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Gramma

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Die Fonts der italienischen Foundry CAST sind seit kurzem auf MyFonts erhältlich. Aus diesem Anlass stellen wir an dieser Stelle mit Zenon, Brevier und Gramma drei von Mitbegründer Riccardo Olocco gestaltete Schriftfamilien vor.
 

Die dritte Veröffentlichung von Riccardo Olocco heißt Gramma. Als ich die Schrift das erste Mal sah, war ich sofort von der spannungsvollen Mischung aus modularen Grundformen und eleganten Kurven begeistert. Die Gramma ist ein originärer Entwurf, der in keine Schublade passt – weder gewöhnliche Serifenlose mit abgerundeten Strichenden, noch technisch konstruierte DIN. Zu Beginn experimentierte Olocco mit Großbuchstaben und einem Set von wenigen geometrischen Grundformen. Das gewählte Skelett der römischen Capitalis Rustica erwies sich dabei aber als zu sperrig. So harmonisierte er die Proportionen und zeichnete die Formen organischer.

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Das Ergebnis sind relativ schmale Kleinbuchstaben mit üppiger x-Höhe. Die äußeren Buchstabenbögen sind fast quadratisch gezirkelt, während die Innenbögen eine schwache Kurvenspannung aufweisen und rechteckige oder stark ovale Binnenräume formen. Augenfälligstes Merkmal sind die »Schnabel«-Strichenden bei c, e, f, s. Sie finden sich bei den unverbundenen Anschlüssen zwischen Stamm und Kurve wieder (a, b, d, g, h) und verleihen den geometrischen Formen Wärme. Je fetter der Schnitt, desto runder und weicher wirkt die Schrift. Ein Blick auf die schwungvollen Ziffern zeigt deutliche Einflüsse der niederländischen Schriftschule.

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Gramma-Strichstaerken

Die Gramma umfasst fünf Strichstärken von Light bis Bold. Kursive und Kapitälchen fehlen. Alle Schnitte beinhalten Mediäval- und Versalziffern (jeweils auch in gleichbreiter Variante für den Tabellensatz), sowie Bruchziffern und Ziffern für die wissenschaftliche Hoch- und Tiefstellung. Ergänzt wird dies durch ein Set von sieben optisch angepassten Kleinbuchstaben für Ordinalzahlen. Als weitere OpenType-Funktionalität bietet die Schrift eine vergrößerte Laufweite bei Versalsatz.

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Ein nettes Detail ist die Implementierung der OpenType-Funktion Capital Spacing – per Stilzuweisung erhalten Wörter in Großbuchstaben automatisch eine offenere Zurichtung.

Magazin- und Markengestalter aufgepasst! Die Gramma eignet sich besonders gut für plakative Anwendungen. Hier fesselt das spannungs­reiches Spiel zwischen Positiv- und Negativformen. In Lesegraden verschwinden hingegen charakteristische Details, die unverbundenen Anschlüsse schließen sich. Dann erinnert sie an niederländische Serifenlose à la Fred Smeijers und Gerard Unger, nur schmaler und strenger. In kurzen Textpassagen funktioniert sie erstaunlich gut. Allerdings sind lange Textstrecken für das Auge ermüdend. Sicherlich ist die Gramma keine eierlegende Wollmilchsau, aber sie verbindet viele Aspekte beider Welten – Display und Textschrift – in einer spannenden Kombination.

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Riccardo, die Gramma ist zwar eine modular konstruierte Schrift, versprüht aber dennoch Wärme und niederländisches Flair. Was hat Dich dazu inspiriert?

Die Gramma stellt eine Weiterentwicklung jener Ideen dar, die man in der Brevier findet. Ein Aspekt der Schriftgestaltung, der mich schon immer fasziniert hat, ist der Wechsel zwischen Mikro- und Makro-Ebene: digitale Schriften können in jeder beliebigen Größe wiedergegeben werden, von winzig klein bis riesengroß. Solche Größenunterschiede verändern die Sichtweise. Bei der Gramma habe ich damit gespielt. In kleinen Größen schließen sich die unverbundenen Anschlüsse, die schnabel­förmigen Strichenden wirken weicher. Für längere Texte sind diese Wahrnehmungs­verschiebungen optimal, da das vertiefte Lesen keine Störung durch extravagante Details erlaubt.

Wie verlief die Entwicklung?

Als ich im Sommer 2009 mit dem Entwurf zur Gramma begann, hatte ich eine kompakte Serifenlose mit recht hohen Buchstabenformen zum Ziel; eine Schrift, die sowohl für Überschriften und Titel als auch im Fließtext funktionieren würde. Obendrein wollte ich ihr eine gewisse Persönlichkeit mitgeben – was in der Schriftgestaltung ein riskantes Unterfangen ist. Mein erster Ansatz basierte auf der Capitalis rustica – ich fand ihre kompakten, rhythmischen Formen schon immer reizvoll – aber nach den ersten paar Versuchen stellte ich fest, dass ihre Proportionen zu weit von dem entfernt sind, was man heute gewöhnt ist. In der angestrebten Verbindung mit einer geometrischen Formensprache brachte das sonderbare Formen hervor.

Die Rustikalis habe ich daher verworfen, nicht aber ihre Gedrungenheit. Ich setzte die geometrische Reise fort, nun mit humanistischen Buchstaben­formen als Bezugspunkt für Details und Proportionen. Zur selben Zeit brachte ich gerade eine zusammen mit Michele Patanè angestellte Untersuchung über Buchstabenbreiten und -proportionen zum Abschluss. Wir verglichen Schriften ganz unterschiedlicher Herkunft miteinander – von Makro-Reproduktionen von De Aetna über alte Monotype-Proben zur Dante bis hin zu Fred Smeijers’ digitaler Quadraat. Diese Forschungsarbeit beeinflusste viele der im Designprozess zur Gramma getroffenen Entscheidungen.

Am Ende stand eine kräftige und dennoch ausgewogene Schrift. Die anfänglichen, aus wenigen klar definierten geometrischen Modulen zusammengesetzten Konstruktionen waren zu organischeren Formen verfeinert worden. Hier und da ist etwas von der geometrischen Strenge erhalten geblieben, beispielsweise in der Schulter des n. Die Bögen knicken fast rechteckig ab, die Binnenräume drängen nach außen – so wird eine Spannung geschaffen, die der Stauchung der Buchstabenformen entgegenwirkt.

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Das auffälligste Charakteristikum der Gramma sind die schnabelartigen Abschlüsse, die in vielen Buchstaben wie c, e, f, s etc. präsent sind. Sie werden aufgegriffen in den unverbundenen Fugen zwischen Stamm und Bogen, zu sehen etwa bei a, b, d, g oder h. Diese Öffnungen ähneln jenen in Schablonenbuchstaben und erinnern an die – zu Unrecht in Vergessenheit geratenen – Experimente Francesco Simoncinis aus den sechziger Jahren.

Riccardo, besten Dank für Deine Zeit, das war sehr aufschlussreich. Wir wünschen viel Erfolg mit Deinen Schriften und weiterhin frohes Forschen und Schaffen!

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Diese Fontschau bildet den dritten und letzten Teil einer Serie zu den Schriften Riccardo Oloccos. In Teil 1 geht es um die Zenon, in Teil 2 um die Brevier.

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