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Selva

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Von Gunnar Link habe ich zum ersten Mal gehört, als er 2010 seine Frido Black auf 26plus-zeichen.de vorstellte, der – nicht genug anzupreisenden – Web-Plattform für studentische Schriftentwürfe. Gunnar hat vor zwei Jahren sein Studium an der FH Mainz abgeschlossen und konzentriert sich nun auf die Entwicklung digitaler Satzschriften. Die schmale Variante der Frido – eine fette Headline-Type basierend auf einem kleinen ›r‹ mit Papageienschnabel – ist mittlerweile bei MyFonts erschienen. Vor kurzem hat der im Schwarzwald lebende Gestalter eine weitere originelle Displayschrift namens Selva herausgebracht.

Selva wirkt auf den ersten Blick wie eine gotische Textura. Die betonten Vertikalen bilden ein enges Gatter. Rundungen gibt es kaum, aus gebrochenen Strichen setzen sich kantige Figuren zusammen. Ein authentisches Revival ist die Selva allerdings nicht. Ihr Autor beschreibt sie als moderne Interpretation des Textura-Stils, wie er im 14. Jahrhundert gebräuchlich war. Die einzelnen Buchstaben zeigen nicht die für gebrochene Schriften typische Strichführung, sondern folgen dem Antiqua-Gerüst. In diesem Punkt ähnelt die Selva der Fakir von Underware. Beide verzichten auf historisch korrekte Formen, zu Gunsten heutiger Lesegewohnheiten.

Allerdings hält die Selva zwei Formen für das ›s‹ bereit – ganz wie es sich für eine echte gebrochene Schrift gehört: neben dem für unsere Augen vertrauten ›runden s‹ gibt es auch ein ›langes s‹ (›ſ‹). Das ›lang-s‹ lässt sich bei Bedarf über die Glyphenpalette aufrufen – oder direkt per Unicode eingeben.

Die schweren Senkrechten bilden einen wundervoll strengen Rhythmus. Manche Wortbilder könnte man sich auch eins zu eins als Gartenzaun vorstellen.

Die Buchstaben der Selva sind aus wenigen Grundelementen zusammengestellt: Oben begrenzen rautenförmige Abschlüsse die Mittelhöhe, unten stehen die Zeichen auf rund geschwungenen Füßchen. Dadurch, dass nahezu alle Zeichen in ein Rechteck eingeschrieben und überdies mit lodernden Flammen geschmückt sind, mutet die Selva fast ein wenig wie fernöstliche Kalligrafie an.

Oberlängen sind gespalten, ebenso die Anstriche von ›i‹ und ›j‹ oder, rechts, von ›u‹ und ›y‹ . Linksrunde Lettern wie ›e‹ oder ›g‹ beginnen mit einer Zacke in der Form einer Haifischflosse. Die Abstriche von ›a‹, ›f‹, ›r‹ laufen in einem Punkt zu – hier hat Gunnar das Motiv des Papageienschnabels von der Frido übernommen und auf die Spitze getrieben. Die schmalen horizontalen Streben sind eigentlich Keile. Unten angeschrägt und sich nach rechts verjüngend erzeugen sie lebendige Innenformen und verleihen den kastigen Formen Dynamik. Mit ihrer niedrigen Taille wirken die Versalien weniger majestätisch-kühl, sondern zugänglich, fast drollig.

Einerseits erzeugt die formale Beschränkung ein homogenes Bild. Andererseits fallen einige Zeichen dieser Stringenz zum Opfer. So ergibt sich durch die Vereinheitlichung eine starke Ähnlichkeit von ›r‹ und ›c‹ oder ›H‹ und ›K‹. Auch ›D‹, ›O‹, ›U‹ und ›V‹ sind ohne Kontext kaum eindeutig erkennbar.

Für das ›h‹ und das ›f‹ stehen Wahlformen mit Unterlängen zur Verfügung, die über die OpenType-Funktion Stilistischer Satz 1 aufgerufen werden können. Mir gefallen diese Alternativen besser; schließlich ist die stärkere Gliederung des vertikalen Raums einer der Vorzüge der gebrochenen Schriften. Obendrein sieht das Standard-›f‹ ohne Unterlänge einem herkömmlichen Fraktur-›k‹ zum Verwechseln ähnlich.

Selva zeigt, was eine Harke ist. Oder heißt es ›Hacke‹? Nein, hier steht ›Harfe‹. Für sensible Beschriftungen, bei denen es auf eindeutige Lesbarkeit ankommt, ist Selva nicht gemacht. Aber das ist nicht weiter schlimm, dafür gibt es schließlich genug andere Schriften.

Eine besonders gelungene Glyphe ist das @-Zeichen. Der Kringel ist natürlich nicht rund, sondern formt ein kleines Wappenschild.

Die Selva ist in vier fein abgestuften Strichstärken erhältlich, von Regular bis Black. Jeder Schnitt umfasst 360 Zeichen, die fetteste Garnitur hat noch ein paar zusätzliche Ligaturen spendiert bekommen. Aktuell gibt es die Schrift – komplett oder als Einzelfonts – zum halben Preis. Wer vom günstigen Einführungspreis profitieren möchte, muss bis zum 3. Juni zuschlagen.

Auf seiner Website gewährt Gunnar Einblick in weitere Schriftideen, an denen er momentan feilt. Ob nun die schräg-kantige Mika oder die messerscharfe Riga – man darf auf jeden Fall gespannt sein, was da noch alles kommt.

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