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Creative Characters: Ludwig Übele


Creative Characters ist MyFonts’ beliebte Reihe monatlicher Interviews mit herausragenden Schriftgestaltern. Zum dritten Mal erscheint eine deutschsprachige Version: diesen Monat präsentieren wir Ludwig Übele.

Viele Leser der Serie zeigen sich erstaunt, wie unterschiedlich all diese Designer doch sind. Auch unser aktueller Gesprächspartner geht seinen ganz eigenen Weg. In einer Zeit, in der pragmatische Groteskfonts und pompöse Schreibschriften Hochkonjunktur haben, zieht er es vor, ausgefallene Textschrift-Familien zu entwerfen: raffiniert im Detail, ruhig und angenehm lesbar in kleinen Größen. Bei aller Hingabe zu fantasievollen Feinheiten verliert der Designer nie das große Ganze aus den Augen – Texte lesbar darbieten und sie gleichzeitig mit einer besonderen Stimme ausstatten. Wenn man dann noch seine ausgesprochen originellen Displayschriften sieht, steht fest: Ludwig Übele ist ein typografischer Tausendsassa.

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Ludwig, Du hast nach Deinem Studium in mehreren Designagenturen gearbeitet. War das für Dich befriedigend? Wie bist Du zur Spezialisierung auf Schrift gekommen?

Schon während meines Grafik-Design-Studiums an der Augsburger Hochschule habe ich mich in erster Linie für Schrift und Typografie interessiert. Ich hatte immer das Gefühl, dass Schrift mehr Substanz bietet, weil sie solch ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur ist, mit einer jahrtausendelangen Geschichte. Und obwohl jeder ständig und überall Schrift benutzt, beschäftigt sich doch kaum jemand bewusst mit der Form von Schrift an sich. Mir hat auch die Beschränkung auf einfache Formen gefallen: Schwarz und Weiß, Form und Gegenform. Vor allem während meiner Arbeit in Agenturen habe ich gemerkt, dass mich die Jobs, die wesentlich mit Typografie und Schrift zu tun hatten, am meisten interessierten.

Du hast Dich dann entschieden, in Den Haag den berühmten Typedesign-Kurs der KABK zu machen. Ist das eine wichtige Entscheidung gewesen? Wie hat der Unterricht dort Deine Herangehensweise beeinflusst? Hat sie auch Deinen Stil geprägt?

Den Haag war eine sehr wichtige Wende in meinem Berufsleben. Ich konnte mich erst nach dem Kurs voll und ganz auf Schrift konzentrieren. Es war eine sehr fruchtbare Zeit, in der ich unheimlich viel über Schriftentwurf gelernt habe. Zum Beispiel eine Schrift als Ganzes zu sehen und am ganzen Alphabet gleichzeitig zu arbeiten, um sich nicht in Details zu verlieren. Eine Schrift, die nur aus interessanten Details besteht, ist meiner Meinung nach noch keine gute Schrift. Oft stören diese Details sogar, die man anfangs für originell hält.

Ich weiß nicht, ob ich einen eigenen Stil habe. Ich habe versucht, mir – in Den Haag und auch später – eine eigene Sichtweise auf Schrift anzueignen. Einen typischen »Den-Haag-Stil« habe ich von Anfang an versucht zu vermeiden. Wenn man sich meine Marat ansieht, die ja größtenteils dort entstanden ist, erkennt man – glaube ich –, dass mir etwas Eigenes gelungen ist.

Die Schrift, die Nicolas Jenson um 1470 in Venedig geschnitten hatte (oben), inspirierte Ludwig Übele zu seiner ersten Serifen-Textschrift, Augustin (unten).

Deine Schriftformen sind tatsächlich oft sehr originell. Hast Du Beispiele oder Helden im Bereich Schrift und Lettering?

Ich liebe die Schriften von Bram de Does und Roger Excoffon. Bram de Does’ Trinité und Lexicon gehören zu den schönsten Antiquas, die ich kenne. Ihr kalligrafischer Charakter erzeugt solch ein warmes und äußerst angenehmes Textbild. Was Harmonie und Gleichmäßigkeit anbelangt, hat De Does den Schriftentwurf perfektioniert. Kein Zeichen steht im Vordergrund, aber als Ganzes bilden seine Schriften ein völlig eigenständiges, lebendiges und charaktervolles Bild.

Excoffons Schriften sind experimentierfreudiger, auch härter. Antique Olive beispielsweise ist ja im Detail eine völlig schräge Schrift, und trotzdem funktioniert sie hervorragend. Vendôme, die zusammen mit François Ganeau entstanden ist, hat mich schon immer wegen ihrer ausgeprägten und selbstbewussten Formen fasziniert.

Auch Gerard Ungers Schriften haben mich sehr beeinflusst. Ich mag die Klarheit und Sachlichkeit in seinen Entwürfen. Die Idee ist in Ungers Schriften stärker sichtbar. Und sie sind in gewisser Weise technischer, auch in der Art, wie sie gezeichnet sind.

Die Serifenlosen von Georg Salden halte ich für mit die Besten, die in der digitalen Ära entstanden sind.

Georg Salden gilt als Ausnahmedesigner in der deutschen Typografie; höchst originell, und dabei ein Einzelgänger, der zum Beispiel nie mit Vertriebspartnern arbeiten wollte. Du betreust seinen Webshop, TypeManufactur. Kannst Du etwas über die Zusammenarbeit erzählen?

Die Zusammenarbeit kam zufällig zustande. Ich sollte anfangs nur eine OTF-Version der Polo, seiner erfolgreichsten Schrift, erstellen. Damals wusste Salden sicher nicht, dass ich seine Schriften bereits seit meiner Studienzeit bewundere. Wir haben uns gleich sehr gut verstanden, und er fragte mich, ob ich nicht den Vertrieb all seiner Schriften übernehmen wolle. Ich produziere die OTF-Fonts, und digitalisiere Schriften, die es bislang nur analog gibt. Salden entwirft ja seit über 50 Jahren Schriften und hat in dieser Zeit mehr als 40 Schriftfamilien entworfen, und dabei alle Einzelschnitte von Hand gezeichnet. Da habe ich noch lange zu tun …


In seiner Studienzeit in Finnland bemerkte Ludwig Übele die eigenartigen Formen der dortigen Verkehrsschilder-Schrift: Die Bögenansätze waren außen gerade gezeichnet, innen jedoch gerundet (wie das n ganz rechts). Unter dem Namen Helsinki hat er seine Variation dieser schrägen »Finn-DIN« veröffentlicht – als Familie mit 7 Strichstärken von Hairline bis Fat.

Viele qualitätsbewusste Schriftdesigner sehen eine gut ausgebaute Textfamilie als höchstes Ziel. Du hast ernsthafte Textfamilien wie Marat und Augustin erfolgreich mit verspielten Schriften wie Daisy kombiniert. Wie gelingt Dir dieser Spagat?

Ich versuche, neue, lebendige und lesbare Buchstaben zu entwerfen. Dabei spielt es für mich am Anfang keine Rolle, ob es eine Textschrift oder eine Displayschrift wird. Allerdings finde ich sogenannte Textschriften interessanter, da sie für umfangreiche Texte entworfen werden und auch in kleinen Größen funktionieren müssen. Mich interessiert, wie eine Schrift als Ganzes (nicht einzelne Buchstaben) ein bestimmtes Textbild erzeugt, wie sie interessant und angenehm lesbar wird. Der Rahmen für die Gestaltung von Textschriften ist sehr viel enger als für experimentelle Schriften. Um im Kopf frei zu werden oder auch um auf neue Ideen zu kommen – für mich ist es wichtig, einfach drauf los zu skizzieren, ohne bereits an den späteren Gebrauch der Schrift zu denken. Erst in der weiteren Entwurfsphase entscheidet sich, ob es für eine Textschrift taugt. Oder ob es eine experimentelle Schrift wird.

An der Schrift Daisy kann man übrigens gut den Entwurfsprozess aufzeigen. Meine erste Idee war das c. Mir gefiel die Idee, dass der Innenraum des Buchstabens lediglich aus einer feinen weißen Linie gebildet wird, die eigentlich nur die Tropfenserife begrenzt. Diese weiße Linie musste nun Maßgabe für alle anderen Binnenräume sein. Zunächst waren die Innenräume wesentlich feiner als in der finalen Version, und man hätte sie sicherlich bis ins kaum mehr Wahrnehmbare verfeinern können. Ich wollte jedoch, dass die Schrift auch in kleineren Größen immer noch angenehm erscheint, und die weißen Linien nicht völlig wegbrechen. Später hat sich dann die Form des c nochmals verändert, damit es besser zu den andern Buchstaben passt.

Ist es für Deine Tätigkeit als Schriftdesigner wichtig, längere Zeit als »Schriftanwender« in Designagenturen gearbeitet zu haben?

Eigentlich nicht. Wichtiger ist es, während und nach dem Entwurfsprozess mit der Schrift zu arbeiten. Oft entdeckt man erst im Gebrauch Ungereimtheiten, die man auf Testausdrucken nicht erkennt. Noch interessanter wäre es natürlich, wenn ein Typograf bereits im Entwicklungsstadium die Schrift benutzen könnte, und man Rückmeldung bekommen würde.

Kannst Du den Arbeitsprozess beschreiben, wenn Du eine Textschrift so wie Marat gestaltest?

Am Anfang steht immer einer Idee. Bei Marat waren es sogar zwei. Einerseits sollte es eher eine Schrift für Magazine, Broschüren oder den Corporate-Gebrauch werden, als eine für Romane. Im Unterschied zu Büchern enthalten Zeitschriften meist viele unterschiedliche Elemente (von langen, linearen Texten bis hin zu sehr fragmentarischen Informationen). Verschiedene Strichstärken, Stile und Größen erscheinen auf einer Seite. Marat sollte diesen unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden: offen und leserlich für kleine Schriftgrößen, kompakt für Headlines und schmale Kolumnen.

Andererseits waren einige Formmerkmale der Marat das Ergebnis eines Experiments mit Erik van Bloklands Superpolator. Ich habe einen sogenannten ink trap stufenweise von rechts nach links und von oben nach unten bewegt, und mich aus der Vielzahl der Ergebnisse für eines entschieden. Marat war übrigens von Anfang an auch als Serifenlose gedacht. Tatsächlich waren die allerersten Entwürfe ohne Serifen. Deshalb wird es wohl bald auch eine Marat Sans geben.


Spielen die neuen Font-Tools etwa von Erik van Blokland oder Tim Ahrens eine wichtige Rolle in Deinen Entwurfprozessen?

Nein, beim Entwurf spielen sie eigentlich gar keine Rolle. Egal, ob ich mit Bleistift oder direkt am Rechner entwerfe – anfangs automatisiere ich nicht. Es soll ja Designer geben, die sogar Serifen oder Balkenstärken automatisieren, mit dem Ergebnis, dass sie in jedem Buchstaben gleich sind. Das ist nicht meine Arbeitsweise, im Gegenteil, ich denke, das führt zu einer leblosen Monotonie. Allerdings spielen diese Tools natürlich eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, eine Schriftfamilie umfassend auszubauen, z.B. beim Erstellen von Akzentfiguren oder mehreren Strichstärken.

Ist das ganze Alphabet von A bis Z und von a bis z fertig gezeichnet, geht die Arbeit des Schriftgestalters erst richtig los: Ein Font umfasst eine Menge mehr Glyphen – neben Ziffern, Satzzeichen und Ligaturen vor allem Akzentbuchstaben für verschiedene Sprachen. Hier eine Übersicht aller Zeichen der Mokka Regular. Die ebenfalls erhältlichen Kapitälchen sind gar nicht abgebildet, von den kursiven, fetten und fettkursiven Schnitten ganz zu schweigen.

Einige Schlüsselglyphen der ausdrucksstarken Mokka

Ich versuche, möglichst viel von Hand zu machen, inzwischen sogar wieder mehr als früher. Nicht unbedingt, weil ich es für besser halte, sondern weil es mir mehr Spaß macht, mit dem Bleistift zu skizzieren, als nur am Rechner zu sitzen. Aber natürlich haben die digitalen Outlines unschlagbare Vorteile – beispielsweise, dass ich sofort einen Text in verschiedenen Größen ausdrucken und unmittelbar sehen kann, wie die Schrift wirkt. Ich würde jedoch niemals versuchen, »Handgemachtes« am Rechner zu imitieren. Ich habe nie verstanden, warum man digitale Fonts benutzt, die wie handgemacht aussehen. Das würde ich dann lieber gleich mit der Hand zeichnen.

Deine erste Schrift hast Du mit einem eigenen Schriftverlag selbst herausgebracht, statt sie bei einer der größeren Type-Foundries anzubieten. Warum hast Du entschlossen, es im Alleingang zu versuchen?

Weil es so einfach war. Man braucht ja heute eigentlich keine große Foundry mehr. Vollendete Fonts kann man völlig alleine machen. Und für den Verkauf braucht man nur eine Website. Fertig! Allerdings habe ich nicht bedacht, wie schwierig es ist, auf mich und meine Schriften aufmerksam zu machen. Das war dann auch der Grund, warum ich meine Schriften auch bei MyFonts anbiete, um einen größeren Kreis von Interessierten zu erreichen. Meine neueste Schrift, Tundra, die ebenfalls wie Daisy beim diesjährigen TDC² gewonnen hat, wird demnächst bei FontFont erscheinen – ebenfalls ein Versuch, ein neues Klientel zu erreichen.

Du machst nicht nur Fonts für den Handel, sondern arbeitest auch im Auftrag. Für welche Art von Kunden arbeitest Du, und wie sieht Deine Arbeitswoche aus?

Es gibt ein paar CI- und Packaging-Firmen, für die ich regelmäßig arbeite. Es handelt sich fast immer um schriftbezogene Sachen, meist Schriftzüge (Logotypes), oder selten auch Hausschriften. Die meiste Zeit verbringe ich allerdings mit meinen eigenen Entwürfen. Ich arbeite in der Regel an mehreren Schriften gleichzeitig. Viele bleiben dann letztendlich in der Schublade liegen, weil ich sie nicht für gut genug halte. Oder ich arbeite später daran weiter.

Walhalla, ein an mittelalterliche Handschriften erinnerndes Unzial-Pärchen; einmal mit und einmal ohne Serifen.

Bekommst Du oft zu sehen, was andere mit Deinen Schriften machen?

Nein, ich bekomme selten Anwendungen zu sehen. Ich freue mich, wenn meine Schriften Teil eines schönen Projektes geworden sind, ein schönes Buch oder Plakat beispielsweise.

Momentan ist Berlin, wo wir beide wohnen, eine der prominentesten Typo-Städte der Welt, mit zahlreichen erfolgreichen jungen Gestaltern, darunter Hannes van Döhren, Verena Gerlach, Ulrike Wilhelm, Jan Fromm, Dan Reynolds und viele mehr. Woran liegt das, meinst Du? Und was heißt es für Dich, in dieser Stadt zu arbeiten?

Berlin ist ja allgemein für Kreative anziehend. Die Kosten sind gering, das Umfeld und die Umgebung inspirierend. Meine Arbeit beeinflusst es jedoch nicht wirklich. Nur vielleicht in der Weise, dass ich gelassener arbeiten kann, da ich weniger Unkosten habe.

Was ist Dein Traumprojekt, im Typobereich?

Ich habe einige Träume, die haben aber alle nun wirklich nichts mit Schrift zu tun. Ich könnte jedoch sagen, dass ich gerne eine spezielle Schrift für eine wichtige Institution, z.B. ein berühmtes Museum oder einen bekannten Verlag oder eine große Zeitung machen möchte. Und das stimmt sicherlich. Aber eigentlich möchte ich lediglich eine Schrift entwerfen, die eine gewisse Relevanz für das typografische Schaffen allgemein hat und andere Schriftdesigner inspiriert.

Himmlische Schriften: Ergebnisse eines Experiments mit mathematisch generierten, sich überlagernden Kreisflächen

Was ist der Albtraum eines Schriftgestalters?

Festplatte und Backup im Eimer und alle Daten weg. Aber zum Glück sind ja alle Schriftdateien noch auf dem MyFonts-Server! :)

Es gibt immer mehr Grafik-Design-Studenten, die überlegen, sich auf Schrift und Lettering zu spezialisieren. Was möchtest Du ihnen raten?

Ich würde ihnen raten, es sich sehr genau zu überlegen. Schriftentwurf ist ein Handwerk, das man sich nur mit sehr viel Mühe und Arbeit aneignen kann. Wie in jedem Handwerk braucht es sehr viel Erfahrung, um ein Meister zu werden. Ich selber entwerfe seit über 10 Jahren und würde mich noch immer als Lehrling bezeichnen.

»Zu mager, zu fett, zu spitz, zu eckig« – aus den Anfängen von Ludwigs Lehrlingszeit: Korrekturvorschläge seines Augsburger Professors Hans Heitmann zu einem frühen Schriftversuch (1997)

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