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Zenon

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Riccardo Olocco ist ein italienischer Schrift- und Grafikdesigner, der in Bozen und London lebt. Sein besonderes Interesse gilt der Erforschung venezianischer Renaissance-Schriften des 15. Jahrhunderts. Er absolvierte 2013/14 den Masterstudiengang Typeface Design im englischen Reading. 2013 gründete er gemeinsam mit Marta Bernstein, Erasmo Ciufo und Luciano Perondi die Foundry CAST (Cooperativa Anonima Servizi Tipografici – »Namenlose Genossenschaft für typografische Dienste«), die seit kurzem auf MyFonts vertreten ist. Aus diesem Anlass stellen wir in einer dreiteiligen Serie seine Schriftfamilien Zenon, Brevier und Gramma vor.
 

Zunächst werfen wir einen Blick auf die Zenon, die Riccardo Olocco im Rahmen seines Masterstudiengangs begonnen hat. Der eleganten Antiqua lag die Frage zugrunde, wie heute eine zeitgemäße Interpretation einer Renaissance-Antiqua aussehen kann, ohne direkt an bestimmte Revivalschriften des 20. Jahrhunderts anzuknüpfen. Bereits zuvor hatte er sich intensiv mit der Analyse von historischen Schriftmustern beschäftigt. Ergebnis ist eine frische, lebhafte Antiqua mit Einflüssen verschiedener historischer Schriften, die aber moderne, vereinheitlichte Proportionen besitzt.

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Die Buchstaben sind relativ schmal angelegt und wirken durch den moderaten Strichstärkenkontrast im Regular-Schnitt robust. Mit wachsender Strichstärke nimmt der Kontrast deutlich zu. Die Schattenachse ist nur leicht geneigt. Sanfte Kreisbögen, kantige Anschlüsse und sich nach oben konisch weitende Stämme sind wesentliche Eigenschaften. Die Grundstriche sind – in Lesegraden kaum wahrnehmbar – um 2 Grad nach rechts geneigt. Zudem fallen die tropfenförmigen Strichenden bei a, c, f, r, 3, 5 ins Auge. Sie enden mit einem abrupten Knick in einer kurzen Geraden.

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Angelehnt an kursive Schnitte Granjons und inspiriert durch Gianfrancesco Crescis Schreibkunst zeichnete Olocco eine eigenständige Kursive zur Zenon. Ihre Buchstaben sind um etwa 9 Grad geneigt und schmaler proportioniert als die Aufrechte. Die rundeckigen Kleinbuchstaben besitzen einen geraden Stamm mit einem leichten Knick unterhalb des tiefen Bogeneinlaufs. Bemerkens­wert sind die asymmetrisch angesetzten Serifen bei den Großbuchstaben sowie bei p und q.

Der Zeichenkoffer ist mit mehr als 900 Glyphen pro Schnitt üppig gefüllt und bietet alles, was im typografischen Alltag wichtig ist: Kapitälchen, proportionale und gleichbreite Versal- und Mediävalziffern, Brüche, hoch- und tiefgestellte Ziffern, alternative Zeichenformen und einiges mehr.

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Im Mengensatz macht die Zenon eine ausgesprochen gute Figur. Sie läuft platzsparend und zeigt ein lebendiges, kräftiges Schriftbild, ohne sich durch formale Details in den Vordergrund zu drängen. Aufgrund der schmalen Buchstabenkonstruktion sollte sie im Fließtext jedoch nicht unter 8 pt gesetzt werden. Der Verzicht auf jegliche Ligaturen ist ungewöhnlich, aber zu verkraften. Einziger Schönheitsfehler sind die reichlich tief stehenden Klammern. Für Abhilfe sorgen hier alternative, eigentlich für den Versalsatz angepasste Klammern.

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Der polnische Kreska-Akzent auf ćńóśź unterscheidet sich traditionell vom Akut. Dieser Vorliebe trägt die Zenon Rechnung: Über die eingestellte Textsprache bzw. das Stilistische Set 1 sind Wahlformen mit steileren Strichlein aufrufbar.

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Die Zenon ist mehr als ein solides Arbeitstier. In großen Schriftgraden kommen die dezent modulierten kalligrafischen Anlagen zur Geltung. Die Renaissance-Gene sind deutlich zu spüren und verleihen Wörtern, Sätzen und Texten einen attraktiven Ausdruck. Wir haben ihren Gestalter zu den Hintergründen befragt.

Riccardo, Du bezeichnest Deine Zenon als typografisches Potpourri. Was meinst Du damit?

Anfangs war mein Plan, eine Renaissance-Schrift zu gestalten; kein Revival, sondern eine zeitgemäße Type, entwickelt aus der Analyse historischer Modelle. Ich wollte eine zeitgenössische Interpretation eines traditionellen Renaissance-Revivals aus dem 20. Jahrhundert machen – ohne dabei eine spezifische Vorlage vor Augen zu haben –, die sich für eine Vielzahl von Anwendungen eignet.

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Zu Beginn des Masterprogramms in Reading hatte ich bereits viel fotografisches Material von Schriften aus dem 15. und 16. Jahrhundert zusammengetragen. Für die aufrechten Kleinbuchstaben nahm ich mir die berühmte De Aetna zum Vorbild, den Vorläufer der Schriften Garamonds, sowie eine weitere Schrift, die Giovanni Mardersteig als Werk Francesco Griffos identifiziert hat – übrigens ohne dafür einen Beleg zu liefern – und die er die Decameron-Schrift nannte. Letztere ist eine recht derbe Werkschrift, um die 12 Punkt groß. Sie wurde von vielen Druckern in Venedig als auch im Ausland verwendet – man findet sie sogar in Lyon. Daneben habe ich mir die späteren Antiquas von Robert Granjon angesehen. Ich wählte zwei Schriften verschiedener Größe, so dass ich die optischen Anpassungen und den Detailreichtum vergleichen konnnte: die Gros-Romain (R118) und die Petit-texte (R54), beide vom Ende der 1560er Jahre.

Die venezianischen Schriften sind grob und rudimentär, während die späten Entwürfe von Granjon – der ein Meister darin war, die Formen mit Spannung aufzuladen – eine Eleganz und Stabilität aufweisen, die in der Geschichte nur selten erreicht wurden. Ich habe mich von diesen vier Schriften inspirieren lassen, wobei es mein Ziel war, eine Synthese anzustrengen und die verschiedenen Eigenschaften in einem Entwurf zusammenzuführen, der sich harmonisch in ein modernes Umfeld einfügt.

Hypnerotomachia-Poliphili

Versalien aus dem von Aldus Manutius 1499 in Venedig gedruckten Hypnerotomachia Poliphili. Abb.: Fondo Antiguo de la Universidad de Sevilla (CC)

Für die Großbuchstaben wandte ich mich den epigrafischen Versalien des Hypnerotomachia Poliphili zu, geschnitten von Griffo als Gegenstück zu den Gemeinen in De Aetna. Griffos Vorlage war hier eindeutig die in Stein gehauene römische Monumentalschrift, die zu seiner Zeit in ganz Italien zu finden war. Von diesen Versalien ließ ich schließlich einige Details sowie einen allgemeinen Geschmack einfließen. Die stärkeren Eigenheiten habe ich aber entschärft und die Breiten vereinheitlicht, weil das auf dem Bildschirm sonst unbeholfen aussah.

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Die Zenon enthält ein alternatives Q mit langem Schweif. Leider ist diese Wahlform nicht über ein OpenType-Feature erreichbar und daher nur bedingt verwendbar.

Im Laufe der folgenden Monate unterzog ich die Kleinbuchstaben mehreren Tests: Nach und nach reduzierte ich die Breite immer weiter, bis die Buchstabenformen schließlich moderne Proportionen aufwiesen, also von gleichmäßiger Breite waren. Dieser nicht-lineare, durchaus experimentelle Prozess ist der Grund, warum ich Zenon als ein typografisches bzw. historisches Potpourri bezeichne.

Zenon ist eine robuste, platzsparende Schrift – also eine klassische Buch- oder Magazinschrift?

Ja und nein. Zunächst hatte ich sie als Buchschrift konzipiert, auch wenn der Markt für derartige Schriften mittlerweile arg geschrumpft ist. Aber dann habe ich die Schrift so angelegt, dass sie sich für ein breites Spektrum anbietet.

Zenon-Stile

Warum fehlen Ligaturen?

Zum einen braucht die Zenon keine Standardligaturen, weil das f recht schmal gehalten ist und sein Bogen nicht mit dem i-Punkt kollidiert. Zum anderen erachte ich Ligaturen als eine Reminiszenz an die Vergangenheit. Wenn wir heutzutage etwas an der Form des f ändern müssen, weil es sonst mit Folgebuchstaben wie f i l überlappt, dann können wir das besser mit Kerning oder mit kontextuellen Wahlformen lösen. Nicht zuletzt werden Ligaturen nicht von allen Programmen unterstützt. Die Vermeidung von Standardligaturen ist ein allgemeiner Grundsatz von CAST.

Zenon-keine-Ligaturen

Diese Fontschau bildet den Auftakt einer dreiteiligen Serie zu den Schriften Riccardo Oloccos. In Teil 2 geht es um die Brevier, in Teil 3 um die Gramma.

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