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Irrlicht

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Irrlicht

Ari Hausel ist ein auf Schrift und Typografie spezialisierter Grafiker aus dem Münchner Norden, der bei Günter Gerhard Lange und Heinz Peikert studiert hat. Mit seinem Schriftverlag Aarhaus ist er seit kurzem auf MyFonts vertreten. Dessen erste Veröffentlichung ist ein energiegeladenes, düster zuckendes Buchstabengewitter namens Irrlicht. Die Schrift ist die Wieder­belebung einer wenig bekannten Bleisatztype aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Bevor wir die digitale Irrlicht näher vorstellen, wollen wir zunächst einen Blick zurück auf die historische Vorlage werfen.

Christian Heinrich Kleukens und die Judith-Type

Wir schreiben das Jahr 1923. Christian Heinrich Kleukens ist Leiter der Ernst-Ludwig-Presse, einer den Ideen der Buchkunstbewegung verschriebenen Privatdruckerei in der Darmstädter Künstlerkolonie. 1907 war sie vom Großherzog von Hessen ins Leben gerufen worden. In den ersten Jahren hatte Kleukens die bibliophilen, in limitierter Stückzahl aufgelegten Werke der Presse noch gemeinsam mit seinem älteren Bruder Friedrich Wilhelm gestaltet. Dieser hatte auch die Titel und Initialen gezeichnet und die verwendeten Schriften entworfen, doch ab 1914 ging er eigene Wege.

Mendelssohn-Type

Gab sie den Anstoß zur Judith-Type? Die Mendelssohn-Type wurde 1921 von der Dresdener Schriftgießerei Brüder Butter (kurz darauf Schriftguß AG) produziert; die Stempel schnitt der Künstler selbst.

Für das geplante Buch Hiob will C. H. Kleukens eine neue Schrift einsetzen; eine von dem in Avantgarde-Kreisen verkehrenden Kunstschmied Georg Mendelssohn gestaltete expressionistische Type. Es werden aber nur einige Probeseiten damit gedruckt. Warum das Vorhaben verworfen wird, ist nicht bekannt. Kann die primitive Mendelssohn-Type die ästhetischen Vorstellungen doch nicht befriedigen? Fest steht, dass Kleukens sich kurz darauf selbst daran macht, eine Schrift zu entwerfen.

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Probedruck des Figurenverzeichnisses der Judith-Type, geschnitten von Friedrich Eichenauer. Die mit einem Kreuz markierten Figuren sind laut einem handschriftlichen Vermerk zurückgeblieben, d.h. sie wurden verworfen. Geänderte Buchstaben sind mit einem Kreis gekennzeichnet. © Kleukens-Archiv Darmstadt

Das Resultat ist der Mendelssohn-Type in archaischem Ausdruck und unbedingtem Formwillen durchaus verwandt. Künstlerisch ist es jedoch wesentlich reifer, mit durchgängigem Duktus und gleichmäßigerem Bild. Erstmalig verwendet wird die Schrift für das Buch Judith, das im September 1923 erscheint. Diese erste Anwendung gibt ihr auch den Namen: Judith-Type. Die Schrift markiert das Debüt von Christian Heinrich Kleukens als Schriftgestalter. Aus seiner Hand sollen bald noch eine ganze Reihe weiterer, wenngleich weniger radikaler Schriften folgen, die allesamt exklusiv für die eigenen Pressendrucke eingesetzt werden.

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Detail einer Anwendung. Die eng ausgeschlossenen Zeilen ergeben ein dunkles, zackiges Gewebe. Auf ein lang-s (›ſ‹) verzichtet Kleukens. Statt ›ß‹ steht eine ›sz‹-Ligatur, gelegentlich auch ›ss‹. Ligaturen wie ›ch‹ oder ›st‹ werden unregelmäßig benutzt.

© Kleukens-Archiv Darmstadt

© Kleukens-Archiv Darmstadt

Im Februar 1923 – also noch vor dem Buch Judith – erscheint Die Fabel vom Wind und andere Fabeln. Dieses Werk zeigt bereits die Buchstaben­formen der Judith-Type. Allerdings sind sie hier nicht aus der Bleischrift gesetzt, sondern wurden von Oskar Becker frei in Holz geschnitten.

Zu weiteren Werken, die später ebenfalls aus der Judith-Type gesetzt werden, zählen Fünf Holz­schnitte zu Liedern Walthers von der Vogelweide von Walter Bergmann (Herbst 1924), Der Prophet Jona (Dezember 1924) und der Einblattdruck Die Großtat der Letter (1930). In der Mainzer Presse, die Kleukens ab 1927 parallel zur Ernst-Ludwig-Presse leitet, findet sie Verwendung u.a. in Der Hessische Landbote von Büchner (Juli 1929) und Goethes Salomons, Königs von Israel und Juda, güldne Worte von der Zeder bis zum Ysop (März 1930).

Die Schrift liegt nur in einer Größe (Mittelgrad, d.h. 14 Punkt) vor. Für ein Büchlein mit Briefen des Caius Plinius (August 1929) wird eine Abwandlung im Nonpareille-Grad geschaffen, die manchmal als »6 Punkt Judith« und manchmal als »Plinius-Schrift« bezeichnet wird. Sie ist stilistisch eng verwandt, dabei aber leichter und offener. Für Buchstaben wie A D E H I X d k v w zeigt sie Formen, die der Antiqua näherstehen.

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Doppelseite aus Vier neue Gutenberg-Bildnisse des Gutenberg-Museums Mainz von A. Tronnier

Die letzte Verwendung der Judith in einem von Kleukens gedruckten Buch datiert von April 1930. Der elfte Kleine Druck der Gutenberg-Gesellschaft präsentiert vier in verschiedenen Techniken ausgeführte Gutenberg-Porträts. Gemäß dem Gesamtkunstwerks­prinzip der Buchkunst­bewegung wählt Kleukens jeweils eine zur Technik passende Schrift. Die Judith-Type schmückt den Text zu einem Holzschnitt von Karl Ruppert.

Intermezzo: Schrift und Expressionismus

Almanach des Kurt Wolff Verlags für 1927

Wichtige Adresse für den literarischen Expressio­nismus: der Kurt Wolff Verlag

Der Expressionismus zeichnet sich formal durch eine freie, kantig-harte Bildsprache aus. Die Wiedergabe soll »unmittelbar und unverfälscht« sein, wie es im Programm der Künstlergruppe Brücke (1906) heißt. Im Mittelpunkt steht der individuelle und subjektive Ausdruck, der sich gegen die zunehmende Gleichförmigkeit und Anonymität der modernen Gesellschaft wendet. Ein typisches Medium ist der Holzschnitt, Schrift ein häufiges Element. Buchstabenformen erscheinen grob und unregelmäßig ausgeschnitten.

Metropolis

Der Expressionismus wird schon bald von neuen Stilrichtungen abgelöst. 1927 ist er noch mal auf der großen Lein­wand zu sehen: Titel aus Metropolis.
Abb.: K.-L. Poggemann (CC)

In seiner Ablehnung der arbeits­teiligen, als seelenlos und entfremdet empfundenen Massenproduktion steht der Expressionismus der Arts-and-Crafts-Bewegung und den Ideen von William Morris nahe: Rückbesinnung auf die Qualität des Handwerks und Vereinigung von Entwurf und Ausführung in einer Person. Wichtig ist der Aspekt des Originals – Werke werden als Unikate oder in begrenzter Auflage hergestellt. Die Verwendung von industriell vorgefertigten Schriften steht im Widerspruch zur persönlichen, direkten Artikulation; Typo­grafie verkörpert schlechthin die unbegrenzte Reproduzierbarkeit. So enstehen nur wenige als expressionistisch zu bezeichnende Satzschriften, und diese auch eher gegen Ende der Epoche. Es ist nur logisch, dass Handwerker-Künstler wie Kleukens oder Koch die Impulsgeber sind.

Neuland

Die bekannteste Schriftart mit expressionistischen Zügen ist wohl die etwa zeitgleich zur Judith-Type entstandene Versalschrift Neuland (Gebr. Klingspor, Erstguß 1923). Die Stempel zur Neuland wurden von ihrem Erfinder Rudolf Koch selbst geschnitten – von Hand und ohne vorherigen Entwurf. Jeder Grad der Bleisatzschrift unterscheidet sich in den Details.

Houtsneeletter

1927 erschien bei der niederländischen Gießerei Enschedé die Houtsneeletter von André van der Vossen. Jan Middendorp beschreibt sie in Dutch Type als eine seltene und überzeugende Übertragung einer expressionistischen Holzschnittschrift in das Medium des Bleisatzes. Die Houtsneeletter erscheint gemäßigter als die Judith-Type und ist leichter lesbar.

Neues digitales Leben: Die Irrlicht

Irrlicht-Details

Ari Hausels Revival beruht auf der gedruckten Vorlage einer Ausgabe der Gutenberg-Bildnisse und ist weitgehend originalgetreu. Die im Fonteditor Glyphs digitalisierten Buchstaben kommen ganz ohne Kurven aus und setzen sich – holzschnittartig – ausschließlich aus geraden Linien zusammen.

Irrlicht-Figurenverzeichnis

Ein großer Unterschied zum Zwanzigerjahre-Original besteht im Zeichen­umfang: mit den knapp 100 Figuren der Judith-Type ist heutzutage kein Staat mehr zu machen. Die Irrlicht umfasst über 400 Glyphen, darunter Zeichen für die meisten europäischen Sprachen, Bruchziffern, Währungssymbole und zeigende Hände.

Vergleich Irrlicht—Judith-Type—Holofernes

Bereits 2007 hat der US-amerikanische Schriftenmacher Nick Curtis eine Digitalisierung der Judith-Type veröffentlicht. Seine Holofernes (untere Zeile) entfernt sich weiter vom Original (Mitte) als die Irrlicht (oben). Die Holofernes ist stärker zugespitzt (siehe ›a‹, ›e‹, ›r‹), läuft weniger rhythmisch und ist nicht so gut ausgebaut.

Koch-Fraktur,-Irrlicht,-Blaktur

Zählt die Irrlicht zu den gebrochenen Schriften? Zumindest hat sie mit diesen einige typische Merkmale wie ›H‹, ›d‹ oder das doppelte Divis gemein. Referenzschriften: Rudolf Kochs fette deutsche Schrift von 1910 (oben) und Ken Barbers Blaktur von 2007 (unten).

Irrlicht-Eszett

Neben einem konventionellen Eszett enthält die Irrlicht auch die von Kleukens verwendete ›sz‹-Ligatur – und beides zusätzlich in versaler Ausführung.

Irrlicht-I J k

In der Judith-Type wurde wie in den meisten gebrochenen Schriften nicht zwischen ›I‹ und ›J‹ unterschieden. Wer dem historischen Vorbild möglichst nahe kommen möchte, sollte alle stilistischen Sätze der Irrlicht aktivieren. So lässt sich eine Einheitsform für ›I‹ und ›J‹ als auch ein der traditionellen Frakturform folgendes ›k‹ (bzw. ›ck‹) aufrufen.

Irrlicht-Versalsatz

Versalsatz in Fraktur ist wegen der ornamentalen Gestalt der Großbuchstaben meist keine gute Idee. Bei der Judith-Type ist das anders – und in der Tat wurde sie auch gerne versal verwendet. Die Irrlicht bietet subtile Optimierungen: kontextbedingte Varianten (hier: ›A‹ mit kurzem Dach nach ›T‹), Ligaturen (z.B. für ›TT‹) und positionsabhängige Formen (breites ›L‹ am Wortende)

Lichte-Irrlicht

Die zweite große Erweiterung gegenüber dem Original – und der eigentliche Clou der Irrlicht – besteht in einem zusätzlichen Schnitt. Hier sind alle Striche durch einen Lichtkeil in zwei Bahnen gespalten, die Punzen sind schablonenartig geöffnet. Die ausgesparte Mittellinie hellt die dunklen Flächen auf, daher heißt dieser Schnitt auch lichte Irrlicht. Dunkle und lichte Irrlicht sind metrisch identisch und können deckend übereinandergelegt werden. Färbt man die Ebenen unterschiedlich ein, erhält man einen faszinierenden Effekt, der durch eine dritte Untergrund­farbe noch verstärkt werden kann.

Irrlicht-zweifarbig

Es ist spannend zu sehen, für welche Zwecke die Irrlicht benutzt werden wird. Naheliegend sind wohl ausdrucksstarke Display-Anwendungen auf Postern, Buchumschlägen oder CD-Covern; für Inhalte mit und ohne zeitgeschichtlichen Bezug zur Epoche des Expressionismus. Zudem ist der Einsatz auf Websites möglich – auch hier hat die Zweifarb-Kombination für Titelzeilen und ähnliches sicherlich ihren Reiz. Vielleicht bringt sogar jemand den Mut auf, die Irrlicht zu ihren Wurzeln zurückzuführen und als Text­schrift zu gebrauchen. Es muss ja kein biblischer Text sein … gedruckt auf dem Risographen statt auf der Handpresse. Ein Hingucker wäre es allemal!

Irrlicht-Brachialpoesie

Quelle: Kleukens-Archiv Darmstadt, insbesondere die von Harald Ernstberger zusammen­gestellten Bibliographien der Ernst-Ludwig-Presse Darmstadt, der Kleukens-Presse Frankfurt-Main im Kleukensverlag zu Darmstadt sowie der Mainzer Presse, Presse des Gutenberg-Museums Mainz. Dank gilt Herrn Ernstberger zudem für die freundliche Bereitstellung der beiden Abbildungen aus seiner Sammlung.
Abbildungen aus Vier neue Gutenberg-Bildnisse und Schriftmuster zur Irrlicht: Aarhaus.

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