MyFonts.de

Menü Twitter

MyFonts.de ist die deutschsprachige Dependence von MyFonts.com, der weltgrößten Bibliothek digitaler Schriften.

Schriften kaufen →

TypeTalks 2010 in Brno, Teil 1


Von Schreibschrift-Dialekten, technischen Wirrungen und den Vorzügen des Lettering

Veranstaltungsort: Das Haus der Künste in Brno

Vergangene Woche fanden im tschechischen Brno zum ersten Mal die TypeTalks statt. Organisiert wurde dieses eintägige Symposium vom ortsansässigen Schriftgestalter David Březina und einigen seiner Studenten. Über 100 interessierte Grafikdesigner und Typografen aus Tschechien, der Slowakei und Österreich, aber auch aus Polen, Deutschland und sogar England folgten der Einladung und kamen am 21. Juni ins Haus der Künste in der Brünner Altstadt.

TypeTalks: Wegweiser
TypeTalks-Organisator David Březina

David Březina, vielen bekannt als Gestalter der Schriftfamilie Skolar, dirigiert die zahlreichen Gäste auf ihre Plätze und führt pünktlich um 10:12 Uhr in das Programm ein. Insgesamt sieben Vorträge rund um Schrift und Typografie erwartet das Publikum.

TypeTalks-Goodiebag

Großes Lob an die Organisatoren der TypeTalks – an alles ist gedacht: Schilder in selbstgestalteten Schriften weisen den Weg zum Veranstaltungsort. Am Eingang erhalten die Teilnehmer einen Anstecker, der als Eintrittskarte fungiert. Auf der Veranda zum Innenhof stehen Snacks und Getränke bereit. Das TypeTalks-Team lässt sich nicht lumpen, sogar ein Goodie Bag wird verteilt – wie man es von großen Konferenzen kennt. In der speziell bedruckten Tüte finden sich ein zweisprachiges Programmheft sowie diverse Poster, Schriftmuster und anderes Info- und Werbematerial. Das tschechisch-englischsprachige Magazin Typo hat als Sponsor der TypeTalks eine Gratisausgabe beigesteuert.

TypeTalks: Florian Hardwig

Ich habe die Ehre, gleich den Anfang zu machen. Ausgehend von meiner Recherche internationaler Schulschriften zeige ich, dass sich lokale Vorlieben für bestimmte Buchstabenformen auch in Fonts, also typografischen Satzschriften, wiederfinden. Auch wenn in Ländern wie Tschechien, Deutschland oder den USA überall das lateinische Alphabet verwendet wird, lassen sich in geschriebener Schrift – und davon abgeleiteten Schreibschrift-Fonts – doch manche Unterschiede feststellen, wie die einzelnen Buchstaben konstruiert werden. Diese Charakteristika sind im Schulunterricht und in der Schriftzeichner- und Schildermaler-Tradition eines Landes verankert und werden nun von zeitgenössischen Grafik- und Type-Designern wiederentdeckt.
Florian Hardwig: Deutsches W, US-amerikanisches e

Oben: drei Schreibschriften aus Deutschland, jeweils mit einem asymmetrischen, der Fraktur-Konstruktion folgenden W. Unten: Script-Fonts mit einem zweistöckigen e, wie es im US-amerikanischen Lettering gebräuchlich ist.

Florian Hardwig: Studio Lettering Collection von Ken Barber (House Industries)

Die Fonts der Studio Lettering Collection von Ken Barber (House Industries) enthalten zahlreiche Alternativformen. Über Änderung der Textsprache lassen sich diese ›umgangssprachlichen‹ Sets per OpenType-Zauberei automatisch aktivieren.

Florian Hardwig: Ein tschechisches t in Lokal Script (František Štorm)

František Štorms Lokal Script enthält ein alternatives t, bei dem der Querbalken als Schleife auf der Grundlinie gezogen wird. Dieses Muster findet sich auch in der tschechischen Schulschrift.

Ein tschechisches t in Brno

Später werde ich auf diese Tafel an einem Brünner Bierlokal stoßen: Staročeský Malvaz – mit einem weiteren Exemplar dieses typisch tschechischen t.

TypeTalks: Rob Keller

Nach mir übernimmt Rob Keller das Mikrofon. Der Berliner Amerikaner betreibt zusammen mit seiner Frau Sonja die Firma Mota Italic und spezialisiert sich auf Fonts für indische Schreibsysteme. Er nimmt uns auf eine spannende Reise durch die Geschichte der Schrifttechnologie – von der in Tontafeln eingedrückten Keilschrift bis hin zum iPad – und beschreibt, wie Werkzeug, Material und Maschinen zu allen Zeiten die Gestaltung und das Aussehen von Buchstaben beeinflusst haben. Zwar brachte jede technologische Neuerung bestimmte Vorteile mit sich, doch blieb auch immer etwas auf der Strecke, sei es mikrotypografische Qualität oder gar die Integrität ganzer althergebrachter Schriftsysteme.

Rob Keller: Monotype-Tastatur

Die Tastatur einer Monotype-Setzmaschine. Aufrechte und kursive Zeichen und selbst Kapitälchen können alle direkt eingegeben werden. Allerdings ist die Gesamtzahl der Zeichen beschränkt. Obendrein enthalten verschiedene Fonts nicht unbedingt die selben Zeichen; die Tastaturbelegung wird von der jeweiligen Schrift bestimmt.

Rob Keller: Linotype-Matrize

Weil eine Linotype-Matrize sowohl die kursive als auch die aufrechte Variante eines Zeichens enthält, waren Setzer in der Lage, beide Stile zu mischen, ohne die Matrizen wechseln zu müssen. Der Nachteil: beide Formen mussten auf die gleiche Breite gezeichnet werden.

Rob Keller: Linotype Monticello

In der digitalen Version der Monticello wurde dieser Missstand korrigiert: die Kursive ist in ihrer Breite unabhängig von der Aufrechten und darf schmaler laufen.

Rob Keller: Linotype Devanagari

Zwei Fonts in Devanagari, dem System, mit dem indische Sprachen wie Sanskrit, Hindi oder Marathi geschrieben werden. Eigentlich sind rund 600 bis über 1.000 Einzelzeichen nötig, um Devanagari mit all seinen Finessen setzen zu können. Die Linotype-Version ist auf spärliche 90 Zeichen zusammengekürzt und offenbart im Vergleich mit der Handsatz-Schrift auch verschiedene gestalterische Mängel: Neben der wenig eleganten Form des ersten Zeichens (Mu) und den zu großen Innenabständen im dritten Wort fällt insbesondere das Fehlen einer Ligatur für den kka-Laut auf (im zweiten Wort, hervorgehoben). Zwar ist ein doppeltes k technisch nicht falsch, feine Typografie ist das jedoch nicht.

TypeTalks: Michael Hochleitner

Nach Rob ist der Österreicher Michael Hochleitner an der Reihe. Anna Fahrmaier, Thomas Gabriel und er bilden zusammen die Typejockeys, ein Gestaltungsbüro für Schrift und Grafikdesign in Wien. In seiner Präsentation erklärt Michael die Unterschiede von Typografie und Lettering und zeigt anhand zahlreicher Beispiele, wo die jeweiligen Stärken liegen.

Michael Hochleitner: Blackboard Lettering

Gerade in einer überperfekt-digitalen Welt gibt es wieder einen Trend zu Handgemachtem. Salopp gescribbelte Buchstaben können durch ihren zwanglosen Charme bestechen, man findet sie auf Buchcovern oder Konzertpostern. Gleichzeitig zeichnen sich eigens angefertigte Wortmarken und Schriftzüge durch ihre Exklusivität aus; anders als bei Fonts kann man die gezeichneten Buchstabenformen nicht mal eben schnell lizenzieren und nachsetzen. In England beispielsweise werben viele Pubs mit kunstvoll beschriebenen Kreidetafeln, die bei professionellen Schildermalern in Auftrag gegeben werden.

Michael Hochleitner: Zitat Mark Simonson

Ein Zitat des amerikanischen Schriftgestalters Mark Simonson, gesetzt in Michaels Ingeborg: »Lettering unterscheidet sich von Typografie ungefähr in der Weise, wie sich Knetmasse von Legosteinen unterscheidet.«

Michael Hochleitner: Vorteile des Lettering

Manche gestalterischen Ideen lassen sich nur mit den Mitteln des Lettering umsetzen.

Die Buchstaben typografischer Satzschriften werden als System entworfen: sie müssen in allen Kombinationen gut miteinander harmonieren und einen gleichmäßigen Rhythmus einhalten – das macht sie wenig flexibel. Der Zeichenumfang begrenzt die Möglichkeiten eines typografischen Fonts. Im Lettering dagegen kann der Designer eine einzigartige, maßgeschneiderte Lösung für die jeweilige Aufgabe finden. Die Buchstaben müssen nur in diesem einen Kontext funktionieren.

Michael Hochleitner: Comic Lettering

Mit einem Exkurs über Comics beleuchtet Michael einen Bereich, in dem Lettering nach wie vor eine große Rolle spielt. Gewöhnlicherweise werden zunächst die Sprechblasen in die Panels eingezeichnet, dann erst kommen die Illustrationen hinzu. Für die Textgestaltung in Comics gelten besondere Regeln. Prinzipiell gibt es nur Versalien. Betonungen werden fettkursiv hervorgehoben. Der Gedankenstrich wird mit zwei kurzen Striche dargestellt. Neben dem gewöhnlichen großen I gibt es ein zweites mit Serifen, welches ausschließlich für das englische ›Ich‹ gebraucht wird. Austoben können sich Lettering-Künstler bei den sogenannten Sound Effects – lautmalerische Darstellungen wie ›BOOM‹, ›WHOOOSH‹ oder ›SPLONK‹.

Michael Hochleitner: Lettering inspiriert von den Shiretypes

Oft lassen sich Typedesigner von Lettering-Ideen zu neuen Schriften inspirieren. Manchmal ist es aber auch umgekehrt: die Vorlage zu dieser handgemachten Schaufenster­beschriftung war ganz offensichtlich die Worcestershire, eine Satzschrift von Jeremy Tankard.

TypeTalks: In der Pause

Type Talking auch in der TypeTalks-Pause

Nach diesem aufschlussreichen Vortrag geht es in die Mittagspause. Vom Nachmittagsprogramm mit den Präsentationen von Tomáš Brousil, Dan Reynolds, Dan Rhatigan und Veronika Burian werde ich in einem gesonderten Beitrag berichten. TypeTalks Teil 2 folgt in Kürze ist hier zu finden.

Alle Abbildungen: © bei den jeweiligen Vortragenden. Fotos: Rob Keller, Florian Hardwig

Verwandte Artikel

Archiv →
Schliessen @MyFontsDE →
Show Tweets