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Mauritius, Georg Trumps vergessener Schwanengesang

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Mauritius

Fünfundvierzig lange Jahre lag sie im Dornröschenschlaf. Nun hat Canada Type die letzte Schrift Georg Trumps wachgeküsst. Die Mauritius ist dank Patrick Griffin erstmals in digitaler Form erhältlich.

Mauritius

1967 widmete die Typographische Gesellschaft München e.V. ihre Jahresgabe dem Schriftkünstler Georg Trump. Anlass war dessen 70. Geburtstag im Jahr zuvor. Der Titel der großformatigen Retrospektive: Vita activa. In der Tat konnte der Jubilar auf ein reiches Lebenswerk zurückblicken. Trump gilt als einer der facettenreichsten Schriftgestalter des 20. Jahrhunderts. Schon seine ersten Schriften aus den Dreißigern waren stilistisch völlig verschieden: die City, eine moderne modulare und monolineare Serifenbetonte; die Trump-Deutsch, eine breite Textura; die Schadow-Antiqua, eine eigentümlich rechteckige Textschrift mit feinen Balkenserifen. Bekannt sind gleichsam die aufrechten Fünfzigerjahre-Schreibschriften Delphin und Time-Script. Sein nachhaltigster Erfolg ist die Trump-Mediäval, eine Renaissance-Antiqua mit kalligrafischen Einflüssen und scharfkantigen Details, die knapp 60 Jahre nach ihrer Entstehung durchaus als zeitgenössisch durchgehen kann.

Trump-ABC

In einem Faltblatt präsentiert die C.E. Weber Schriftgießerei das ABC der Trump-Schriften.

Vita activa zeigt mit insgesamt 33 Einzelschnitten das komplette Werk Trumps. Darunter auch eine brandneue Schrift – »so jung, daß sie noch nicht getauft ist«. Sie wird hier aufgeführt mit der generischen Bezeichnung »Barock-Antiqua«. Später erhält sie ihren richtigen Namen – Mauritius. Sie sollte die letzte von Georg Trump entworfene Schrift werden.

Trump Gesamtwerk

In Vita activa gibt es ein »Verzeichnis aller bisher von Georg Trump geschaffenen Schriften« – unten links die noch namenlose Barock-Antiqua.

Proben einer neuen Barock-Antiqua 1967

Als der Kanadier Patrick Griffin eine Probe der Mauritius zu Gesicht bekommt, ist er fasziniert von dieser Schrift. Ihre verrückten Details lassen ihn nicht mehr los. Immer wieder kommen sie ihm in den Sinn, bis er endlich beschließt, alles über die Mauritius herauszufinden, was sich nur finden lässt. Zu seinem Erstaunen ist das jedoch herzlich wenig: »Es erscheint mir unerhört, dass ein von einem renommierten Designer geschaffenes Werk aus den Sechzigerjahren derart mager dokumentiert ist.«

Mauritius

Immerhin, ein paar Fakten kann Griffin ausfindig machen. 1965 begann Trump die Arbeit an der Schrift. 1967 gab es dann die erwähnte Vor­ankündigung in der TGM-Jahresgabe. Im folgenden Jahr war sie schließlich bei der Stuttgarter Schriftgießerei C.E. Weber erhältlich. Drei Schnitte wurden gegossen; aufrecht, kursiv und halbfett. Keine 18 Monate darauf das Aus: 140 Jahre nach der Gründung musste Weber seine Tore schließen. Die Bleisatz-Ära ging zu Ende, die traditionsreiche Gießerei war nicht mehr konkurrenzfähig. Mit ihr verschwanden die Weber-Schriften vom Markt. Als Trump 1985 starb, waren zwar all seine Schriftentwürfe in die neue Technik des Fotosatzes überführt worden – die Mauritius jedoch nicht. Und als die Typografie wenig später digital wurde, zählten die populären Schriften Trumps zu den ersten, die man als Desktop-Fonts aufbereitete. Doch auch bei diesem erneuten Wechsel blieb sein letztes Werk unberücksichtigt. Bedauerlich, aber logisch, findet Griffin: »Die Mauritius bekam einfach keine Gelegenheit, sich zu beweisen.« Sie hatte das Pech der zu späten Geburt.

Mauritius

»Bei genauerer Betrachtung war ich ziemlich überrascht, ja regelrecht geschockt. Der Grundschnitt der Mauritius ist eine der originellsten Schriften, die ich je gesehen habe. Diese Haken an ›a‹, ›c‹, ›f‹, ›j‹ und ›y‹ sind anders als alles, was man in der jahrhundertealten Geschichte der Gestaltung von Textschriften findet.« Dass die Mauritius als Textschrift zu verstehen ist, steht für Griffin außer Frage. Man müsse nur ihren Rhythmus, die Durchgängigkeit der Serifen und die große x-Höhe betrachten. Es handle sich wahrhaftig um die andere Leseschrift Trumps. Zehn Jahre nach seiner sehr eigenwilligen Auslegung einer Aldine mit der Trump-Mediäval lieferte er mit der Mauritius eine Neudefinition der Übergangsantiqua. Die gleichmäßige Kontrast­verteilung und die merkwürdigen Einzelformen zeigten dies ganz deutlich. Angesichts Trumps langer Liste einflussreicher Entwürfe hätte die Mauritius sicherlich ebenfalls großes Echo ausgelöst – wäre ihr nur eine Chance dazu vergönnt gewesen. Griffin ist begeistert von ihrer Frische: »Es könnte sich ebensogut um das Werk eines hervorragenden Typedesigners handeln, das erst vor wenigen Monaten geschaffen wurde.«

Mauritius

Die neue alte Mauritius ist nicht zu verwechseln mit der zackig-schmalen Breitfeder-Kursive gleichen Namens, die Albert-Jan Pool 1994 für URW gezeichnet hat.

Mauritius

Die kursive Mauritius barg sogar eine noch größere Überraschung. Hier erwartete Griffin eigentlich die Trumpsche Interpretation einer Barock-Kursiv. Stattdessen fand er eine gehörige Portion des älteren Renaissance-Stils vor. Als offensichtlichen Einfluss macht er die Sabon von Trumps Zeitgenossen Jan Tschichold aus. Doch genaugenommen habe die Mauritius kursiv weder besonders viel von der Sabon, noch könne sie gänzlich als Renaissance-Kursiv beschrieben werden. Sie sei wirklich eigenständig und trage gewiss eine Menge Trump in sich. »Bei den Versalien ist in ›B‹, ›G‹, ›J‹, ›M‹ und ›S‹ die unverwechselbare Trump-Ästhetik zu erkennen. Bei den Gemeinen lassen sich ›c‹, ›f‹, ›j‹, ›s‹ und ›t‹ im Kern auf verschiedene seiner charakteristischen Schriften zurückführen. Ganz zu schweigen von den Ziffern, die allesamt einzig aus Trumps Feder stammen können. Das kursive ›z‹ ist vermutlich die einfachste und coolste Idee für diesen Buchstaben, die mir je in einer Textkursiv untergekommen ist.«

Mauritius

Bei all dem Lob soll nicht unerwähnt bleiben, dass die Originalschnitte gravierende Probleme aufweisen. Sie erscheinen überstürzt ausgeführt worden zu sein. Griffin vermutet, dass der Grund in der betrieblichen Situation lag. »Rund ein Jahr nach Beginn der Arbeit an der Mauritius wussten die Leute bei Weber, dass ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Verzweifelt versuchten sie, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Also bedrängten sie Trump, sie mit seinem neuen Werk zu retten. Zum Glück arbeitete Trump gerade an einer Brotschrift – in den späten Sechzigern war das Verlagswesen eine der wenigen Branchen, die noch auf Bleisatz angewiesen waren.«

Barock-Antiqua (Schaugröße)

Die Barock-Antiqua in der TGM-Jahresgabe – in groß (oben) und klein (unten)

Barock-Antiqua (Lesegrad)

Als Indiz für seine Theorie führt Griffin die Vita activa an, in der die unfertige Mauritius in Lese- und Schaugraden gezeigt wird. »Gießereien waren notorische Geheimniskrämer. Von daher war es höchst ungewöhnlich, eine offizielle Vorschau zu einer Schrift herauszugeben, die sich noch im Entwurfsstadium befand. Doch genau das tat Weber und ging damit volles Risiko – die halbgare Schrift hätte zumindest verrissen werden können. Schlimmstenfalls hätten Fotofilm-Schriftsetzer die Möglichkeit gehabt, sie zu kopieren. Das war damals gang und gäbe und kinderleicht obendrein. Weber tat es dennoch. Offenkundig brachte es aber nicht den erhofften Erfolg.« Das einzige, was von der Mauritius übrig blieb, sind die Abdrucke ihrer problembehafteten Bleischnitte.

Mauritius

Canada Type hat die digitale Familie auf 9 Schnitte erweitert. Wie bei der Trump-Mediäval gibt es nun auch eine schmale Ausgabe der Mauritius.

Manche der Mängel lassen sich mit den bekannten technisch bedingten Einschränkungen begründen. Es gibt aber auch jede Menge konzeptioneller Unstimmigkeiten und Probleme mit der Zurichtung, dem zu hellen Grauwert der Kursiv sowie mit unharmonischen und zu filigranen Details. Bei der Gestaltung der digitalen Version war die Bestimmung und Behebung der diversen Schwachstellen nur der erste Schritt. Für sein Revival löste sich Griffin von den gedruckten Spuren des Bleisatz-Originals, entfernte sich aber nie zu weit.

Mauritius

Die neue Mauritius umfasst Kapitälchen, Ligaturen, Wahlformen und diverse Ziffernsorten.

»Im Grunde möchte die digitale Version der Mauritius eine gute Hommage an das letzte Werk Georg Trumps sein, jenen bedeutenden Schriftgestalter, dessen Œuvre weiterhin unsere Kultur mit Designinspiration versorgen wird. Als solche ist es eigentlich eine Idealisierung seines Schwanengesangs. Eine Trump-Barockantiqua für das 21. Jahrhundert, wenn man so will, komplett mit allen Schikanen, die die aktuelle Fonttechnologie zu bieten hat. Nachdem ich so lange an ihr und mit ihr gearbeitet habe, finde ich sie mittlerweile sehr nützlich. Und ich hoffe, das tun andere auch. Vor allem aber hoffe ich, dass der Geist des großartigen Designers greifbar wird, der, in den Einzelheiten wie im Ganzen, jeden Aspekt diese Schriftfamilie erfüllt.«

Unter Verwendung eines Texts von Patrick Griffin.
Mit freundlicher Genehmigung von Canada Type.

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