MyFonts.de

Menü Twitter

MyFonts.de ist die deutschsprachige Dependence von MyFonts.com, der weltgrößten Bibliothek digitaler Schriften.

Schriften kaufen →

Diogenes

Diese Schrift testen …

Diogenes-1

Eine Frage, die uns Schriftgeeks (oder Schriftgelehrten) oft gestellt wird, lautet: »Braucht man wirklich immer wieder neue Schriften?«. Adrian Frutiger hat mal die zweitbeste Antwort darauf gegeben – eine Gegenfrage: »Braucht man wirklich immer wieder neue Weine?« Die beste Antwort aber sind die Schriften selbst. Wer Bücher oder Zeitschriften macht oder sie mit Formgefühl liest, wird sich immer freuen, wenn dank eines neuen Schriftdesigns auf einmal ein etwas anderes Textbild auftaucht oder sich eine Atmosphäre einstellt, die es vorher nicht gab. Genauso wie bei Wein oder auch Musik muss man natürlich eine gewisse Sensibilität für die Subtilitäten der Leseschrift entwickeln. Wenn man die einmal hat, ist das Erscheinen einer zeitgemäßen Antiquaschrift wie die neue Diogenes von Ludwig Übele (unter seinem Label Ludwig Type) ein erfreuliches Ereignis. Wie stets bei Übele kombiniert die Diogenes traditionelles Fachwissen mit einem modernen Blick – und dadurch ist etwas entstanden, das für manch einen Grafiker eine besondere, formschöne und vielseitige neue Farbe auf der typografischen Palette werden kann. Wir haben dem Gestalter ein paar Fragen gestellt.

Diogenes-2

Ludwig, was waren die Überlegungen, die zu dieser Schrift geführt haben?

Ich fand schon immer interessant, dass bei alten Inschriften die Serifen nicht einfach eine Verlängerung der Haarstriche – die feinen, meist waagrechten Striche – sind, sondern eigene Elemente, die sich in ihrer Ausformung und Strichstärke von eben diesen Haarstrichen unterscheiden. Ein schönes Beispiel ist die Inschrift der Trajanssäule, vor allem die Zeichen E, F und T. Auch bei Nachahmungen der Capitalis ist das ja so, beispielsweise bei Hermann Zapfs Sistina oder Carol Twomblys Trajan. Allerdings bestehen diese Schriften nur aus Versalien, und ich wollte eine Textschrift machen, also das Prinzip auch auf die Kleinbuchstaben übertragen.

Trajan-Detail

Capitalis monumentalis: In Stein gemeißelte Schrift auf dem Sockel der Trajanssäule von 112/113 n. Chr. (Detail einer Abbildung in Albert Kaprs Schriftkunst, 1976)

Versalien-und-Gemeine

Die Schrift ist nach dem griechischen Philosophen Diogenes von Sinope benannt. Wie bist Du darauf gekommen?

Da das vorhin erwähnte Prinzip auf klassischen Vorbildern beruht, wollte ich einen Namen, der auf die Klassik Bezug nimmt. Diogenes zählt ja zumindest zeitlich zu den klassischen Philosophen, lebte zeitgleich mit Platon, war jedoch ansonsten ein sehr eigensinniger und exzentrischer Charakter. Auch wenn meine Schrift auf bestimmte Eigenheiten römischer Inschriften Bezug nimmt, empfinde ich sie nicht als Nachahmung, sondern als durchaus eigenwillige Neuschöpfung. Im Grunde ist wirklich nur das Prinzip der Strichstärken übernommen, die Proportionen zum Beispiel sind ganz anders – eher gleichmäßig im Gegensatz zur Capitalis, wo die Breiten ja sehr unterschiedlich sind.

Diogenes-Stile

Die Diogenes-Familie umfasst fünf Strichstärken, je mit Aufrecht, Kursiv und Kapitälchen. Die Kapitälchen kommen in separaten Schnitten. Kursive Kapitälchen gibt es nicht. Drei Schnitte (Regular, Italic, Bold) sind als kostenlose Demo-Fonts mit reduziertem Zeichenrepertoire (nur Aa–Zz, 0–9) verfügbar.

Diogenes gehört zu einer ziemlich seltenen Subkategorie von Serifen­schriften: eine humanistisch proportionierte Textschrift mit subtilem senkrechtem Strichkontrast und ziemlich dünnen, geraden Serifen. In der letzten Ausgabe des Rising Stars-Newsletters habe ich sie mit der Tyfa verglichen. Hat diese Schrift in Deinem Designprozess eine Rolle gespielt?

Tyfa-und-Diogenes

Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Tyfa (oben) und Diogenes (unten). Tyfa wurde 1959 von Josef Tyfa gezeichnet und von der tschecho­slowakischen Schriftgießerei Grafotechna produziert. 1996 hat sie František Štorm als ITC Tyfa neu aufgelegt.

Tyfa ist eine meiner Lieblingsschriften, und das hat unterbewusst sicherlich eine Rolle gespielt. Ich habe mich natürlich schon früher immer wieder mit der Wirkung dieser Art von Schriften beschäftigt, beispielsweise, dass durch die Trennung von Serifen und Haarstrichen die Grundform des Buchstabens stabiler bleibt, dass die unterschiedlichen Strichstärken der Schrift eine gewisse Eleganz und crispness geben – mir fällt kein deutsches Wort dazu ein. John Boardley meinte, »it sparkles« – was sich mit funkeln oder glitzern übersetzen lässt. Das finde ich eine passende Beschreibung.

Diogenes-3
Deine vorletzte Schriftfamilie, Riga, wurde Ende Juni veröffentlicht. Etwas mehr als vier Monate später erschien schon die Diogenes. Hast Du an beiden Schriften zugleich gearbeitet?

Ich hatte mit beiden Schriften schon vorletztes Jahr begonnen. Ich arbeite eigentlich immer an zwei bis drei Schriften gleichzeitig. Ich brauche das, dass ich eine Schrift immer wieder mal weglegen und ein paar Wochen oder Monate ruhen lassen kann. Dann kann ich wieder mit einem frischeren Blick darauf schauen und sehe die wichtigen Probleme deutlicher. Zwischen­zeitlich arbeite ich dann an einer anderen Schrift.

Diogenes-Anwendungen

Viele Schriften werden auch nie veröffentlicht, obwohl sie schon fast fertig sind, weil ich irgendwann merke, dass sie doch nicht stark oder eigenständig genug sind. Oder dass irgendetwas noch nicht stimmt, ich aber nicht weiß, was es ist. Ab einer bestimmten Zeit ist es eher eine Gefühlssache, dass ich den Text anschaue und ich das Gefühl habe, irgendetwas stimmt noch nicht. Und dann macht man solange weiter, bis es irgendwann »klick« macht, und plötzlich passt es, und man weiß oft gar nicht warum.

Hast Du vor, die Familie noch weiter auszuweiten?

Ich hatte schon sehr früh die Idee, auch eine Version mit verschiedenen Schwungbuchstaben zu machen, vor allem bei den Versalien. Allerdings keine kalligrafischen Schwünge, das würde zur Schrift nicht passen, sondern relativ konstruierte, monolineare Schwünge als Fortsetzung der Serifen. Ich habe dabei in erster Linie an Initialbuchstaben oder Überschriften gedacht. Ich habe bereits ein Set, deren Schwünge eigentlich nur aus Kreiselementen bestehen. Mal sehen wohin es führt …

Diogenes-Decoration

Die dekorativen Schwungbuchstaben zur Diogenes befinden sich im Skizzenstadium und sind nicht in der jetzt veröffentlichten Schrift enthalten.

Ludwig, danke für Deine Zeit und viel Erfolg mit der Diogenes!

Dass die Diogenes auch als Webfont funkelt und glitzert, kann man auf der eigens gestalteten Minisite bewundern.

Diogenes-4

Verwandte Artikel

Archiv →
Show Tweets