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Acorde

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Acorde – mit diesem Namen platziert Stefan Willerstorfer seine Schriftfamilie nicht nur ganz oben im Schriftmenü, sondern gibt auch gleich das zugedachte Einsatzgebiet bekannt: Acorde ist a corporate design typeface, gemacht für die vielfältigen Anforderungen der Unternehmenskommunikation – nüchtern und doch mit einem menschlichen Antlitz, sympathisch und dabei nicht aufdringlich, zeitgenössisch, aber nicht modisch. Ihr Autor beschreibt sie als Arbeitstier, das vom Lesetext in kleinen Graden bis hin zu Ausschilderungen zuverlässig seinen Dienst verrichtet und auch im Editorial- und Informationsdesign verwendet werden kann.


Noch eine Sans? Die Details machen die Musik

Eine Neuveröffentlichung muss sich messen lassen an den bereits etablierten Vertretern des Genres. Die humanistische Serifenlose ist ein recht enges Feld, gerade wenn sie rationalisiert ist, also keine abgeschrägten Enden nach Art der Syntax hat und keinen allzu ausgeprägten Strichstärkenkontrast aufweist. Anders als bei Serifenschriften gibt es hier kaum Details, die kreativen Spielraum lassen. So sind gewisse Ähnlichkeiten mit bestehenden Schriften schwer vermeidlich.

Acorde im Vergleich mit Klassikern aus dem Bereich der dynamischen Allzweck-Sans. Von oben nach unten: Frutiger (A. Frutiger, 1968–1976/1993), Myriad (R. Slimbach/C. Twombly, 1992–2000), Acorde (St. Willerstorfer, 2005–2010), TheSans (L. de Groot, 1994–2006). Einzig die (ältere) Frutiger zeigt eckige Punkte und die Sulzbacher Form des ß.

Wie die TheSans besitzt die Acorde ein doppelstöckiges g und hat Mediäval­ziffern als Standardziffernart. Dass diese zwei Schriften aus der selben Schule stammen, ist auch an den vom Schreiben und vom Schreibwerkzeug beeinflussten Formen wie b und d zu sehen – De Groot und Willerstorfer haben beide die von Gerrit Noordzijs Ideen geprägte Lehre an der KABK in Den Haag durchlaufen. Andere Details wie das R mit gebogenem Bein und das G mit Querstrich hat die Acorde dagegen eher mit Frutiger oder Myriad gemein. Besonderheiten der Acorde sind das schöne J mit Unterlänge und die offene 4.

Ein Blick auf die vertikalen Maße ergibt: Acorde (Mitte) hat bei gleicher Punktgröße ein leicht größeres Bild als Myriad (links) und TheSans (rechts). Durch Skalierung um 4% (Myriad) bzw. 2% (TheSans) wurden die Fonts zur besseren Vergleichbarkeit auf die gleiche x-Höhe gebracht. Das Verhältnis der Versal- zur x-Höhe entspricht bei der Acorde dem der Myriad und ist nur minimal größer als das der TheSans. Auch die Oberlängen sind so gut wie identisch, während die Unterlängen der Acorde zwischen denen der anderen beiden stehen.


Eine speziellere, eigenständige Note verleihen der Acorde die einseitig gerundeten An- und Abstriche. In den fetteren Stärken und insbesondere den kräftigen Kursiven treten diese kalligrafisch inspirierten Merkmale deutlich hervor. Diese Schnitte erweitern das Spektrum der Familie Richtung Display-Bereich und eignen sich hervorragend für Botschaften, die einer nachdrücklicheren Form bedürfen. Unten: Schon in den ersten händischen Skizzen sind die spitz in einem Punkt zulaufenden Abschlüsse zu finden.

Ausbau und Eigenheiten


Acorde hält einen ganzen Satz Ligaturen bereit, für diverse f- und t-Kombinationen. Auf Kropfligaturen (ct, st) wird verzichtet. Wer Verbünde in Serifenlosen partout nicht leiden mag, kann sich freuen: Auch bei ausgeschalteten Grundligaturen kommt es nicht zu Kollisionen. ➀

In den bedingten Ligaturen ➋ verbirgt sich eine praktische und eine weniger schöne Überraschung. Häufig benötigte, aber nur schwer erreichbare Sonderzeichen lassen sich schnell aus Einzelzeichen zusammentippen. Um ein Copyright-Symbol zu bekommen, gibt man ein C in runden Klammern ein. Ein Divis (-) gefolgt von einem Größer-als-Zeichen (>) ergibt einen Pfeil (→). Sind bedingte Ligaturen aktiv, findet die Umwandlung automatisch statt. Unglücklich ist hingegen, dass Standardligaturen zu Gunsten von bedingten Ligaturen aufgelöst werden. Aus statt·finden wird stattf·inden, da die ttf- die fi-Ligatur überschreibt. Man sollte also nicht blind der Ersetzungsautomatik vertrauen.

Klammern, Guillemets und andere Satzzeichen passen sich in Versalfolgen von selbst in ihrer vertikalen Position an (OpenType-Funktion Case-Sensitive Forms). Ein automatischer Versalausgleich (Capital Spacing) wird dagegen nicht vorgenommen. Ob Regular, Italic oder Extrablack – alle 14 Schnitte enthalten Kapitälchen. ➂ Es gibt sogar spezielle Kapitälchen-Ziffern – sehr erfreulich, denn Mediävalziffern sind in diesem Kontext eigentlich nur zweite Wahl.

Lobenswert ist zudem, dass Willerstorfer nicht nur hoch- und tiefgestellte Ziffern, sondern auch derartige Kleinbuchstaben und Interpunktionszeichen erstellt hat. Wie oft kommt es vor, dass ein Verweis ein alphabetisches Element oder einen Bis-Strich enthält, oder eine Formel nach einer tiefgestellten Letter verlangt! Natürlich kann der Typograf dann das Basteln anfangen, das Zeichen skalieren und mit der Wahl eines fetteren Schnitts optisch gegensteuern. Schöner und schneller ist es jedoch, wenn der Font passend gezeichnete Glyphen gleich mitliefert. ➃


924 Glyphen pro Schnitt sorgen dafür, dass von Isländisch über Türkisch bis Zulu nahezu alle auf dem lateinischen Alphabet basierenden Sprachen unterstützt werden. ➄

Der Halbgeviertstrich ist so zugerichtet, dass Spannen nicht gesondert spationiert werden müssen. Gleiches gilt für den Geviertstrich: Setzt man ihn, wie im Amerikanischen üblich, ohne umgebende Leerzeichen, so steht er mittig, ohne anzustoßen. ➅

Geht man nach Ivo Gabrowitsch, so kann ein Font gar nicht mit genügend Pfeilen gerüstet sein. Acorde hat immerhin zwei Sätze, gewöhnliche und negative. Ebenso gibt es Ziffern im Kreis, sowie Ziffern, die aus einer Kreisfläche ausgespart sind. Abgerundet wird das Figurenverzeichnis durch geometrische Formen wie Dreiecke, Rauten und Quadrate, welche für Aufzählungen und als Verweis- oder Endzeichen dienlich sein können. ➆

Von Studium in Holland zur eigenen Foundry in Österreich

Ihren Anfang nahm Acorde als Studienarbeit im Type]Media-Kurs an der Königlichen Hochschule in Den Haag. In einem Büchlein hat Stefan Willerstorfer die Entwurfsstadien seiner Schrift festgehalten. An einer Vielzahl von Zeichnungen lässt sich die Entwicklung nachvollziehen. Unten: Auch eine extrabreite Variante wurde skizziert, aber nicht weiter verfolgt.

Von der Abschlussarbeit 2005 bis zur Veröffentlichung im letzten Jahr hat Stefan Willerstorfer noch viel Arbeit in die Schrift gesteckt. In den Monaten und Jahren nach der Zeit in den Niederlanden konnte der in Wien lebende Designer das komprimiert aufgenommene Wissen reflektieren und nach und nach praktisch umsetzen. Schließlich umfasst die fertige Familie neben den vier ursprünglichen Fettegraden noch drei weitere. Ebenso sind kursive Schnitte hinzugekommen.

Das Büchlein bildet auch eine Acorde Serif ab, eine von der Sans abgeleitete Antiqua. Eine solche Erweiterung findet der Gestalter nach wie vor reizvoll, allerdings würde er sie aus heutiger Sicht mit einem deutlich anderen Charakter versehen. Allzu bald wird es dazu nicht kommen: Nach fünf Jahren Arbeit an der Sans-Familie brauche er etwas Abstand von der Acorde-Familie, so Willerstorfer.

Stefan Willerstorfer hat anschließend an den Master in Type Design zusätzlich einen Master in Information Design absolviert – kurioserweise an der University of Reading, der anderen Brutstätte für Schriftgestalter. Es dürfte nicht viele geben, die sowohl in Den Haag als auch in Reading graduiert haben! Für die Publikation der Acorde entschloss er sich, einen eigenen Verlag zu gründen, die Willerstorfer Font Foundry.

Bemerkenswert sind die vernünftigen, an der Realität orientierten Lizenz­bestimmungen. Speziell im Bereich Buchherstellung ist es gelegentlich nötig, ein offenes Satz-Dokument an die Druckerei zu liefern, weil z.B. erst dort die endgültigen Bilddateien vorliegen. Willerstorfer Font Foundry erlaubt das Weiterreichen der Fonts an Druckereien, solange dies der reinen Ausgabe dient, das Dokument nicht noch verändert wird und die Font anschließend wieder gelöscht werden. Die Standard-Lizenzvereinbarung gestattet es dagegen leider nicht, ein PDF mit eingebetteten Fonts online zu veröffentlichen, selbst, wenn in diesem der Zeichenumfang reduziert (Subsetting) und die Bearbeitung gesperrt wurde (non-editable).

Fazit

Die Acorde mag auf den ersten Blick keine weltbewegend neue Schrift sein. Bei gleicher Zielvorgabe – eine serifenlose Corporate-Design-Schrift, dynamisch, vielseitig verwendbar und möglichst wenig in ihrer Zeit verhaftet – kamen andere Gestalter bereits zu ähnlichen Ergebnissen. Das will ich der Acorde jedoch nicht zum Vorwurf machen, ist Originalität im Schriftentwurf ja generell nur sehr dosiert gefragt.

Stefan Willerstorfer hat eine solide Schriftfamilie geschaffen, mit einem wunderbar ruhigen und gleichmäßigen Textbild. Ihre Stärke ist die harmonische Vereinigung einer sachlichen Grundschrift mit den ausdrucksvollen fetten und kursiven Formen für Schaugrößen. Kein Zeichen fällt besonders auf, oder aus der Reihe – das muss man erst einmal schaffen. Gestalterisch und technisch sind die Fonts auf dem Stand von heute. Ihr Ausbau lässt für den professionellen Einsatz kaum einen Wunsch offen.

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Acorde als eine erfrischende Alternative gesehen wird und bereits mit mehreren Preisen prämiert wurde, darunter dem Grand Prize of Applied Typography 21 der Japan Typography Association, dem Communication Arts Award of Excellence und dem Joseph Binder Award.

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