MyFonts.de

Menü Twitter

MyFonts.de ist die deutschsprachige Dependence von MyFonts.com, der weltgrößten Bibliothek digitaler Schriften.

Schriften kaufen →

Brevier

Diese Schrift testen …

Brevier_Brevier_01

Die Fonts der italienischen Foundry CAST sind seit kurzem auf MyFonts erhältlich. Aus diesem Anlass stellen wir an dieser Stelle mit Zenon, Brevier und Gramma drei von Mitbegründer Riccardo Olocco gestaltete Schriftfamilien vor.
 

Im zweiten Teil geht es um eine dynamische Serifenlose mit geometrischer Formenkarosserie. Brevier, so der Name, bezieht sich auf die gleichlautende frühere Bezeichnung von Bleilettern mit einem Schriftgrad von 8 Punkt. Der Name ist Programm: Sie wurde speziell für sehr kleine Texte entwickelt, wie sie auf Arznei-Beipackzetteln oder Bedienungs­anleitungen üblich sind. Um kleine Texte überhaupt lesen zu können, muss die Schrift spezielle Merkmale aufweisen. Die Buchstaben sollten stabile Strichstärken mit geringem Kontrast besitzen, eher breit angelegt sein, und eine hohe x-Höhe aufweisen. Zudem verbessern großzügige Öffnungen bei a, c, e, s und eine luftige Zurichtung die Lesbarkeit.

Brevier_Brevier_02

Riccardo Olocco entwarf seine Brevier aus geometrischen Grundformen auf Grundlage eines humanistischen Formskeletts. Er verzichtete auf kreisrunde Formen und baute runde Buchstabenformen aus seitlich leicht gespannten Bögen auf, die mit einem scharfen Knick in die Horizontale übergehen. Durch dieses Konstruktionsprinzip erhalten die Punzen mehr Fläche – dadurch wird der Weißraum aktiv und hilft, ein fleckiges Schriftbild zu vermeiden. Doch nicht genug. Da bei schlechten Druckbedingungen kritische Buchstabenbereiche verfetten können, besitzt die Brevier sogenannte ink traps. Diese tiefen Einkerbungen in Ecken und bei Anschlüssen können das Zulaufen mit Druckfarbe verhindern. Was in der Vergrößerung sehr eigenwillig ausschaut, verliert sich im kleinen Schriftgrad. Einige Anschlüsse sind sogar unverbunden, schön zu sehen beim kleinen g.

Brevier 3 Staerken

Die dreiköpfige Schriftfamilie aus Regular, Medium und Bold ist zwar überschaubar, aber ausreichend. Der angenehm leicht wirkende Grundschnitt bewältigt mühelos Texte bis etwa 3 pt. Für weißen Text auf dunklem Hintergrund steht der Medium-Schnitt bereit. Hervorhebungen können fett gesetzt werden. Eine Kursive fehlt im Moment, ist aber für das laufende Jahr angekündigt.

Brevier_Brevier_04

Die attraktive Kursive erweitert das Einsatz- und Ausdrucksspektrum der Schriftfamilie und wird in Kürze nachgelegt.

Jeder Schnitt umfasst über 700 Glyphen. Zu den OpenType-Funktionalitäten zählen Mediäval- und Versalziffern (jeweils auch in gleichbreiter Variante für den Tabellensatz), sowie Bruchziffern und Ziffern für die wissenschaftliche Hoch- und Tiefstellung. Ergänzt wird dies durch ein Set von sieben optisch angepassten Kleinbuchstaben für Ordinalzahlen. Zudem bietet die Schrift eine vergrößerte Laufweite bei Versalsatz per Stilwahl.

Brevier_Brevier_03

Die Brevier überzeugt als Schrift für die extremen Leseanforderungen des Kleingedruckten. Ihre raffinierten Details sind dann unsichtbar, der Grauwert ist ziemlich gleichmäßig und man liest einfach. Dabei wäre es schade, sie nur klein zu verwenden. In großen Größen zeigt sie nämlich ein völlig anderes Gesicht mit strengen geometrischen Buchstabenformen und bizarren wie gleichermaßen faszinierenden Details.

Riccardo, Deine Brevier ist eine Spezialistin für Kleingedrucktes. Hast Du im Entwurfsprozess Schriften wie die Bell Centennial untersucht oder eigene Untersuchungen zum Thema angestellt?

Brevier basiert auf persönlichen empirischen Beobachtungen zur optischen Wahrnehmung und zu Problemen bei der Druckwiedergabe. Die Entwicklung der Schrift nahm fast drei Jahre in Anspruch – nicht durchgehend, natürlich. 2007, als ich mit der Brevier begann, war mir die Bell Centennial zwar geläufig, aber ich nahm sie mir nicht zum Vorbild. Mir ging es darum, diesen extremen Entwurf mit einer Renaissance-Duftnote zu versehen – diese Epoche spielt offenbar immer eine große Rolle für mich. Die Simoncini Delia von 1963 hätte meiner Meinung nach ein besseres Studienobjekt als die Bell Centennial abgegeben, aber damals kannte ich diese Schrift noch nicht. Erst einige Jahre später habe ich sie dank Antonio Cavedoni entdeckt.

Simoncini-Delia

Detail eines Musters zur Simoncini Delia (5½ pt) aus der Sammlung der Tipoteca Italiana in Cornuda. Mit freundlicher Genehmigung des Tipoteca-Archivs.

Unter den Schriften für Telefonbücher und ähnlich Kleingedrucktes stellt die Delia einen wahrhaft bahnbrechenden Entwurf dar. Francesco Simoncini hat darin die optischen Korrekturen auf die Spitze getrieben. Seine radikalen Formen zur Kompensation schlechter Druckbedingungen machten Schule, weit über die Grenzen Italiens hinaus. Zwar enstanden sowohl die Delia als auch die Bell Centennial als Reaktion auf die durch den Fotosatz verursachten Verzerrungen. Aber mir scheint, die Probleme der Druck­wiedergabe mit der heutigen Technologie sind nicht viel anders gelagert.

188924

Wie hast Du die Schrift in kleinsten Graden auf Herz und Nieren geprüft?

Anhand tausender Ausdrucke, auf vielen verschiedenen Geräten – diverse Laserdrucker, Digitaldruck, Offsetdruck. Ich habe die Fonts nicht nur oberflächlich getestet, sondern sie stets in meinen eigenen Grafikdesign-Projekten eingesetzt, auch wenn sie da bei weitem noch nicht ausgereift waren.

Bei der Erstveröffentlichung besaß die Brevier eine Kursive und Kapitälchen. Warum fehlen diese jetzt? Planst Du eine überarbeitete, ausgebaute Fassung?

Ich finde nicht, dass die Brevier Kapitälchen braucht, da sie wohl kaum als Buchschrift durchgeht. Aber sie bedarf einer Kursive – da besteht sogar mehr Potential als bei der Aufrechten. Diese wird schon sehr bald folgen, spätestens in ein paar Monaten.

188925

188922

Diese Fontschau bildet den zweiten Teil einer Serie zu den Schriften Riccardo Oloccos. In Teil 1 geht es um die Zenon, in Teil 3 um die Gramma.

Verwandte Artikel

Archiv →
Show Tweets