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Escehaeriefte #2 – Magazin für alphabete Kultur


Vor drei Jahren veröffentlichte die Typographische Gesellschaft München e.V. (tgm) ein Magazin mit einem scheinbar unaussprechlichen Titel: Escehaeriefte. Wer hinter den Sinn dieses Namens kommen will, muss einfach mal das Wort Schrift laut buchstabieren. Wie die Erstausgabe in Teamarbeit entstand und welche spannenden Inhalte darin zu finden sind, lässt sich bei den Kollegen von Slanted nachlesen: Dort hat die Workshop-Teilnehmerin Carmen Klaucke ein Protokoll über Escehaeriefte #1 veröffentlicht.

Nun ist die zweite Ausgabe des »Magazins für alphabete Kultur« erschienen. Erneut haben sich professionelle Designer und Autoren zusammengefunden, um unter der Leitung von Horst Moser, Herbert Lechner, Blasius Thätter und Boris Kochan eine Zeitschrift zu machen, von der Konzeption bis hin zum Vertrieb. Gestalterisch hat das Resultat wenig mit der ersten Ausgabe gemein, lediglich Titel und Format wurden beibehalten. Wieder aber war es das Ziel, Schrift in all ihren Facetten, »als Lebensmittel und Weltprojekt, als Kunstobjekt und Kulturgut«, ins Gespräch zu bringen.

Auf 120 Seiten werden die unterschiedlichsten Themen verhandelt. Julia Böllhoff stellt den Tiroler Markus Zwischenberger und seinen aussterbenden Beruf des Ziseleurs und Schrifttreibers vor. Catherine Avak besucht den Papiermachermeister Gangolf Ulbricht in seinem Kreuzberger Atelier. Herbert Lechner hält Rückschau auf das wegweisende Emigre Magazine (1984–2005). Barbara Teichelmann befragt Max Mannheimer, KZ-Überlebender und engagierter Zeitzeuge des NS-Terrors, nach der Bedeutung von Schrift in seinem bewegten Leben. Stark sind die Fotografien von Judith Haeusler, die viele Artikel begleiten, darunter auch jenen über die Zirndorfer Außenstelle der Gauck-Behörde – dort arbeitet man seit 1995 daran, den Inhalt tausender Säcke mit zerschnipselten Stasiakten wieder zusammenzusetzen.

Ohne Worte: Timo Rieke studiert die visuelle Identität von Zeitschriften am Beispiel der Farb- und Formensprache der Covergestaltung.

Filigran: Ilka Kloten hat ein Interview mit Ebon Heath geführt. Der Künstler sorgt mit seinen räumlichen Buchstaben-Gebilden – sogenannten Stereotypes – für Furore.

Ursel Schiemann stellt das vielversprechende Colettering-Archiv vor, in dem Fotos von Beschriftungen im öffentlichen Raum gesammelt und katalogisiert werden. Leider ist das im Rahmen eines Kurses an der Burg Giebichenstein gestartete Online-Projekt noch nicht über die Beta-Phase hinausgekommen.

In einem dreiseitigen Comic malt sich Frank Flöthmann (2F) aus, was wohl geschähe, wenn eines Tages alle Schriften verschwänden.

Andreas Mitterer geht der Frage nach, ob es im bürokratieverliebten Deutschland eigentlich einen offiziellen Vordruck für eine Kriegserklärung gibt.

Bei der typografischen Gestaltung haben sich die Magazinmacher dafür entschieden, ausschließlich Schriften des Berliners Hannes von Döhren einzusetzen. Eintönig wird es deshalb aber nicht – schließlich ist Hannes eine der aktivsten Figuren der aktuellen Typedesign-Szene – siehe auch unser Interview mit ihm – und hat innerhalb weniger Jahre gut zwei Dutzend Fontfamilien aller Art entworfen.

In Escehaeriefte gibt es fast die ganze Stilpalette zu entdecken, unter anderem die Brandon Grotesque (eine warme Futura-Alternative), die Chino (eine aufgeschlossene Serifenlose mit zehn diskreten Text- und zwei aparten Display-Schnitten) oder die Supria Sans (eine Grotesk mit zweierlei Kursiven). Auf diese Weise funktioniert das Heft auf einer zweiten Ebene auch als ein großes Schriftmuster für Fans der HVD-Fonts.

Nicole Wiedingers Text über die Unterschrift wird mit verschiedenen Schnitten der Supria Sans eingeleitet.

Für das Interview mit Thomas Steinfeld wird die Textschrift Chino mit großen Zitaten in der Livory kombiniert. Beide Fontfamilien entwarf Hannes von Döhren in Zusammenarbeit mit Livius Dietzel. Die Antiqua mit der »angeschmolzenen« Ästhetik und den manierierten Schmuckligaturen schaffte es unter die besten Schriften des Jahres 2010. Auf Platz 1 dieser Liste steht übrigens ein weiterer HVD-Font, die Brandon Grotesque.

Im Beitrag Killing Types beschäftigt sich Thomas Lechner mit dem Topos der mit Blut geschriebenen Schrift in Film und Fernsehen. Hierfür wurden die Grunge-Versalien der Shelton mit Bildschirmstreifen gefüllt.

Die grazile Chino Display Thin macht sich erst in sehr großen Graden gut – wie in diesem Artikelaufmacher zu einem Bericht aus dem oberösterreichischen Hallstatt, wo Schriftfreunde mit Hang zum Morbiden auf ihre Kosten kommen: Im örtlichen Karner sind gut 600 Schädel zu bestaunen, die kunstvoll bemalt und mit Namen und Lebensdaten beschriftet sind.

Der Umgang mit Layout und Typografie ist sehr frei und abwechslungsreich, kaum eine Doppelseite ähnelt der anderen. Dies ist sicherlich dem Workshop-Charakter mit den vielen, experimentierfreudigen »Köchen« geschuldet. Nicht alle Ideen zünden, gelegentlich wirkt die Gestaltung etwas bemüht. Die Varianz geht zu Lasten der Kohärenz des Heftes. In guten Momenten aber kann sie positiv überraschen – und bisweilen gar zum Nachdenken über Konventionen und Lesegewohnheiten anregen.

Auch wenn das Heft seine kleinen Schwächen hat – so könnten manche Texte durchaus mehr Substanz haben – ist es seinen Preis von 10 Euro allemal wert. Die Mission, »laut für Schrift« zu sein und der sichtbaren Sprache eine Stimme zu geben, wurde jedenfalls vollauf erfüllt.

Das Magazin kann auf der Escehaeriefte-Website bestellt werden. Weil die Auflage limitiert ist, wird pro Haushalt nur ein Exemplar abgegeben. Wer also alle vier Cover-Motive sein eigen nennen will, um sie zu einem kompletten Schrift-zug zusammenlegen zu können, muss sich etwas einfallen lassen.

MyFonts.de (auf Twitter als @MyFontsDE) verlost 1 Exemplar von Escehaeriefte #2 (Cover-Motiv nach Wunsch): einfach diese Meldung retweeten und gewinnen! [Nachtrag: Die Verlosung ist beendet, ein Heft geht nach Wien an @Pemischl. Geelücekaweuenesceha!]

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