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Soleil

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TypeTogether ist der gemeinsame Verlag der Tschechin Veronika Burian und des Argentiniers José Scaglione. Hier erscheinen in letzter Zeit immer mehr Schriften, die nicht von den beiden Gründern selbst, sondern von anderen Gestaltern stammen. Viele Verbindungslinien laufen dabei über die University of Reading, wo die beiden Typedesign studiert haben: TypeTogether hat Schriften von ehemaligen Studenten wie Tom Grace, David Březina und Nicolien van der Keur herausgebracht, aber auch solche von Gerard Unger, der in Reading unterrichtet.

Eine ihrer neuesten Veröffentlichungen heißt Soleil und stammt von Wolfgang Homola, einem weiteren Absolventen der Reading-Schule. Soleil ist eine feinsinnige geometrische Grotesk mit einer bemerkenswerten Entstehungsgeschichte.


Soleil verkörpert die Ideale der Moderne: Einfachheit und Klarheit durch Reduktion auf Grundformen. Die Formen sind dabei aber nicht das Ergebnis sturen Hantierens mit Zirkel und Lineal, sondern eines Designprozesses, der Rhythmus und Flüssigkeit miteinbezieht. Mit ihrer recht großen x-Höhe ist die Soleil selbst in kleinen Graden – oder aus größerer Entfernung – deutlich lesbar. Die Schriftfamilie umfasst sechs Strichstärken von Light bis Extrabold.

In allen Schnitten stehen OpenType-Funktionen wie Kapitälchen, Bruchziffern, Mediäval- und Versalziffern (je auch in gleichbreiter Ausführung für den Tabellensatz) zur Verfügung. Für die wissenschaftliche Hoch- und Tiefstellung sowie für Ordinalzahlen liegen neben den Ziffern bemerkenswerterweise auch drei komplette Sätze verkleinerter Kleinbuchstaben vor. Ligaturen sind ebenfalls enthalten. Diese zeigen allerdings kein verbundenes Bild, sondern zeichnen sich durch engere Zurichtung bzw. einen kürzer gehaltenen f-Bogen aus. Von einigen Zeichen werden Wahlformen angeboten, darunter eine 3 mit Flachdach und ein M à la Gill Sans oder Verdana, bei dem die Mitte nicht bis zur Grundlinie reicht. Desweiteren kann die Schrift mit einer Reihe von Ornamenten und Pfeilen aufwarten.

Einzig eine Kursive fehlt bislang noch. Sie ist aber schon in Arbeit und wird in Kürze erhältlich sein. Derart gut ausgebaut bietet sich die Soleil für viele verschiedene Anwendungen an, von Beschilderungen über Buch- und Magazingestaltung bis hin zu Unternehmenspublikationen und Branding.

Auch die bisherigen Tätigkeitsfelder von Wolfgang Homola sind überaus vielseitig. Anstatt sich ausschließlich auf Buchstabenformen zu konzentrieren, hat er sich mit der Formgebung von Text im weitesten Sinne beschäftigt und unter anderen Briefmarken, Wörterbücher, Bibeln, Geschäftsberichte, Leitsysteme, Logos und Erscheinungsbilder gestaltet. In Wien war Homola einige Jahre für Bohatsch und Partner tätig, eines der renommiertesten Studios für Editorial-, Corporate- und räumliches Design in Österreich. Während der Zeit bei Bohatsch nahm die Soleil ihren Anfang. Wir haben ihn dazu befragt.

Wolfgang, wie kamst Du auf die Idee, eine geometrische Serifenlose zu machen?

Den Anstoß dafür gab eine konkrete Aufgabenstellung: Es galt, für ein neu zu entwickelndes Leit- und Orienterungssystem in einem Gebäude in Wien eine neue Schrift zu entwerfen. Die Ur-Soleil war also weniger eine freie Arbeit als vielmehr die Umsetzung eines präzise formulierten Briefings – wobei ich allerdings auch ein Teil des Teams war, das dieses Leitsystem entwickelt hat. In gewisser Hinsicht habe ich also auch einige Eckpunkte im Briefing selbst mitdefiniert.

Das Gebäude, um das es ging, ist die Zentrale der Arbeiterkammer Wien. Dieser Bau war im Stil des 1950er-Jahre-Modernismus errichtet worden und musste im Zuge einer Renovierung und Erweiterung auf den heutigen Stand gebracht werden. Analog dazu sollte auch die neu für das Leitsystem zu entwickelnde Schrift an ein historisches Erbe anschließen, dabei jedoch eindeutig in der Gegenwart verankert sein. In den Stiegenhäusern dieses Gebäudes befand sich bereits ein einfaches Leitsystem aus Metall-Lettern: schlichte Versalien auf geometrischer Basis. Beim Entwurf der neuen Schrift sollte die originale Beschriftung also als unmittelbare Vorlage dienen.

Altes Leitsystem aus Metall-Lettern im AK-Gebäude in Wien.

Hast Du Dir auch andere Beispiele modernistisch-geometrischer Schriften angeschaut? Also Entwürfe aus den 1920ern, wie Futura, Erbar und Kabel – oder der Nachkriegszeit, wie Avant Garde Gothic und Avenir?

Primärer Ausgangspunkt waren die Metall-Lettern, denn zu diesen galt es eine formale Brücke zu schlagen. Von den eben erwähnten Schriften halte ich die Futura und noch mehr die Avenir für die besten, weil sie es schaffen, eine Allgemeingültigkeit – und damit eine gewisse Zeitlosigkeit – zu erreichen, die den anderen erwähnten Schriften wohl eher verschlossen bleiben muss, weil deren Formverständnis meines Erachtens zu eigentümlich ist.

Soleil im neuen Wegeleitsystem, entwickelt von Bohatsch und Partner.

Die Metall-Lettern zeigten aber nur Versalien, oder?

Genau. Während ich die Großbuchstaben der Soleil direkt von der Original­beschriftung im Arbeiterkammer-Gebäude ableiten konnte, fehlte für die Minuskeln eine direkte Vorlage; diese habe ich daher neu entwickelt. Dabei bin ich jedoch nicht allzu dogmatisch vorgegangen. Mit meiner Entscheidung, die Punzen – also die Binnenräume – bei den Buchstaben b, d, p, q asymmetrisch zu gestalten, habe ich versucht, dem sonst eher starren Genre der geometrischen Sans-Serif etwas mehr Dynamik zu verleihen und der Gefahr einer nostalgischen Retro-Anmutung zu begegnen.

Vier geometrische Grotesk-Schriften im Vergleich – von oben nach unten: Futura (1927), Avant Garde Gothic (1970), Avenir (1988), Soleil (2011). Die letzten beiden sind nicht so streng geometrisch und verzichten auf das runde, einstöckige a und das Grabkreuz-t. Das C der Soleil ist am weitesten geöffnet. Man beachte auch die Binnenräume bei a, p oder d.

Ich fand es übrigens sehr interessant, in Christopher Burkes Buch über Paul Renner nachzuschlagen. Dort sieht man, wie Paul Renner bei seinen Entwürfen für die Futura ursprünglich mit rein konstruierten Formen begonnen hat, jedoch bald die Notwendigkeit von optischen Korrekturen erkannt hat. Eine rein geometrische Schrift ist kaum möglich – allenfalls in einem feinen, extrem mageren Schnitt. Sobald die Schrift etwas Körper hat, sind optische Korrekturen unausweichlich, vor allem dort, wo Kreisbögen in senkrechte Stämme münden.

Erst später, als ich im Zuge von Testausdrucken überrascht festgestellt habe, dass die Schrift auch im Mengentext ganz gut lesbar ist, habe ich mich entschlossen, diese Schrift auch als Textschrift in mehreren Schnitten auszubauen. Inzwischen wurde diese Schrift auch schon in Büchern verwendet.

Inwiefern ist Dein Design geprägt durch Dein in Reading erworbenes Wissen und die Denkweise der dort tätigen Lehrer?

Ich glaube, es gibt keinen direkten Einfluss im Sinne einer unmittelbaren Wiedererkennbarkeit eines Stils oder eines spezifischen Formverständnisses, das typisch für Reading wäre. Die Reading-Schule, sofern man von einer solchen sprechen möchte, definiert sich für mich eher in einer speziellen Herangehensweise, in der Recherche und Analyse eine große Rolle spielen. Anders gesagt: Ich glaube, es gibt sehr wohl einen Reading-Einfluss, aber weniger auf der formalen, unmittelbar sichtbaren Ebene. Ohne Reading hätte ich mich zweifellos dieser Aufgabe so nicht stellen können.

Vielen Dank für das Gespräch!



Für die Gestaltung des von Walter Pamminger und Fritz Ruprechter herausgegebenen Buches Viel/Falten hat Wolfgang Homola die Soleil verwendet. Mit Erfolg: Der Kunstband wurde als eines der schönsten Bücher des Jahres ausgezeichnet.

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