ähnlichen, in den Details aber doch deutlich unterschiedlichen – Schriften gesetzt. Nie hat ein Leser dieses permanente Hin und Her zwischen Minion und News Plantin kritisiert oder auch nur angemerkt. Das – ernüchternde oder befreiende? – Fazit des Schriftgestalters: Zumindest bei kleiner Schrift auf grobem Papier spielen Details wie genaue Serifenform und Kurvenlauf kaum eine Rolle. Was dagegen wirklich einen Unterschied macht, sind Schriftgröße und Durchschuss.

Adam Twardoch wurde von der Stiftung Modernes Polen gebeten, bei der typografischen Aufbereitung der Online-Bibliothek Wolne Lektury zu helfen. Dieses mit dem Projekt Gutenberg vergleichbare Verzeichnis gemeinfreier polnischer Texte soll in verschiedenen Formaten (PDF, HTML, EPUB) v.a. für die Lektüre am Bildschirm ausgegeben werden. Die »Leiden des jungen Konverters«, wie Twardoch seinen Vortrag betitelt hat, bestanden darin, bei der Umwandlung des XML-Ausgangsmaterials eine möglichst umfassende Kontrolle über die typografische Qualität zu bewahren.

Da das Endprodukt Open Source sein sollte, mussten auch alle »Zutaten« frei sein – einschließlich der Schrift. Auf der Suche nach einem geeigneten GPL-lizenzierten Font wurde Twardoch in der Junicode fündig. Die Open-Source-Regeln erlaubten es ihm, selbst Optimierungen vorzunehmen: So wurden die polnischen Sonderzeichen verbessert und der übergroße Zeichenvorrat auf das nötige Maß reduziert.

Akiem Helmling erzählt von David Horwitz. Dieser Künstler bietet an, für einen Dollar eine Minute lang über den Geldgeber nachzudenken. Andreas Slominski stellt eine gewöhnlich aussehende Ziegelmauer aus – das Besondere verrät der Titel der Arbeit, »Wall Built from Top to Bottom«. Auf dem Kasseler Friedrichsplatz liegt eine unscheinbare Metallscheibe. Es ist aber keine Scheibe, sondern das Ende des vertikalen Erdkilometers, einer Arbeit von Walter De Maria, der im Rahmen der documenta 6 ein tausend Meter tiefes Loch bohren ließ, um darin Messingstäbe zu versenken. All diesen Arbeiten ist gemein, dass das Unsichtbare ebenso wichtig ist wie das direkt Sichtbare. Prozesse zählen mehr als Resultate, what you see is not what you get.

Die aktuelle niederländische Regierung unter Beteiligung der Rechtspopulisten diffamiert alles, was nicht ihrer kurzsichtigen marktwirtschaftlichen Logik folgt, als »linkes Hobby«. Kunst und Kultur sehen sich mit massiven Einschnitten konfrontiert. Auch das Den Haager Museum Meermanno, ältestes Buchmuseum der Welt, ist wegen der neoliberalen Kürzungspolitik akut von der Schließung bedroht – weil es sich nicht allein aus den Eintrittsgeldern finanziert. Helmling, dessen Freundin Mare-José Sondeijker die Galerie West betreibt, sieht den blinden Sparkurs als Folge der auf bloße und schnelle Ergebnisse fokussierten WYSIWYG-Gesellschaft.

Keine Pinsel-, eine Besenschrift! Zwischenstand auf dem Weg zum neuen MyFonts-Logo, für welches Underware verantwortlich zeichnet.

TypeTogether-Ausstellung

Beschlossen wird das offizielle TypeTalks-Programm mit dem Besuch der Galeria Słodownia. Dort ist eine Werkschau der noch jungen Foundry TypeTogether zu sehen. Neben »Klassikern« wie Ronnia und Karmina von den Gründern Veronika Burian und José Scaglione können dort auch neueste Veröffentlichungen von weniger bekannten Gestaltern bewundert werden, darunter die Pollen (2011) von Eduardo Berliner oder die Sirba (2010) von Nicolien van der Keur.

Rue Display von Winnie Tan, Schriftgestalterin aus Singapur

Coranto 2, erweiterte Überarbeitung der eleganten Zeitungsschrift von Gerard Unger

Herzlichen Dank für die professionelle Durchführung der zweiten TypeTalks an die Organisatoren Anna Giedryś und David Březina! Erneut war die Veranstaltung ein echtes Highlight – in Anbetracht der moderaten Teilnahmegebühr bieten die TypeTalks sogar das wohl beste Preis-Leistungs-Verhältnis im Bereich der Typo-Events. So bleibt nur schwer nachzuvollziehen, warum sich nicht mehr Studentinnen und Studenten aus Potsdam, Berlin oder Leipzig auf den kurzen Weg nach Polen gemacht haben.

Tschüss Posen, cześć Poznań! Bis zum nächsten Jahr – dann voraussichtlich wieder im tschechischen Brno.

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