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Strecke machen mit der Pensum

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Der in Hamburg lebende Designer Nils Thomsen studierte an der KABK in Den Haag Typedesign. Hier entwarf er als Masterarbeit die vielbeachtete Meret. Bei der Agentur ErlerSkibbeToensmann war er maßgeblich am Relaunch der »Süddeutschen Zeitung« beteiligt und entwickelte gemeinsam mit Henning Skibbe (Haptic Script) die Hausschriften SZ Text, SZ Serif und SZ Sans. Seit 2015 firmiert er mit Jakob Runge (Cera) unter dem Fontlabel TypeMates. Wir stellen seine neueste Schriftfamilie Pensum vor und haben Nils ein paar Fragen zur Entstehung und Besonderheiten der Schrift gestellt.

Pensum, ein Textmonster

Ihr Name ist Programm: die Pensum ist eine zeitgemäße Antiqua für Langstrecken-Texte. Sie besitzt alles, was eine gute Werksatzschrift ausmacht: Eine robuste Zeichnung, viele Schnitte, Kapitälchen und zahlreiche Glyphen für anspruchsvolle Mikrotypografie. Die Pensum basiert auf Schreibübungen mit der Feder und verbindet niederländische Eleganz mit einem Hauch deutscher Strenge. Scharfe Kanten, z.B. Serifen und Einkerbungen bei Anschlüssen, wechseln sich mit sanften Kurven ab.

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Im Fließtext führt die Pensum das Auge mühelos Zeile um Zeile voran, ohne sich dem Leser formal aufzudrängen. Bei neun Fettegraden von Thin bis Black – jeweils mit Kursiv – bietet die Schriftfamilie eine große Bandbreite an Tonalität und Differenzierung.

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Die sehr feinen Schnitte Thin und Extra Light wirken aufgrund des geringen Kontrasts magazinhaft. Je fetter der Schnitt, umso ausgeprägter erscheinen die Strichkontraste. Besonders deutlich ist das reizvolle Wechselspiel zwischen tiefen Einstichen (ink traps), filigranen Armen und kräftigen Stämmen in der Kursiven zu beobachten.

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Die Kapitälchen sind ein Schmankerl für Buchtypografen. Nils zeichnete sie ein wenig höher als die x-Höhe und im Verhältnis breiter als die Versalien. Dadurch stehen sie als Auszeichnung stabil und selbstbewusst in der Textzeile und bedürfen keiner manuellen Größenanpassung, wie es sonst oft der Fall ist.

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Das OpenType-Feature ›Alles in Kapitälchen‹ bringt auch Ziffern und Interpunktionen auf die passende Größe zu den Kapitälchen. Ligaturen können optional zugeschaltet werden.

Zur weiteren Ausstattung zählen proportionale und gleichbreite Versal- und Mediävalziffern, Brüche, hoch- und tiefgestellte Ziffern, sowie Ziffern in Kreisen. Über die Glyphen- oder OpenType-Palette sind bedingte Ligaturen, Ordinalzeichen, fallabhängige Interpunktionen, Pfeile und Dingbats/Symbole wählbar. Rund 1050 Glyphen pro Schnitt lassen kaum Wünsche offen.

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Das OpenType-Feature ›Kontextbedingte Varianten‹ setzt automatisch das orthografisch korrekte Mal-Zeichen, das Minus-Zeichen und ein optisch dezenteres Euro-Zeichen.

Interview mit Nils Thomsen

Wie kam Dir die Idee zur Pensum?

Eine konkrete Idee, die Pensum so zu gestalten, wie sie heute aussieht, gab es nie. Eigentlich war die Pensum immer ein Nebenprojekt von mir, das sich aus einer Grundübung im Studium an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste 2009 ergeben hat. In einer Kontrastübung bei Peter Verheul lernten wir mit der Feder zu schreiben, um daraus eine Schrift zu entwickeln und zu digitalisieren. Das Resultat sollte eine Druckschrift sein, die einen deutlichen Feder-Charakter besitzt. Diese Schrift lag über Jahre einfach in der Schublade und wurde immer wieder rausgeholt, wenn genügend Zeit war. Ich hatte kein direktes Ziel, wollte aber die gute Basis nutzen, um eine Schrift zu entwickeln, die eine moderne Kurvenführung verfolgt und dennoch ihre aus der Feder entspringenden Züge behält. In diesem Sinne war es ein Projekt, das sich entfalten konnte, wie ich es gerade wollte. Es kam vor, dass ich in einem halben Jahr nur Kleinigkeiten ausprobierte, die ich bei meinen anderen Projekten nicht machen durfte. Ich genoss die Freiheit, Formen zu entwickeln, die mir einfach gefielen und ins Konzept passten.

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1. Die ersten Versuche, mit der Breitfeder zu schreiben, als Basis für einen Schriftentwurf im Stile einer Renaissance-Antiqua.
2. Weiterentwicklung mit Bleistift und Marker. Zuerst wurden Serifen eingearbeitet und der Kontrast etwas gemildert.
3. Erste Digitalisierung der Schrift. Plötzlich sieht alles viel schärfer aus. Die Kurven sind noch stark gekrümmt.
4. Die Pensum nach sechs Jahren Entwicklung: Unter- und Oberlänge wurden verkürzt, der Kontrast verstärkt und die unteren Serifen stabil und eckig gestaltet. Das e wurde begradigt, erhielt dafür innen eine Schräge im Querstrich, der an die ursprüngliche Schreibweise erinnert.

Welche Bedeutung hatte das Schreiben für den Entwurfsprozess?

In diesem Fall spielte das Schreiben mit der Feder ein große Rolle, um die Formen einer Renaissance-Antiqua mit der Hand zu erlernen. Das Schreiben mit der Feder und die damit verbunden Ungenauigkeiten halfen, kreative Lösungen für Details zu entwickeln. Natürlich ist vieles am Computer entstanden, aber dennoch war die Feder immer wieder ein Hilfsmittel zum Formverständnis.

Die Pensum ist mit neun Gewichten sehr gut ausgebaut. Ist diese feine Abstufung eine bewusste Entscheidung?

Natürlich, auch wenn es jedes Mal schwer ist, sich zu entscheiden, wie viele Abstufungen notwendig sind. Als Schriftgestalter weiß ich allerdings nie, wie die Schrift am Ende wirklich eingesetzt wird. Unter­schiedliches Papier oder unterschiedliche Größen können den Wunsch nach einer etwas leichteren oder etwas schwereren Variante wecken. Da kommt die Pensum mit ihrer Vielfalt genau richtig. Ein Beispiel: Regular und Book liegen sehr nah beieinander, allerdings steht die Regular auf Zeitungspapier besser und wirkt nicht zu kräftig, wohingegen die Book auf Glanzpapier oder in einem Buch harmonischer wirkt. Das Konzept mit einem hohen Kontrast erlaubt es, die Black extrem fett zu gestalten, was zur Folge hat, dass mehr Gewichte möglich sind.

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Die Kursive erinnert in der Anlage mit deutlichen Einstichen und scharfen Rundungen ein wenig an die Lexicon. Wie wirken sich diese Details im Textbild aus?

Du bringst hier die Lexicon von Bram de Does in Verbindung mit der Kursiven ins Spiel. Das finde ich interessant, weil ich mich an manchen Details der Aufrechten von der Lexicon habe inspirieren lassen. Das sind z.B. die tiefen Einkerbungen im ›n‹ – beim Aufeinandertreffen des Arms in den Stamm – und weiteren problematischen Stellen, die im Druck zulaufen könnten. Dieser Ansatz kommt allerdings auch direkt aus der Feder, die grundsätzlich einen viel höheren Kontrast entwickelt als viele moderne Renaissance-Antiquas. In der Kursiven kann man das Spiel zwischen Arm und Stamm auf die Spitze treiben, ohne dass es sich auf das Textbild auswirkt, da diese Einstiche mit dem Stamm verschmelzen. Die extremen Rundungen und langen sogenannten Serifen in der Italic verweisen auf die Handschrift und bilden gestalterisch einen großen Unterschied zur Aufrechten.

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Hast Du Pläne, die Familie noch weiter auszubauen?

Als Schriftgestalter hat man immer viele Pläne. Daher kann ich nicht versprechen, ob und wann die Ideen Wirklichkeit werden. Mir schwebt eine Headline-Variante vor, um das Spiel von Spitzen und Kontrast noch weiter ins Extreme zu treiben. Erste Skizzen zu einer Serifenlosen liegen auch schon vor. Hier probiere ich noch, welche Details in einer Sans sinnvoll sind.

Letztes Jahr hast Du zusammen mit Jakob Runge das Fontlabel TypeMates gegründet. Wie kam es dazu?

In Jakob Runge habe ich einen Geschäftspartner gefunden, der die gleichen Ziele und Interessen im Schrift­gestalter-Leben hat wie ich. Unter dem Motto »zwei denken eben weiter als einer« kollaborieren wir seit mehr als einem Jahr und sind im ständigen Austausch über unsere Projekte. Dadurch sind wir schneller und sicherer geworden, weil Fehler oder Ungereimtheiten viel früher erkannt werden. Dieser Zeitfaktor ist meist unerlässlich bei maßgeschneiderten Fonts. Ein weiterer Punkt ist, dass wir zusammen einen viel besseren Außenauftritt haben. Plötzlich haben wir nicht nur sieben Schriften im Portfolio, sondern können das Doppelte anbieten, was uns interessanter für Kunden macht, die nach Vielfalt verlangen.

Vielen Dank, Nils. Alles Gute für Dich und die TypeMates!

Die Pensum Pro wird für Desktop- und Web-Nutzung angeboten. Neben Einzelschnitten ist auch die Komplettfamilie mit allen 18 Fonts zu einem günstigen Paketpreis verfügbar. Demofonts können über die TypeMates-Website angefragt werden.

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