MyFonts.de

Menü Twitter

MyFonts.de ist die deutschsprachige Dependence von MyFonts.com, der weltgrößten Bibliothek digitaler Schriften.

Schriften kaufen →

Lichtspiele – großes Typo-Kino aus dem Hause Huebsch

Diese Schrift testen …

lichtspiele-poster

Pünktlich zur Berlinale erschienen sind die Lichtspiele, eine von alten Kinobeschriftungen inspirierte Schriftfamilie. Mit der effektvollen Retroschrift bringt Stefan Huebsch den Filmkunst-Glamour vergangener Tage ins digitale Fontmenu. Ein Logen-Dauerticket – will sagen: eine Lichtspiele-Komplettlizenz – kostet während der Filmfestspiele und noch bis 15. März spektakulär günstige $29,85.

gardenia-2gardenia

Lichtspiele ist das Werk von Stefan Huebsch, selbständiger »Gebrauchs­grafiker« in Saarbrücken. Neben der experimentellen Fotografie hat er sich vor allem der Typografie und dem Schriftentwurf verschrieben. Sein Studium absolvierte der Sohn eines Schildermalers an der FH Trier. Die Schule im tiefen Westen der Republik hat bereits eine ganze Reihe von Typedesignern hervorgebracht, darunter Sascha Timplan, Jörg Schmitt und Felix Braden.

typocalypse

In diesem Umfeld rief Stefan Huebsch 2008 das Typocalypse-Projekt ins Leben. Die gemeinsam mit Kai Merker und Sven Fuchs betriebene Typocalypse versteht sich als »eine nicht-radikale Designerzelle mit Fokus auf Schrift und Typografie«. Ursprünglich als Plattform zur Diskussion und Kommunikation studentischer Schriftentwürfe entstanden, ist Typocalypse mittlerweile u.a. ein Schriftverlag sowie Ausrichter der Workshopreihe Typesketches.

retropolis

Die ersten Gehversuche auf MyFonts machte Typocalypse 2009 mit der von einem Whiskeyflaschen-Etikett inspirierten Black No.7. Zwei Jahre später folgte die märchenhaft-überwucherte Egyptienne Lith. Mit der Lichtspiele hat Stefan Huebsch nun sein bislang reifstes Werk vorgelegt.

lichtspiele-family

»AaAaAaAaAaAaAaAaAaAaAa!« – alle 11 Stile der Lichtspiele-Familie in Dolby Surround

Im Grunde handelt es sich um eine kantige schmalhalbfette Grotesk mit stark vertikaler Betonung und ausgeprägten Oberlängen. Die Hauptrolle spielt die Lichtspiele Display. Ihre Sidekicks sind die Inline-Variante Neon und deren schemenhaftes Double Neon Outline. Diesen drei Akteuren ist die schauspielerische Vielseitigkeit gemein – sie alle sind in je drei Lagen zu sehen: aufrecht, rechts- und linksgeneigt. Die Diva im Ensemble ist die Neon 3D. Wenn sie auf der Leinwand erscheint, stellt sie alles andere in den Schatten. Wegen ihrer dominanten Art sollte sie nur für Kurzauftritte besetzt werden. Nicht unerwähnt bleiben darf die Lichtspiele Screen Credits, eine magere Versalschrift mit vertikal zentrierten Kapitälchen, wie man sie von den gedrängten Namensnennungen auf Filmplakaten her kennt. Mit ihren cineastischen Catchwords – Logotypen wie ›The‹, ›of‹, ›Introducing‹, ›Starring‹ etc. – kann sie in jeder Nebenrolle überzeugen.

frau-im-mondthe-city

Lichtspiele ist ganz offensichtlich eine Displayschrift. Nur in großen Schau­größen und begrenzten Textmengen vermag sie zu Hochform aufzulaufen. Die beiden Kursiven sind folglich auch weniger zur klassischen Auszeichnung geeignet, sondern vielmehr zur Simulation verschiedener Blickwinkel. Es kann sehr reizvoll sein, sie für auf- oder absteigende Titelzeilen mit schrägen Grundlinien einzusetzen, bei denen die Buchstabenstämme dennoch im Lot stehen. Dafür müssen die Textkästen um 9° (Italic) bzw. –9° (Contra Italic) gedreht werden.

Diese tollen Spezialeffekte lassen darüber hinwegsehen, dass in der handwerklichen Umsetzung noch Luft nach oben ist. Ein paar Extrempunkte wurden vergessen, gerade bei den schrägen Schnitten weisen manche Übergänge Continuity-Fehler auf, manche Inline erscheint nicht ganz monolinear und auch die Zurichtung der Linkskursiven könnte sorgfältiger sein. Abzüge in der B-Note gibt es außerdem für den schraffierten Schattenwurf der Neon 3D: Dieser kommt gelegentlich mit dem des Nachbarbuchstabens ins Gehege, was bei Paaren wie ›RA‹ optische Turbulenzen verursacht.

lichtspiele-kombinationen

Preisverdächtig dagegen ist das Zusammenspiel der Einzelakteure: Dank (weitgehend) identischer Metrik lassen sich verschieden eingefärbte Schnitte passgenau übereinanderlegen und so zu atemberaubenden Kompositionen ergänzen. Hier liegt das Potential des Fontsystems, welches es durch geschickte Anwender auszuloten gilt.

m

Ein Markenzeichen der Lichtspiele sind die augenfälligen Einkerbungen bei MNVvWwXxY. Anders als bei der Telefonbuch-Schrift Bell Centennial funktionieren diese hier nicht als ink traps zur Optimierung des Druck­bildes auf minderwertigem Papier. Nein, der Gestalter hat sie eingeführt, weil er die Buchstabenbreiten möglichst gleich halten wollte, ohne dass der Grauwert zu sehr zu leiden hat. Nebenbei verleihen sie der Lichtspiele noch mehr Charakter. Für die Lesbarkeit – speziell bei den ohnehin komplexen Neon-Formen – sind die extremen Scharten nicht gerade förderlich. Aber wem es um maximale Lesbarkeit geht, sollte sowieso zu einer weniger aufregenden Schrift greifen.

i-Punkte-vs-TildeSowohl die i-Punkte als auch die Umlaute sind bis auf Oberlängenhöhe gezogen. Solange man in der deutschen Sprache bleibt, ist dagegen nichts einzuwenden. Im Gegenteil, die hochaufragenden Rechtecke sorgen für ein markantes Wortbild. Sobald aber weitere Akzente hinzukommen, zeigen sich die Nachteile: Die Tilde im spanischen ›ñ‹ wirkt daneben geradezu kümmerlich.

Die Folge ›ij‹ wird in der Lichtspiele standardmäßig durch eine Ligatur ohne Punkte ersetzt. Das ist unsinnig. Zum einen verlangt der im Niederländischen verwendete Digraph nach Punkten bzw. Strichen. Zum anderen kommt dieses Buchstabenpaar auch in anderen Sprachen vor, man denke etwa an ›Bijou‹, ›zweijährig‹ oder ›Minijob‹. Die Ligaturen fallen insgesamt recht speziell aus – an ›it‹ und ›tt‹ oder den verschlungenen ›ff‹-Verbünden werden sich die Geister scheiden. Das ist aber nicht weiter tragisch: Mit abge­schalteten Ligaturen funktioniert die Schrift ebenso, es kommt zu keinen Kollisionen.

Umlaute

Als Sammler besonderer Formen für ÄÖÜ möchte ich auf die kompakten Umlaute der Lichtspiele hinweisen. Sie sind angelehnt an Marquees, also jene Steckbuchstaben, die an Fassaden u.a. von Kinos oder Clubs zu finden waren (und mancherorts noch stets zu finden sind). Weil die Lettern dabei hinter eine Schiene geklemmt werden, kann es technisch bedingt keine überstehenden diakritischen Zeichen geben. Lichtspiele umfasst gleich zwei Sets, bei denen die Umlaute vertikal in die Binnenform bzw. seitlich überlappend in die Versalhöhe integriert sind. Kapitälchen-Umlaute gibt es dagegen nicht. Und andere Akzentzeichen wie ÅËÎÑÓÙ etc. fehlen sogar als Versalform – und das, obwohl die meisten davon als Klein­buchstaben enthalten sind. Diese Beschränkung mag dem Konzept geschuldet sein. Für multilinguale Typografie ist das trotzdem eine klare Schwäche, die hoffentlich irgendwann durch eine »Lichtspiele Pro« mit besserer Sprachunterstützung behoben werden kann.

fehelnde-Versalakzente

Nachtrag (April 2014): Mittlerweile ist ein Update erschienen, in dem die fehlenden Versalien mit diakritischen Zeichen ergänzt wurden.

Neben den Alternativ-Umlauten haben die Fonts noch einige weitere OpenType-Kunststückchen im Repertoire, z.B. Kapitälchen, Mediävalziffern, diverse Et-Zeichen, Versalsatz-Varianten und zahlreiche Wahlformen für Groß- und Kleinbuchstaben. Wer sich diese feinen Extras vor dem Kauf genauer ansehen möchte, dem sei die kongeniale Präsentationswebsite Lichtspiele3D.com ans Herz gelegt. Ihr sind auch die hier gezeigten, von Stefan Huebsch stilsicher gestalteten Schriftposter entnommen.

hangmen

Verwandte Artikel

Archiv →
Show Tweets