Atlas der abgelegenen Inseln
Auf extra: Enzyklopädie der experimentellen Druckveredelung und Letterlap folgt als dritter und letzter Teil unserer Miniserie zum Wettbewerb »Die schönsten deutsche Bücher« ein weiteres für seine hervorragende Gestaltung ausgezeichnetes Buch. Jan Middendorp bespricht den Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky, in der Typo-Welt bekannt als Autorin von Fraktur mon Amour.

Judith Schalansky ist weder eine Designerin, die auch schreibt, noch eine Dichterin, die auch Ahnung von Grafik hat. Die Berlinerin ist ein zweihundertprozentiges Doppeltalent, und in beiden Feldern – Literatur und Typografie – drückt sie sich mit bewundernswertem Formgefühl und Schwung aus.

Bisher konnte man den Eindruck erhalten, es handle sich um zwei Parallelkarrieren: ihre ersten zwei Bücher gehörten in unterschiedliche Welten. Die Grafikerin überraschte 2006 mit Fraktur mon Amour, ursprünglich als Abschlussarbeit ihres Designstudiums an der FH Potsdam gedacht; mit dem bibeldicken, pink-schwarzem Buch gelang ihr eine hinreißende Hommage an ein umstrittenes Schriftgenre, und damit ein Beitrag zu dessen Rehabilitierung. Die Dichterin veröffentlichte zwei Jahre später ihr literarisches Debüt: Blau steht dir nicht, ein Matrosenroman. Ein Roman? Das Werk ist tatsächlich nicht einfach zu kategorisieren. Christoph Schröder hielt es in der Frankfurter Rundschau für ein »Kaleidoskop aus Erinnerungen, Reiseberichten und historischer Recherche«, worin (so eine andere Kritikerin) auch für »eine kitschfreie Sicht auf die DDR« Platz war. Mit Blau steht dir nicht gewann Judith Schalansky ein Publikum für sich, das nie von Fraktur mon Amour gehört hatte und damit auch nicht viel hätte anfangen können: die Elite der besseren Leser. Mit einem Schlag war Schalansky (auch) eine bedeutende Stimme der neuen Dichtergeneration geworden.
Ihr letztes Buch macht erst recht deutlich, dass Literatur und Grafik für Judith Schalansky keine getrennten Aktivitäten oder Medien sein müssen. In ihrem Atlas der abgelegenen Inseln, mit dem schönen Untertitel Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde, sind Sprache und visuelle Gestaltung gleichermaßen bedeutend: Lesen und Schauen ergänzen sich harmonisch. Dadurch hat das Buch auch eine Art missionarische Funktion. Designliebhaber, die es sich wegen seiner hervorragenden Gestaltung zulegen, werden staunen über die Magie der Sprache; und traditionelle Leser werden entdecken, dass auch ein literarisches Werk ein visuelles und haptisches Erlebnis sein kann.


Die Struktur des Buches ist, wie schon bei Fraktur mon Amour, modular. Auf jeder Doppelseite wird eine Insel präsentiert. Eine Landkarte – stets im gleichen Stil und im gleichen Maßstab, damit die Verhältnisse klar sind – wird ergänzt um Infografiken, denen man mit einem Blick entnehmen kann, wie weit die Insel vom Festland und von ihren Nachbarinseln entfernt ist (weit bis sehr weit) und was der Insel im Lauf der Zeiten passiert ist (entdeckt, erobert, verlassen …). Dazu gibt es auf jeder linken Seite eine Erzählung. Mit dieser auf den ersten Blick einfachen Struktur hat Judith Schalansky sich einen strengen Rahmen gesteckt, der sie zwingt, äußert effizient mit ihrem Material umzugehen. Und darin ist sie eine Meisterin. Mit jedem Anfangssatz wird eine Landschaft aufgerufen, eine Atmosphäre dargestellt, eine Ideenwelt angedeutet. »Revolutionen werden auf Schiffen verkündet, Utopien auf Inseln gelebt.« Oder: »Eine Fregatte ist entschieden zu klein!, empören sich die Bonapartisten und fordern eine ganze Flotte.« Wir befinden uns sofort im Jahre 1815, in 2003, oder auf einer abstrakteren Ebene. Die folgenden Geschichten sind fast ausnahmslos traurig oder melancholisch. Inseln sind Orte, wo Träume scheitern, Krankheiten ausbrechen, Morde stattfinden oder unsympathische Eroberer das Idyll zerstören. Elend und Enttäuschung sind dabei so wunderbar lakonisch beschrieben, dass man trotz allem gute Laune bekommt.


Mit dem Roman Blau steht dir nicht verbindet den Atlas ein Thema, das man zusammenfassen kann als ›das Reisen der Anderen‹. Obwohl sie kaum zehn war, als die DDR zusammenbrach, ist Schalansky von ihrer ostdeutschen Kindheit geprägt. Schon als junges Mädchen war sie von Atlanten fasziniert, so schreibt sie im Vorwort; selbstverständlich waren die meisten Orte, die auf den Karten verzeichnet waren, für Ostdeutsche unerreichbar und damit nur bedingt real. Dieses Gefühl ist, wie bei vielen ehemaligen DDR-Bürgern, noch immer spürbar: »Eigentlich weiß ich natürlich, dass es Nairobi und Los Angeles wirklich gibt. […] Aber dass man dort tatsächlich gewesen oder sogar auf die Welt gekommen sein kann, bleibt mir nach wie vor unbegreiflich.«
Dieses Gefühl von Unwirklichkeit ist ein Schlüssel zum Buch. Es geht bei diesem ›Atlas‹ nicht um eine reine Dokumentation der Wirklichkeit – die Fakten und Daten (von Schalansky monatelang in der Berliner Staatsbibliothek recherchiert) wurden zu Literatur gemacht, und was davon ›wahr‹ oder ›echt‹ ist, ist unwichtig. Genauso bei den Karten: die Autorin ist kein Kartograf, und sie hat ihre eigene Grafiker-Methode gefunden, die geografischen Gegebenheiten mit ihren hübschen Höhen und Tiefen so darzustellen, das sie nicht nur plausibel wirken, sondern auch ästhetisch überzeugen.
Mehr noch als ihre beiden vorigen Bücher entzieht sich der Atlas der abgelegenen Inseln jeder eindeutigen Klassifizierung. Diesmal lässt sich ahnen, dass Schalanskys wahrer ›Masterplan‹ ist, mit jedem Buch ein neues Genre zu erfinden. Das macht sie zu einer Art deutschem Italo Calvino: auch der Italiener schrieb Bücher, die eine Gattung für sich bilden. Die Kurzgeschichten im Atlas erinnerten mich an mein Lieblingsbuch, Calvinos Die unsichtbaren Städte (Le città invisibili). Schalanskys Inseln sind für den Leser genauso fiktiv wie Calvinos Städte, die ungreifbar bleiben, obwohl es die meisten tatsächlich gegeben hat.
Was aber Schalanskys Buch einzigartig macht, ist, dass die visuelle Form nicht von der sprachlichen Ebene getrennt werden kann: Bild und Text sind eins. Die Piktogramme und Karten, die fünf Sonderfarben, der Halbleinen-Einband, die empfindsame und etwas theatrale Anwendung einer unüblichen barocken Schrift (die MVB Sirenne von Alan Dague-Greene): alles wird dazu eingesetzt, die Unwirklichkeit und die melancholische, etwas nostalgische Ausstrahlung des Ganzen zu verstärken. Kurzum, ein literarisches Gesamtkunstwerk. So etwas gibt es nicht allzu oft.
Atlas der abgelegenen Inseln
Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde
von Judith Schalansky
Mare Verlag, 2009 | ISBN 978-3-86648-117-6
144 Seiten; gebunden, Halbleinen mit dreiseitigem Farbschnitt | € 34
www.atlas-der-abgelegenen-inseln.de































