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TpKurier & TpMartini – Liebe geht durch den Magen


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Zwischen üppiger Großfamilien-Kost und historischen Schwergewichten wird es Zeit für einen Digestif im Fontmenü. Serviert werden zwei Schmankerl von Martin Lorenz, die TpKurier und die TpMartini. Lorenz begann sein Designstudium in Darmstadt und schloss es an der KABK in Den Haag ab. Nachdem er vier Jahre in Frankfurt arbeitete, fand er letztendlich im sonnigen Barcelona seine Heimat. Zusammen mit seiner Frau Lupi Asensio gründete er dort 2007 das Designbüro TwoPoints.Net. Martin Lorenz widmet sich mit Leib und Seele visuellen Systemen. Als solche sind auch die beiden Fonts zu verstehen, die er uns nun auftischt. TpKurier und TpMartini sind seine ersten veröffentlichten Schriften. Sie erschienen vor Kurzem bei VetteLetters, dem holländischen Font-Imbiss mit Vorliebe für fette Schrift und fette Speisen.

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Die TpKurier ist eine nichtproportionale Schriftart und entstand als Neuinterpretation der Courier. Sie basiert auf einem Raster aus vier Einheiten für die Höhe und zwei Einheiten für die Breite der Zeichen. Die Schriftsippe besteht aus drei Familien, die jeweils einen aufrechten und kursiven Schnitt umfassen (Regular/Italic). Neben serifenloser (Sans) und serifenbetonter Variante (Serif) bietet die Sippe als Besonderheit auch die vermutlich erste kalligrafische Variante (Calligraphic) einer Monospace-Schrift. Während sich die Sans- und Serif-Schnitte recht homogen miteinander mischen lassen, hat die Calligraphic einen vernehmbaren Eigengeschmack. Etwas gewöhnungsbedürftig, bei richtiger Dosierung aber Garant für eine ganz spezielle Würze.

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Von oben nach unten: TpKurier Sans, Serif und Calligraphic im Überblick. ›S/s‹, ›g‹, ›y‹ und ›k‹ wurden in der kalligrafischen Variante der Logik der Bandzugfeder angepasst.

tpmartini_01_rasterAuch der TpMartini liegt ein Raster zugrunde. In ihrer Anmutung ähnelt sie einer klassizistischen Antiqua à la Bodoni oder Didot. In ihren Grundformen basiert die Schrift lediglich auf einer geraden Linie und zwei verschieden großen Kreisen. Im Vergleich macht sich ihr feinerer Raster von neun mal fünf Einheiten deutlich bemerkbar. Während komplexe Formen wie ›B‹, ›S‹, das ›&‹ oder die ›8‹ in der TpKurier in Schwierigkeiten geraten, kommen bei der TpMartini alle Buchstaben angenehm sicher daher. Besonders gut gefallen mir hierbei das große und kleine ›J‹ mit ihrem ange­fressenen Schweif.

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Wir hatten die Gelegenheit, Martin Lorenz ein paar Fragen zu stellen.

Martin, wie bist Du zum Schriftentwurf gekommen?

Eigene Schriften zu entwickeln und diese als Ausgangspunkt für ein grafisches Projekt zu benutzen habe ich in den Niederlanden an der KABK erlernt. Ich empfand es als eine Ehre, bei so vielen tollen Personen lernen zu dürfen: Frank Blokland unterrichtete Kalligrafie, Peter Verheul Schrift­gestaltung. Bei Françoise (Fransje) Berserik lernten wir, Schrift in Stein zu hauen und Petr van Blokland vermittelte einen systemischen Ansatz im Typedesign. Sehr wichtig für mich waren auch Jurriaan Schrofer und Wim Crouwel, obwohl sie nie meine Lehrer waren.

Deine Schriften entstehen für konkrete, eigene Verwendungszwecke. Wie kommt es dazu? Inwieweit legst Du den Ausbau der Schrift auf den jeweiligen Zweck aus? Entwirfst Du auch Schriften, ohne einen speziellen Zweck im Sinn zu haben?

Verwendet wird die TpMartini beispiels­weise als Corporate-Schrift von BAMBI/BY LAURA. Praktisch, denn aus ihrer Modularität lassen sich gleich weitere Corporate-Elemente ableiten.

Unser Büro, TwoPoints.Net, hat sich auf flexible visuelle Systeme für visuelle Identitäten spezialisiert. Die meisten meiner Schriften sind flexibel und lassen sich einfach erweitern, sofern man das Prinzip verstanden hat. So arbeiten wir auch häufig als Büro. Wir entwickeln ein visuelles System, das sowohl grafische als auch typografische Zeichen entstehen lassen kann.

Das Konzept für eine Schrift entsteht aber oft durch freies Experimentieren und unabhängig von einem Auftrag. Erst wenn die Schrift Anwendung findet, entwickle ich den kompletten Zeichenumfang und die Stile, die wir für die visuelle Identität benötigen. Für die jordanische gemeinnützige Organisation Arini haben wir mit Ali Almasri eine arabische Version der TpKurier Calligraphic entwickelt, die jetzt auch für die Dauerausstellung Samarra – Zentrum der Welt im Museum für Islamische Kunst in Berlin eingesetzt wird.

Beide Schriften basieren auf einem Raster. Erstellst Du den Raster vorher, auf Grundlage des Vorhabens? Oder gestaltest Du zuerst einzelne Buchstaben und leitest daraufhin ein entsprechendes Grid ab?

Der Raster ist eine Möglichkeit, ein visuelles System zu definieren. Neuere, noch unveröffentlichte Schriftentwürfe basieren auf keinem Raster – wohl aber auf einem System. Ich entwickle zunächst ein paar Buchstaben und entscheide dann erst, ob sie auf einem Raster beruhen sollen oder nicht. Wenn es einen Raster geben soll, sollte man diesen auch sehen. Ich mag die Imperfektion eines Rasters, der vorgibt, perfekt zu sein. Die kleinen Hässlichkeiten schaffen einen interessanten Kontrast und verhindern Langeweile. Wie detailliert ein Raster sein muss hängt davon ab, welche Zeichen es erzeugen soll. TpMartini und TpKurier haben einen kompletten (lateinischen) Zeichensatz. Wir arbeiten zurzeit aber auch an einer reinen Versalschrift und gewinnen dadurch mehr Gestaltungsspielraum.

Folgst Du wirklich strikt dem Raster, oder nimmst Du optische Korrekturen vor?

Die beiden hier besprochenen Schriften wurden nicht »korrigiert«, da sie einem klaren Konzept folgen. In meinen Augen wäre es falsch, vom Raster abzuweichen. Bei Schriften, an denen ich optische Korrekturen vornehme, ist mir dann auch das Raster egal. Mir geht es in erster Linie um ein klares Konzept und die konsequente Ausführung. Apropos Ausführung: Es gibt noch einige Entwürfe, die auf den richtigen Moment warten, um aus der Schublade gezogen zu werden. Lupi und ich erforschen gerade die Möglichkeit, Programmierung in unsere Arbeit miteinzubeziehen.

Na, wir freuen uns schon auf die nächsten Veröffentlichungen – ob programmiert oder altmodisch gezeichnet! Vielen Dank für Deine Zeit.

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