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Tÿpo St. Gallen


Vergangenes Wochenende fand zum ersten Mal die Tÿpo St. Gallen statt. Zu Gast war das deutsche Forum Typografie, welches sein 25. Bundestreffen in der Ostschweizer Stadt abhielt. Roter Faden des Kongresses: Was ist typisch für die Schweiz? Gibt es sie noch, die Schweizer Typografie?

Ein Ypsilon mit Trema markierte den Weg zum Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum / Schule für Gestaltung (GBS), vor dem Eingang war ein roter Teppich ausgerollt. Mit einer Konferenztasche und einem Biberli begrüßte das Helferteam die über 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Vor ihnen lag ein Wochenende gefüllt mit 13 vielversprechenden Vorträgen. Viele hatten sich sicherlich auf den Weg gemacht, um die beiden Typografie-Koryphäen Jost Hochuli und Gerrit Noordzij zu hören. Mit Bruno Monguzzi und Ralph Schraivogel standen des Weiteren zwei Stars der Schweizer Plakatgestaltung auf der Rednerliste, ergänzt um internationale Gäste wie die Buchcover-Gestalterin Gabriele Wilson und die Bloggerin Tina Roth Eisenberg aus New York.

Gestürzte Zeilen auf Sichtbeton, natürlich in Helvetica: Alle Referentinnen und Referenten, chronologisch von rechts nach links

In seiner Funktion als Vorstand des Forums Typografie eröffnete Andreas Maxbauer den Kongress. Er versteht Schweizer Typografie weniger als nationale Eigenart, sondern vielmehr als Gattungsbegriff – »die Gattung, bei welcher die größte Ornamentik die Hinzunahme einer zweiten Farbe bedeutet«. Maxbauer ist selbst Autor eines Buches über Gestaltungsraster und somit indirekter Nachfolger der großen Schweizer Gridniks wie Josef Müller-Brockmann und Hans Rudolf Bosshard. Anschließend hieß auch Moderator Clemens Schedler die Teilnehmerinnen und Teilnehmer herzlich willkommen. Raster hin oder her, den schöneren Zaster haben die Schweizer allemal, so der Österreicher in Bezug auf die Gestaltung der Banknoten.

Plakatives, Versales und Alphabetisches

Richtig los ging es dann mit Bruno Monguzzi. Für den Tessiner Plakatgestalter ist objektive Typografie nicht gleichbedeutend mit funktionaler Typografie. Das »Wie« bestimmt das »Was« – es mache einen großen Unterschied, ob man das Wort Shit in einer eleganten Anglaise schreibt oder mit Exkrementen schmiert. Oder – als Inhaber eines Schweizer Passes dürfe er das – in Helvetica setzt. Der in der Schweizer Typografie so heilige Raster symbolisiere »nutzlosen Perfektionismus« und sei darin mit einem schön gespannten Spinnennetz vergleichbar: Nützlich wird dieses erst im Moment der Zerstörung – wenn sich die Fliege darin verfängt.

Ralph Schraivogel empfindet die Aufnahme von Logos und Schriftzügen von Unternehmen und Institutionen als massive Beschränkung der kreativen Möglichkeiten. Er lehne solche Vorgaben ab. Auch von seinen Kollegen fordert er ein, das Spielfeld des Gestalters gegen Scheinzwänge wie »optimale Lesbarkeit« zu verteidigen. »Oft ist man gezwungen, das zu machen – aber man muss nicht.« Kluge Auftraggeber würden das einsehen.

Auch ein gestandener, vielfach preisgekrönter Plakatdesigner wie er hat nicht »einfach schnell« eine Idee. Am Beispiel von Evil prevails when good men fail to act zeigte Schraivogel, wieviel suchende Arbeit mit teils peinlichen Zwischenergebnissen in so einem Poster steckt. Unzählige Ansätze, Irrwege und Variationen mussten erstellt werden, bis er schließlich den richtigen grafischen Ausdruck mit der ambigen Anordnung LIVE/EVIL gefunden hatte.

Martin Tiefenthaler aus Wien hatte mal wieder einen wahren Augenöffner im Gepäck. Nach dem Vortrag über den Einfluss der Typografie auf die emotionale Wahrnehmung bei den TypeTalks Posen und »Mehrwert durch Grauwert« in Raabs ging es dieses Mal um die Versalschreibung und ihre Implikationen; um Digraphie und Ideologie.

Rasch rekapitulierte er die Geschichte der Kritik am (übermäßigen) Gebrauch von Großbuchstaben. Während die Gebrüder Grimm ästhetisch argumentierten, war die Forderung des Bauhaus nach Kleinschreibung bzw. einem Universal­alphabet praktisch motiviert: »Warum groß schreiben, wenn man nicht groß sprechen kann?« Tiefenthaler dagegen begründet seine Skepsis emanzi­patorisch und antirepressiv.

Die Kleinbuchstaben entwickelten sich bekanntlich aus den Großbuchstaben. In allen Schriftkulturen gab und gibt es verschiedene Schreibstile – formelle und informellere –, die allerdings stets unvermischt eingesetzt werden. Die einzige Ausnahme bilde, so Tiefenthaler, die christliche Schriftkultur. Hier wurde mit dem Rückgriff auf die römische Capitalis und der Kombination dieser mit der humanistischen Minuskel eine einzigartige Unterscheidungsebene kreiert. Großschreibung sei Machtausdruck und gehe mit der christlichen Repression Hand in Hand.

Äußerungen in Versalschreibung kämen fast immer als Injunktionen daher, sie erschienen unhinterfragbar und duldeten keinen Widerspruch. Damit stellten sie das Gegenteil von Diskurs dar. Dazu projizierte Tiefenthaler Wochensprüche der Nationalsozialisten: Ein Propaganda-Satz wie »DER FÜHRER HAT IMMER RECHT« entfalte in Majuskeln eine völlig andere, autoritative Wirkung als in gewöhnlicher Gemischtschreibung. In Minuskeln zerfalle die scheinbar absolute Wahrheit gänzlich und erscheine nurmehr lächerlich: »der führer hat immer recht«. Auch heute sei das Mittel der versalen Injunktion weit verbreitet, ob auf den agitatorischen Hassplakaten der christlichen Rechten oder in der Auto-Werbung.

Zum Abschluss des ersten Tages wurde die 12. Edition Ostschweiz präsentiert, nämlich Das ABC eines Typografen von Jost Hochuli. In der Schweiz wird so etwas gebührend gefeiert und heißt nicht etwa Buchvorstellung, sondern Buch­vernissage. Die Broschur enthalte »eine Art kurzgefasste, fragmentarische Autobiografie in essayistischen Skizzen«, so Jan Middendorp in seiner Rede. »Es bietet dem Leser, zwischen den Zeilen, aber auch darin, einen besseren Einblick in die Person und das Denken Hochulis als es seine eher didaktischen Schriften wie zum Beispiel Bücher machen vermögen. Hier ist ein passionierter Autor und Gestalter, der zugleich ernsthaft und locker über seine Leidenschaft spricht, und der die Versuche anderer, Typografie zu treiben, zugleich streng und mit offenem Blick beurteilt.« Jost sei ein Besserwisser – denn er wisse es nämlich wirklich besser.

Der »Besserwisser«, aus seinem neuesten Buch lesend

Interludium: Elias Menzi macht die angereisten Gäste mit regionalen Hackbrettweisen vertraut.

Doppelseite aus Das ABC eines Typografen: Unter »R wie Rätsel« geht es um die Frage, wo Berthold Wolpe eigentlich seine unzähligen Buchumschläge gestaltet hat.

N wie Neue Typografie, No Design, Nostalgie, Noordzij und Nebenprojekte

Am Samstagmorgen betrat Jost Hochuli dann nochmals die Bühne und referierte über Die neue Typografie von Jan Tschichold. Er gestand, dass er dieses berühmte Buch zwar schon vor vielen Jahrzehnten erworben hatte – sein Mentor Rudolf Hostettler hatte ihm so geheißen –, aber erst wesentlich später dazu kam, es richtig zu lesen. Dabei habe er festgestellt, dass die Positionen des jungen und des älteren Tschicholds gar nicht so gegensätzlich seien, wie es oft dargestellt wird. Wichtiger als die Frage nach der Axialität sei Präzision in der Ausführung, schärfte Hochuli dem gebannt lauschenden Nachwuchs ein.

Romano Hänni hat über 20 Jahre hinweg die Gestaltung der Basler Zeitung maßgeblich mitgeprägt. Neben seiner Arbeit als Typografischer Gestalter fertigt er in einer eigenen Handsetzerei experimentell gestaltete Bücher. Darin thematisiert er unterschiedlichste Missstände, wie etwa die Folterungen im Abu-Ghuraib-Gefängnis , die Ruhigstellung ganzer Schulklassen mit Ritalin, oder den Chemieunfall in Basel von 1986, der auch heute noch Umweltschäden nach sich zieht.

Oben: Bleisatz-Puzzle für eine Bildfolge mit von Bahnwagen-Zeichen inspirierten Buchstaben-Männchen. Unten: Erinnerungen an den 1. November 1986



Hännis Handpressenbücher waren im Eingangsbereich der GBS auch im Original zu bestaunen. Ebenso ausgestellt war sein interessantes Forschungsprojekt über das fotografische Bild in der Zeitung. Unten: Plakate von Ralph Schraivogel – im typisch schweizerischen Weltformat XIV.

In der jungen Gestaltergeneration, die mit Nicht-Schriften à la Arial und Courier auszukommen versucht, erkennt Jan Middendorp die Erben von Piet Zwart. Auch dieser niederländische Konstruktivist forderte bereits »uninteressante Schriften«. Die heutige als Provokation gemeinte Negation der typografischen Kultur sei aber eine Sackgasse, warnt Middendorp: Wenn sie zum Gestaltungs­prinzip wird, mache sie den Designer überflüssig. Auf Mittelachse gesetzte Times-New-Roman-Versalien mit plumper Unterstreichung seien schnell kein Statement mehr, sondern gehen auf in der identisch aussehenden, leseunfreundlichen Alltagsproduktion typografischer Laien.

Middendorp kann der von Massimo Vignelli geforderten Beschränkung auf möglichst wenige Schriften nichts abgewinnen. Er plädiert für mehr Vielfalt: Wenn Biodiversität etwas Gutes sei, warum solle dann Typodiversität schlecht sein? Um mehr Übersicht in das Dickicht der neuen und interessanten Schriftveröffentlichungen zu bringen, hat Middendorp gemeinsam mit TwoPoints.Net ein Handbuch der Indie-Foundries gemacht – Type Navigator ist kürzlich im Gestalten Verlag erschienen.

Am Beruf der Buchgestalterin fasziniert Gabriele Wilson vor allem das Privileg, Bücher lesen zu dürfen, die sonst noch niemand zu Gesicht bekommen hat. Gleichsam bringt er sie dazu, in allem stets etwas Schönes zu suchen – denn auch weniger tolle Bücher benötigen schließlich eine inspirierte Covergestaltung.

Ihr Ratschlag an Designerinnen und Designer in spe: »Nehmt Kontakt auf mit den Leuten, deren Arbeit ihr liebt!« So gelangte sie selbst über ihr Idol Archie Ferguson an ihren Traumjob, lange Zeit war sie in der renommierten Designabteilung des Verlags Alfred A. Knopf tätig.

Mit dem strengen Schweizer Stil hat Wilson nichts am Hut. Wie viele ihrer Kollegen pflegt sie eine Vorliebe für eklektizistische Typografie, Hand-Lettering und altes Bildmaterial. Das mag zum einen daran liegen, dass die USA ein junges Land sind und dies durch übertriebene Nostalgie kompensiert wird. Zum anderen hat es auch praktische Gründe: Werke von vor 1923 sind gemeinfrei. Noch besser seien natürlich eigens erstellte Bilder. »Wenn Du anfängst, verrückte Dinge zu tun und wegen Deines Entwurfs schlaflose Nächte hast, bist Du vermutlich auf einem guten Weg.« Sie erzählt, welche leidenschaftliche Entstehungsgeschichte sich hinter manchem Druckmotiv verbringt – es könne schon vorkommen, dass der endgültigen Gestaltung ein Casting und Location Scouting wie beim Film vorausgeht, inklusive spontaner Shoppingtouren bei Bloomingdale’s für das perfekte Kostüm. Als Cover-Designer sei man immer auch ein Jäger.

Wilson findet, dass amerikanische Cover atmosphärischer sind – mal zum Guten, mal zum Schlechten. In Europa herrsche dagegen das Systematische vor, häufiger sind Schriftbänder, Streifen und Kästen zu finden.

»Im Lauf der Jahre bin ich ein schrecklicher Schulmeister geworden.« Gerrit Noordzij braucht keinen Projektor, er zieht Tafel und Kreide vor. Gut gelaunt präsentierte der legendäre Schriftlehrer und -denker ein Medley seiner schlauen und zum selbständigen Nachdenken anregenden Thesen. Zum Beispiel, dass das Lesenlernen mit Futura-artigen Kleinbuchstaben zu Wort­blindheit führe. Ein B ist auch von hinten betrachtet eindeutig ein B. Ein b dagegen wird zum d – es hat keine Rückseite. Das sei der Grund, warum Kinder nicht im Klassenzimmer herumlaufen dürfen – sie könnten sonst diesem Unsinn auf die Schliche kommen (siehe dazu seinen Aufsatz Das Kind und die Schrift). Dumm sei auch die Vermischung dreier komplett unterschiedlicher Bereiche – Sprache, Orthografie und Schrift. Nur so kann es dazu kommen, dass Kegel und Pyramide im Unterricht als »Feenhut« und »gerader Feenhut« bezeichnet werden. Worte wie Pyramide oder Zylinder seien nämlich weder begrifflich noch sprachlich schwierig, lediglich deren Rechtschreibung ist es. Und Rechtschreibung sei etwas für Bürokraten.

Mit ein paar schnellen Zügen illustrierte er den wichtigen, von Paläographen und anderen Schriftgelehrten selten verstandenen Unterschied zwischen »unterbrochener« und »wiederkehrender« Konstruktion (nachzulesen in The Stroke: Theory of Writing und Letterletter). Nicht fehlen durfte natürlich Noordzijs Methode des Buchstabenzeichnens: Niemals mit der Umrisslinie beginnen und damit der flüchtigen Grenze von Vorder- und Hintergrund hinterherjagen, das ist aussichtslos! Nein, man müsse stets den Buchstaben selbst – seinen Körper – markieren. Am besten ginge das mit einigen schnellen Zickzacklinien, die die Spur des imaginären Schreibwerkzeugs umspielen. Erst ganz am Ende, wenn sich die gewünschte Figur flächig vom Hintergrund abhebt, könne sie mit einer definitiven Außenlinie vollendet werden.

Wer des Niederländischen mächtig ist, dem sei der 2001 erschienene Band De handen van de zeven zusters ans Herz gelegt. In ihm ist das ganze Noordzijsche Universum ausgebreitet.

Paulus Dreibholz stellte sein jüngst erschienenes Büchlein vor – Formen Lesen ist ein Plädoyer für bewusste Gestaltung. Der in London lebende Österreicher merkte einen Punkt an, der auch mich irritiert hat: Die jüngere Generation Schweizer Typografinnen und Typografen wie Julia Born, Lehni-Trüb oder Elektrosmog, um nur ein paar zu nennen, ist auf der Bühne der Tÿpo nicht vertreten – von Schriftgestaltern wie den Leuten hinter Lineto, b+p swiss typefaces oder Grilli Type ganz zu schweigen.

Tina Roth Eisenberg, besser bekannt als Swiss Miss, wurde in St. Gallen geboren und lebt heute in den USA. Von außen hat sie einen geschärften Blick für Schweizer Stereotype wie Ordentlichkeit und gute Gestaltung: Nur hier stellten sich Kühe in Reih und Glied auf, wenn man sie fotografieren möchte. Dass die Eidgenossen sehr kulturaffin seien, könne man an den Banknoten sehen. Während der Euro sterile, fiktive Brücken zeigt, werden hier Persönlichkeiten wie Le Corbusier oder Sophie Taeuber-Arp gewürdigt. »Die Schweizer atmen Typografie bis in die Müllabfuhr«, resümierte sie hinsichtlich der mit Helvetica-Lettern verschönerten Abfallsäcke.

Ihren beiden Kindern möchte sie acht Leitsätze mit auf den Weg geben:

  1. Liebe was Du tust.
  2. Vertraue Deiner Intuition.
  3. Wenn Dir etwas Angst macht, machs!
  4. Jammere nicht. Ändere es, oder lass es sein.
  5. Finde Zeit für Nebenprojekte.
  6. Such Dir deinesgleichen.
  7. Ignorier negative Menschen.
  8. Inspirier andere.

Am Samstagabend bot die TÿpoLounge Gelegenheit, über das Gehörte und Gesehene zu diskutieren. Für die anregende musikalische Untermalung sorgte das ArLoKi Trio.

In der Innenstadt setzt sich das Motiv des roten Teppichs fort: Mit der von Carlos Martinez und Pipilotti Rist gestalteten Stadtlounge wird ein ganzer Platz unter selbigen gekehrt.

Neue alte Bücher und das typisch Schweizerische

Am Sonntag wurde es historisch, mit dem Besuch der beiden bedeutenden Bibliotheken der Stadt. Die Stiftsbibliothek beherbergt die Sammlung des 612 gegründeten Klosters und ist eine der größten und ältesten Klosterbibliotheken weltweit. Silvio Frigg führte die Besucher durch den prachtvoll geschmückten Barocksaal. Dort allerdings steht »nur das neue Zeug – lediglich gedruckte Bücher«. Die wahrhaft bedeutenden Werke, die Handschriften, werden in einem klimatisierten Tresor verwahrt und sind nicht der Öffentlichkeit zugänglich. Beat von Scarpatetti besorgte eine kurze Einführung in die Schriftentwicklung im 9. Jahrhundert und zeigte Beispiele für alemannische und karolingische Minuskel. In der Kantonsbibliothek Vadiana stellte Bibliothekar Ruedi Gamper einige typografische Juwelen der von ihm betreuten Sammlung vor. Ursula Rautenberg, Professorin für Buchwissenschaften an der Uni Erlangen-Nürnberg, zeichnete am Beispiel der Melusine wichtige buchgestalterische Entwicklungen ab dem späten 15. Jahrhundert nach.

Akzidenz-Fraktur: Zierfenster in der Stiftsbibliothek

Himmlisch inspirierte Buchproduktion mit Schreivogel

Illuminierte Handschrift aus der Vadianischen Sammlung. Viele der Schätze lassen sich online betrachten, wie etwa dieses Psalterium aus der Stiftsbibliothek (9. Jahrhundert) oder diese in der Vadianischen Sammlung enthaltene Taschenbibel (15. Jahrhundert).

Nicht alle Schriftgestaltung ordnete sich dem International Style unter: Ladenbeschriftung eines Friseurs in einer 50er-Jahre-Schreibschrift

Auch in einer Stadt, in der Rathausbeschriftung, Wegeleitsystem und vieles mehr wie selbstverständlich in Univers ausgeführt sind, ist man vor Zahlendrehern nicht gefeit: Kopfstehende Acht an einer St. Galler Tramhaltestelle

Tierisches Nasenschild mit Schweizer Diminutiv

Oben: Eine typisch Schweizer Eigenart, die auf dem Kongress keine Erwähnung fand – Umlaute werden mit Vorliebe als horizontaler Strich statt zweier Punkte dargestellt. Unten: mikrotypografische Distinktion – in der Schweiz zeigen die Guillemets nach außen.

Die Koffer sind gepackt: Nach zweieinhalb inspirierenden Tagen heißt es Abschied nehmen.

Besonders loben möchte ich neben den vielen brillanten Vorträgen die vorbildliche Organisation, die diesen erst den nötigen Rahmen gab. Hier hat das Team rund um Roland Stieger alle positiven Schweizer Klischees vollauf erfüllt. Auch an die scheinbar einfachen, nebensächliche Dinge war gedacht. Zwei kleine Beispiele, die dies illustrieren: Die Umhängeschilder waren beidseitig bedruckt, der Name des Gegenübers stets lesbar. Im selben Augenblick, in dem sich das Publikum zur Pause herhob, standen auch schon zahllose, mit heißem Kaffee befüllte Becher bereit, zur Schlangenbildung kam es gar nicht erst. So blieb deutlich mehr Zeit und Energie zum Reden und Kennenlernen.

Nicht unerwähnt bleiben soll die Verpflegung: Das Küchenpersonal des GBS leistete ganze Arbeit mit einer »kulinarischen Reise durch die Schweiz«. Auf diese Art könne man auch seine Neutralität bewahren, so ein ungenannt bleibender Kommentator: »Alle Eindringlinge werden einfach so lange lecker bekocht, bis sie sich nicht mehr rühren können!«

Ob es eine Neuauflage der Tÿpo St. Gallen geben wird, steht noch in den Sternen. Wünschenswert wäre es allemal. Ob bereits im kommenden Jahr oder nach einem längeren Intervall – wenn das Niveau der Premiere gehalten werden kann, wäre eine regelmäßig stattfindende Tÿpo eine exzellente Bereicherung des internationalen Typografie-Kalenders.

Eine weitere Rückschau gibt es auf namics.com zu lesen. Und auf Typeradio werden demnächst mehrere Interviews zu hören sein, die Liza Enebeis und Donald Beekman in St. Gallen geführt haben.

Fotonachweis
5, 6, 7, 10, 12, 15, 28: PHOTOPRESS / Regina Kuehne und Kurt Schorrer
Alle anderen: Florian Hardwig

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