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Tag 1: Typografie im griechisch-irischen Stil – ATypI 2010 in Dublin



Nach dem Vorprogramm am Institute of Technology (siehe Bericht auf MyFonts.de) zog die ATypI-Karawane weiter zum Hauptveranstaltungsort, dem Schloss von Dublin. Dort wurde am Donnerstagabend mit der Keynote von Robert Bringhurst die eigentliche Konferenz eröffnet. Der in Kanada lebende Autor, Dichter und Typograf beginnt seinen launig-mäandernden Vortrag mit Epigraphen, also alten Inschriften, und kommt darüber auf Epiphyten zu sprechen – Pflanzen, die auf anderen Pflanzen wachsen. Diese seien Sprachen nicht unähnlich. Auch mit tierischen Parasiten oder Viren könnten Sprachen verglichen werden: sie bauen aufeinander auf und leben von ihren Vorgängern.

Griechische Texte bestanden in vergangenen Zeiten zu einem überwiegenden Teil aus Ligaturen.

Als Philologe interessiert sich Bringhurst besonders für den mehrsprachigen Satz, zum Beispiel Latein neben Griechisch. Er bedauert, dass es unter den digitalen Fonts für viele historische Epochen nicht immer einen stilistisch passenden Partner zur lateinischen Grundschrift gibt. Zum anderen kritisiert er die Tendenz, die Zeichen nicht-lateinischer Schreibsysteme innerhalb einer Schriftfamilie zu stark anzugleichen. Dies sei unnötig; solange Grundcharakter, Grauwert und Größe harmonierten, ließen sich verschiedene Schriftsysteme einwandfrei miteinander kombinieren. In der Arno etwa hat der Schriftgestalter Robert Slimbach Bringhurst zufolge die lateinischen und griechischen Zeichen zu sehr homogenisiert, das omicron orientiere sich zu sehr am o, das eta am e. So werde man dem speziellen Charakter des Schriftsystems nicht gerecht. Bei der Garamond Premier habe Slimbach dies offenbar auch eingesehen und den griechischen Zeichen eine stärkere Eigenständigkeit gegönnt. Zumindest diese Folgerung hat einen kleinen logischen Haken, hat Slimbach die Garamond doch zwei Jahre vor der Arno fertiggestellt.

Mit Buchstaben ist es wie mit den Menschen, so Bringhurst: die Großen sind austauschbar – ein lateinisches A kann auch als griechisches Alpha oder kyrillisches A durchgehen; ebenso, wie ein Däne oder Franzose König von England werden konnte. Das Volk aber ist nicht so einfach zu ersetzen – so wie die Gemeinen des Alphabets, die das Wesen eines Schriftsystems prägen.

Rimmer Syllabics – eine von Jim Rimmer gezeichnete kalligrafische Version jener Silbenschrift, die Reverend James Evans Anfang des 19. Jahrhunderts für die Sprachen der kanadischen Ureinwohner wie z.B. die Dialekte der Cree entwickelt hat.

Fibelschriften und ein Hammer-Vortrag


Am Freitagvormittag betritt Dan Reynolds die große Bühne im Dublin Castle und stellt Victor Hammer vor. Dieser 1882 in Österreich geborene Grafiker fand, dass im Kleid der römischen Schrift nur lateinische Texte richtig gut aussehen, moderne Sprachen wie Deutsch oder Englisch hätten zu viele Ober- und Unterlängen. Dem wollte er mit Unzialschriften abhelfen und die Antiqua aus deutschen Büchern verbannen. So setzte er mitten im Schriftstreit um Fraktur oder Antiqua eine ganz eigene Note. Die Schriftgießerei Gebrüder Klingspor war eine der ersten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezielt mit Künstlern zusammenarbeitete und deren Entwürfe als sogenannte Künstlerschriften herausbrachte; neben der Hammerschrift etwa auch die Eckmann- und die Behrensschrift. Nachdem Hammer in die USA emigriert war, entwarf er eine weitere solche Unzialschrift, die American Uncial (1945; wenig später bei Klinsgpor auch als Neue Hammer Unziale veröffentlicht). In den 90ern wurde sie als eine der ersten digital verfügbaren Unzialfonts dann extrem populär für sämtliche Anwendungen, die ›irgendwie keltisch‹ wirken sollten.

Dan hat einen der am besten bebilderten Vorträge der Konferenz – man kann sehen, wieviel Zeit in die Recherche am Klingspor-Museum Offenbach und anderenorts investiert wurde. Auf seinem Blog TypeOff wird Dan ebenfalls von der ATypI in Dublin berichten. Schon jetzt kann man dort einiges über Unzialschriften erfahren.

Dan erklärt, warum die meisten Versionen der American Uncial nicht als Satzschrift funktionieren: sie basieren auf Victor Hammers Zeichnungen für Initialen, also vergrößerte Anfangsbuchstaben – mit starkem Kontrast und mangelnder Zurichtung für Wörter und Zeilen. Hier sind sie in ihrem eigentlich vorgesehenen Kontext zu sehen.

Obwohl von einem Österreicher in Amerika gestaltet, wird Victor Hammers Unziale weithin als die irische Schrift schlechthin wahrgenommen – ein typografisches Klischee.


Sue Walker von der Universität Reading erforscht die typografische Gestaltung von Schulbüchern. Die Abbildung zeigt den frühesten bekannten Fall sogenannter Schulbuch- oder Infant-Zeichen aus den 1920er-Jahren. Dabei nehmen einzelne Buchstaben wie a oder g eine vereinfachte Form an, die mit der geschriebenen Schrift korrespondiert. Durch die großen Binnenformen ist es schwierig, diese Zeichen in eine Antiqua zu integrieren. Zudem wächst die Verwechslungsgefahr zwischen a und o. Lehrkräfte schwören jedoch auf die Notwendigkeit solcher Sonderglyphen. Fragt man die Kinder selbst, so sieht die Sache anders aus: Sie haben keinerlei Schwierigkeiten, beide Formen korrekt zu erkennen und zu lesen.

Briefmarken, Straßenschilder und ein typografischer Sherlock Holmes



Viele Vorträge stehen am Freitag ganz im Zeichen der typografischen Tradition Irlands. Mathew Staunton führt uns ein in die Welt der irischen Sprache und Schrift und zeigt, welche Rolle diese für das Nationalbewusstsein Irlands spielten. Da in bisherigen Modellen gälische Schriften keine Berücksichtigung finden, schlägt Michael Everson eine mögliche Klassifikation für diese irischen Sonderfälle vor. Tom Spalding spricht über zweisprachige irisch-englische Straßenschilder in der ›Rebel City‹ Cork und welche Schriftformen dafür verwendet wurden. Stephen Ferguson zeigt, wie die Gestaltung, Beschriftung und Themenauswahl der Briefmarkenausgaben Irlands benutzt wurden, um nach der in den 1920er-Jahren erlangten Unabhängigkeit die nationale Identität und Außendarstellung zu formen.

Bilinguales Verkehrsschild in Dublin



Auch die Straßenschilder sind in Dublin stets zweisprachig. Während die oberen beiden Beispiele gälische Schriftformen beinhalten, ist das untere Exemplar aus konventioneller lateinischer Schrift (mit Akzentzeichen) gesetzt. Oft sind die irischen Übersetzungen nicht konsistent, siehe Drury Street.

Neben Briefmarken kommen auch Briefkästen im Vortrag von Ferguson zur Sprache. Die roten Kästen des British Empire waren den Iren ein Dorn im Auge; im Zuge der Unabhängigkeit wurden sie grün angestrichen, um so ein sichtbares Zeiches im Stadtraum zu setzen. Königliche Symbole wie Krone und Royal Cypher wurden entfernt oder ersetzt. Bei diesem Exemplar mit den Insignien Edwards des VII. hat man es bei der Übermalung belassen.

Das ATypI-Team sorgt dafür, dass der Zeitplan eingehalten wird. Hier bedeutet eine Helferin dem Sprecher, dass er noch 10 Minuten übrig hat. Foto: Jens Kutílek


Der Historiker James Mosley hat mit kriminalistischer Akribie die Geschichte der Unabhängigkeitserklärung Irlands erforscht. Das Dokument, das Patrick Pearse während des Osteraufstands 1916 am Dubliner Hauptpostamt verlas und welches von den Auständischen nur wenige Stunden zuvor unter widrigen Umstände gedruckt worden war, gehört zu den Ikonen des irischen Unabhängigkeitskampfes. Das Motiv ist heute allgegenwärtig, sogar als Kaffeetassen-Aufdruck ist die Proklamation erhältlich. Allerdings sind die meisten dieser Reproduktionen nicht authentisch, was ihre typografische Form angeht. En detail lässt sich diese Detektivgeschichte auf James Mosleys Blog nachlesen – und sogar als Podcast anhören.

Im Druckmuseum

Nach der Keynote von Dermot McGuinne, Autor des unlängst erschienenen Standardwerks Irish Type Design: A History of Printing Types in the Irish Character, gibt es für Unersättliche noch einen Ausflug in das National Print Museum. Dort wird ein Empfang mit traditioneller irischer Musik geboten. Mehr Interesse unter den Typonerds finden jedoch die Live-Vorführungen historischer Satz- und Drucktechnologien und die Sammlung von Holz- und Bleibuchstaben.

Im Druckmuseum ist auch eines der seltenen Originale der Oster-Proklamation ausgestellt. Man beachte die Unterschiede in Zeile 4, ›Irish Republic‹, zu der in Mosleys Vortrag gezeigten Imitation. Foto: Kunihiko Okano/Shotype

Gälische Bleilettern. Foto: Kunihiko Okano/Shotype

Bembo, Plantin, Times, Univers – Ordnung ist das halbe Leben. Foto: Marina Chaccur

Foto: Jens Kutílek

Im National Printing Museum. Foto: Kunihiko Okano/Shotype

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