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Creative Characters: Hannes von Döhren


Creative Characters ist MyFonts’ beliebte Reihe monatlicher Interviews mit herausragenden Schriftgestaltern. Zum zweiten Mal erscheint eine deutschsprachige Version: diesen Monat präsentieren wir Hannes von Döhren.

Würde man den Erfolg, der Hannes von Döhren in der letzten Zeit auf MyFonts zuteil wurde, als ›beachtlich‹ bezeichnen, wäre das eine glatte Untertreibung. In nicht mal einem Jahr hat der Berliner Designer eine ganze Reihe beeindruckender, origineller Fonts herausgebracht. Sein Repertoire reicht von der gewitzten Pseudo-Wildwest-Slab Cowboyslang bis zur eben erschienenen, von Renaissance-Schriften inspirierten Livory. Die nostalgisch angehauchten Brandon Grotesque und Reklame Script haben es beide in die aktuellen Top-10 der Bestsellerliste geschafft. Seine Schriften erlauben es Hannes mittlerweile, das zu tun, von dem er nicht genug kriegen kann – noch mehr Schriften zu entwerfen.

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Bevor Du Dich der Schriftgestaltung zugewendet hast, warst Du Art Director in einer Werbeagentur. Wie hast Du Deine Leidenschaft für Fonts entdeckt? Helfen Dir Deine Erfahrungen als ehemaliger Werber beim Gestalten von Schriften?

Wie viele Typedesigner hat mich Schrift und der Umgang mit Schrift schon immer begeistert. Deshalb habe ich auch mit Grafikdesign angefangen und bin meiner Liebe zur Typografie zunehmend verfallen. Nachdem ich mich sehr viel mit der Schönheit und Ästhetik der einzelnen Formen auseinandergesetzt hatte, fing ich an, mich immer mehr für Wirkung von Schrift und Bild auf andere Menschen zu interessieren. Warum hat man bestimmte Empfindungen, wenn man Dinge betrachtet, welche grafischen Mittel sind mit welchen Emotionen verknüpft? Mich faszinierte, wie viel man durch gestalterische Bewusstheit beeinflussen kann. Das war ein Grund, weshalb ich dann vom Grafikdesign zur Werbung kam: Botschaften vermitteln, die auch ankommen. Die Liebe zur Schrift hat mich dabei immer begleitet. Schrift ist für mich auch ein Basis­bestandteil von Grafik und Werbung, sie wird oft unterschätzt und kann dabei so viel.

Ein Einblick in Hannes von Döhrens Typo-Welt

Wie hast Du gelernt, Fonts zu machen?

Ich begann damit aus Spaß, in meiner Freizeit – neben meinem Job als Art Director. Ich zeichnete experimentelle Schriften, stellte diese als Freefonts ins Netz und verwendete sie für eigene Projekte. Diese Spielereien machten mir so viel Freude, dass ich mich immer mehr für Fonts und deren Technik, Regeln und Hintergründe interessierte.

Daraus ergaben sich dann größere Projekte, die auf klassische Schriftgestaltung abzielten. Ich schaute mir sehr viele andere Schriften an und versuchte nachzuempfinden, warum welche Schriften wie gemacht wurden. Ich interessierte mich für alles, was mit Typedesign und Fonterstellung zu tun hatte. Stück für Stück näherte ich mich dann durch all die kleinen Informations­bausteine, die ich überall aufnahm und in meiner Arbeit umsetzte, professionellen Ergebnissen. Es ist verrückt, wie sehr man über die Jahre sein Auge schult, und wie man an bestimmte Dinge ganz anders herangeht als am Anfang. Dennoch ist jedes Schriftprojekt wieder eine neue Herausforderung und eine spannende Sache, bei der man auf stets neue Probleme stößt, die es zu lösen gilt.

Apropos Freefonts – Du hast zwischen 2005 und 2007 über ein Dutzend kostenloser Fonts veröffentlicht. Wie siehst Du diese Entwürfe heute? Behagt es Dir, dass sie nach wie vor über viele Freefont-Websites verfügbar sind?

Ja, auch wenn ich heute total anders arbeite – für mich sind diese Schriften eine Momentaufnahme jener Zeit, in der ich sie gemacht habe. Das ist eine Art Dokumentation meines Lernprozesses. Mit jedem dieser Freefonts habe ich ein neues Experiment ausprobiert und viele Dinge dazu gelernt, und sie haben mir alle richtig Spaß gemacht.

Ich finde diese Freefonts auch nicht schlecht und da sie umsonst sind, ist der Verbreitungsgrad entsprechend hoch. Es freut mich immer wieder, wenn ich sie auf der Straße – zum Beispiel auf Plakatwänden – sehe. Das ist ein schönes Gefühl, da man die kommerziellen Schriften nicht so häufig irgendwo sieht.

Über Brandon Grotesque: Mein Vater schenkte mir einige alte Zeitschriften aus den 1920er und 30er Jahren, die er bei meinem Opa gefunden hatte und meinte, ich solle mir mal die handgezeichneten Schriften der Anzeigen anschauen. Ich war fasziniert von der Haptik und der gesamten Aura, die diese Magazine ausstrahlten – wie die Fließtexte gesetzt wurden und welche Schriftmischungen verwendet wurden! Ich wollte unbedingt auch eine Schrift mit dieser Anmutung machen. Eine geometrische Schrift, die dennoch eine gewisse Weichheit und Wärme besitzt. Durch den ›schlechten‹ Druck waren die Ecken der Textschriften leicht abgerundet – ein Gefühl, welches in der heutigen Zeit mit gestochen scharfen Druckbildern nicht mehr aufkommmt. Ich entschied mich, die Brandon mit sehr leicht abgerundeten Ecken zu versehen – sie sollte trotz ihrer Geometrie und Klarheit etwas Wärme ausstrahlen. Obwohl die Brandon mit 12 Schnitten eine relativ große Familie ist, hat jeder Schnitt seine eigene Ästhetik: die Schnitte basieren zwar aufeinander, wurden aber alle einzeln gezeichnet. So konnte ich jedem Schnitt seine eigenen Details geben.

Im vergangenen Jahr warst Du unglaublich produktiv und hast beinahe jeden Monat eine neue Schriftfamilie herausgebracht. Wie machst Du das?

Das alles macht mir einfach unglaublich viel Spaß, und wenn man mit Leidenschaft an Dingen arbeitet, merkt man oft gar nicht, wie viele Stunden man da sitzt. So etwas ist kein 9-to-5-Job – für mich ist es einfach eine Lebenseinstellung. So entstehen die meisten Schriften einfach ohne große Planung, ohne vorher lange darüber nachzudenken. Klar ist eine Schrift auch viel Arbeit und beinhaltet eine Menge Dinge, auf die man achten muss. Aber die Begeisterung zu sehen, wie die Schrift immer runder und vollständiger wird, treibt mich voran. Meistens kann ich es kaum erwarten, meine – bald – fertige Schrift selbst zu benutzen. Eines der besten Gefühle im Typedesign-Prozess für mich ist, das erste Mal die Schrift zu installieren und damit zu gestalten.

Nun bin ich seit ungefähr drei Jahren zu hundert Prozent Typedesigner, habe meine eigene Foundry und arbeite jeden Tag an neuen Fonts, mache Präsentationen und Werbung für meine Schriften und erledige anfallende Büroarbeiten. Ich bin froh, diesen Weg gefunden zu haben, da mich diese Arbeit genau in den Bereichen fordert, die ich schon immer faszinierend fand: Schrift, Grafik und Werbung.

Deine bisherigen Entwürfe sind stilistisch breit gefächert. Wie entscheidest Du, was Du als nächstes angehen willst? Hast Du schon mal eine Schrift nach einer konkreten Aufgabenstellung, einem Briefing entwickelt?

Ich lasse mich bei meinem Schriften einfach nur davon leiten, worauf ich Lust habe und folge dem, was ich schön finde. Ich gehe einerseits gerne komplett neue Wege; experimentiere und entwickle, aber andererseits macht es mir auch Spaß, mich gestalterisch in einem engen Korridor zu bewegen und daraus dennoch etwas neues, eigenes zu entwickeln. Ich empfinde gerne nach, warum die alten Meister etwas machten, entdecke ihre genialen, manchmal verblüffenden Lösungen, freue mich darüber und lerne dazu.

Wenn man Displayschriften gestaltet, ist man sehr frei, die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Textschriften sind eine besondere Herausforderung, da es sehr viele Regeln zu beachten gilt und man ein geübtes Auge für Proportion und Rhythmus haben muss.

Die Pinsel-Schrift Reklame Script basiert auf von Hand gezeichneten Schreibschriften in Zeitschriftenanzeigen aus den 1940er und 50er Jahren

So genieße ich es, zwischen der Leichtigkeit und Freiheit einer Displayschrift und der Strenge und Beschränktheit einer Textschrift hin und her zu wechseln und möchte mir keines der beiden Felder nehmen lassen. Nach der langen Arbeit an einer Textschrift kann es mitunter einfach nur befreiend sein, mit einer gewissen Lockerheit mal eben eine Displayschrift zu machen.

Manchmal ist es auch nur ein Bild im Kopf, davon, wie die Schrift, die ich da gerade beginne, im Einsatz aussehen wird – und schon stecke ich wieder in einem neuen spannenden Projekt.

Welche Schriftgestalter oder Grafikdesigner aus Geschichte und Gegenwart sind Deine Helden – und weshalb?

Oh, es gibt eine ganze Menge Typedesigner, die wirklich tolle Schriften gemacht haben: zum einen die alten Klassiker wie Claude Garamond, William Caslon, Giambattista Bodoni, Frederic Goudy etc. Aber auch Adrian Frutiger – diese Personen sind für mich die Meister, die Wege geebnet und grundsätzliche Sichtweisen festgelegt haben. Und dann gibt es die ›digitale‹ neue Generation der Typedesigner, unter denen es für mich ebenfalls herausragende Namen gibt: Zuzana Licko, Xavier Dupré, Underware, Kris Sowersby – um nur einige zu nennen, die mir gerade so einfallen. Es gibt aber noch weitaus mehr, die ich für ihre sehr guten Schriften schätze.

Du bist als Typedesigner Autodidakt – wie denkst Du darüber, dass immer mehr Schulen eine spezielle schriftgestalterische Ausbildung anbieten?

Das finde ich auf jeden Fall gut, junge Designer werden für das Thema Schrift sensibilisiert und erkennen die Unterschiede und Wirkung von Schriften. Wer einmal selbst versucht hat, eine Schrift zu zeichnen, der weiß, wie schwer das ist und wie viele Regeln es zu beachten gibt. Man schult sein Auge für Details. Dies alles hilft einem auch dann weiter, wenn man nicht als Typedesigner ›endet‹, sondern ins Grafikdesign oder in die Werbung geht. Schrift ist ein wichtiges Werkzeug in all diesen Bereichen. Man sollte sich stets bewusst sein über das Potential und die Bedeutung von Schriftwahl und Typografie.

Der Weg, sich selbst alles beizubringen, ist sicherlich komplizierter und auch schwieriger, es braucht einen langen Atem und viel Geduld. Man tritt eben schneller in Fettnäpfchen und muss sich seinen Weg selbst suchen. Der Vorteil ist vielleicht, dass man dadurch mehr seinen eigenen Stil entwickelt, da man ja keinen bestimmten Lehrer hat, der einen formt.

Über Brevia: Ich hatte in der Werbung mit vielen Unternehmen zu tun, die die Attribute sympathisch, freundlich aber dennoch professionell und klar vermitteln wollen. Zum Beispiel im Dienstleistungssektor, oder aber auch im Bereich des Package Designs. Eine Schrift ist ein gutes Medium, um eine solche Stimmung oder Eigenschaft zu transportieren. Mir fiel auf, dass es wenige Schriften gibt, die dieses sympathisch-freundliche mit einer gewissen Klarheit vereinen können. Pinselschriften sind oft einladend, persönlich und freundlich – ihnen fehlt aber die Seriösität, auch sind sie nicht für Mengentexte geeignet. Ich wollte mit der Brevia eine an eine Pinselschrift angelehnte Familie entwickeln, die durch ihre klare Architektur eine gewisse Seriösität besitzt. Da eine Leseschrift in ihren Gestaltungselementen sehr zurückhaltend sein sollte, war meine Herasuforderung, genau die richtige Intensität des Pinselcharakters zu finden. Man sollte ihn in Texten gerade noch fühlen – in großen Graden dagegen deutlich sehen. So war mein Gedanke, diesen Pinselcharakter je mehr zu betonen, desto fetter die Schnitte werden. Denn fettere Schnitte werden oft auch größer eingesetzt, der Charakter kann stärker betont werden.

Als Du in der Werbung tätig warst, hast Du in Hamburg gelebt, einer der großen Businessmetropolen in Deutschland. Jetzt bist Du selbständiger Designer in Berlin – einer Stadt mit einer lebendigen Typo-Szene und unbegrenzten Ausgehmöglichkeiten, aber einer prekären wirtschaftlichen Situation. Was macht Berlin zum aktuellen Ort Deiner Wahl?

Ich komme ursprünglich aus Berlin und habe zwei Jahre lang in Hamburg gelebt, um dort in einer Agentur zu arbeiten. Das hat mir wirklich viel Spaß gemacht und ich habe in der Zeit viel gelernt. Ich hatte allerdings oft etwas Heimweh nach Berlin, da ich die Stadt immer als mein Zuhause empfunden habe. So kam es, dass ich wieder zurückgekehrt bin in diese wirklich sehr große und vielseitige Stadt, in der ich alles haben kann was ich will, und wo auch meine Freunde zuhause sind.

Der Schritt in die selbständige Arbeit war für mich nicht so leicht, da es doch eine ganze Menge Unsicherheiten gab, vor allem um das Wissen alles selbst organisieren zu müssen. Allerdings muss ich heute sagen, war das eine meiner besten Entscheidungen. Es gibt mir sehr viel, selbst die Verantwortung zu übernehmen, zu entscheiden was gut und was schlecht ist und mir meine Kräfte und Zeiten selbst einzuteilen.

Die Entscheidung, mit MyFonts zusammenzuarbeiten, hat sich für Dich ausgezahlt. Hast Du gehofft oder erwartet, dass es so kommt?

Natürlich habe ich damit niemals gerechnet. Ich habe mit Typedesign angefangen, weil es einfach eine Leidenschaft von mir ist, Schriften anzuschauen und sie zu gestalten. Ich habe mich in den ersten Jahren mit ein paar Verkäufen meiner Displayschriften und Grafikjobs über Wasser gehalten. Nach dem Erfolg der Brandon Grotesque habe ich das große Glück, mich nun mehr ausschließlich mit Typedesign zu beschäftigen. Es ist schön für mich zu sehen, dass eine Vision – ›irgendwann mal von seinen Schriften leben zu können‹ – wirklich machbar ist. Ich wusste vorher nicht, worauf ich mich einlasse und ob das funktioniert, was ich da vorhabe, aber im Moment bin ich einfach glücklich, dass ich damit weitermachen kann.

Livory, eine Antiqua in vier Schnitten, mit Kapitälchen und zahlreichen Ligaturen und Ornamenten

Die neueste HVD-Schrift heißt Livory, sie entstand als Kooperation. Wie lief das?

An der Livory arbeiteten Livius Dietzel und ich rund fünf Jahre. Natürlich nicht durchgängig, aber bereits 2005 fingen wir mit den ersten Skizzen dafür an. Wir wollten die Proportionen einer klassischen Renaissance-Antiqua nachempfinden und dabei eine unverkennbare Weichheit durch schwungvolle Formen und das ›Schmelzen‹ der Glyphen erreichen. Wir begannen mit dem Projekt, als ich noch in Hamburg war. Fast täglich schickten wir uns neue bzw. geänderte Buchstaben über E-Mail hin und her. Nachdem die erste Version dann Ende 2006 fertig war, wanderte sie erst einmal in die Schublade – weil wir nicht wussten, was wir damit machen wollten. Zwei Jahre später – ich war bereits wieder in Berlin – holten wir sie wieder hervor und mussten feststellen, dass sich unser Level und Anspruch in den Jahren doch ganz schön geändert hatte. Wir zeichneten fast alle Buchstaben neu, es entstand eine neue Livory. Diese musste dann noch einmal circa ein Jahr in der Schublade reifen, um dann 2010 in ihrer finalen Version veröffentlicht zu werden. Dafür wurde die Livory erneut überarbeitet und zu einem Pro-Font ausgebaut; inklusive Kapitälchen, 50 Ligaturen und 25 Ornamenten – das macht insgesamt 780 Glyphen pro Schnitt. Sie ist durch ihren Rhythmus und ihre Proportion zu einer idealen Leseschrift gereift. Für größere Grade stehen eine Menge besonderer Ligaturen zur Verfügung.

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