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Tag 2: Blumen, Bier & grenzübergreifende Zusammenarbeit – ATypI 2010 in Dublin


Seit der ATypI-Konferenz in Dublin (siehe Berichte vom Vorprogramm und Tag 1) ist bereits wieder einige Zeit verstrichen. In der Zwischenzeit wurden eine ganze Reihe von Blogartikeln veröffentlicht: Der ehemalige ATypI-Präsident Jean François Porchez schreibt auf Französisch, der aktuelle ATypI-Schatzmeister Thomas Phinney auf Englisch. Con Kennedy und Yves Peters halten kompakt Rückschau, während Dan Reynolds gleich eine ganze Artikelserie über seine Dublin-Eindrücke ankündigt, von der Teil 1 und Teil 2 schon erschienen sind. Auch ich möchte schnell meinen Bericht vom weiteren Verlauf des Symposiums nachschieben.


Der zweite Tag beginnt mit dem Auftritt von Marian Bantjes. Die Kanadierin, die sich selbst als lapsed Graphic Designer – als nicht mehr praktizierende Grafikdesignerin – sieht und sich verstärkt selbstinitiierten Projekten zuwendet, zeigt eine Auswahl ihrer bunten, oft reich verschnörkelt-verzierten Wortbilder. Manche sind sehr persönliche Werke, die Familienmitgliedern oder verflossenen Liebhabern gewidmet sind, andere sind klassische Auftragsarbeiten (meistens für Magazine und Zeitungsbeilagen, gelegentlich für Bands). Bei der Auswahl ihrer Kunden und Projekte sei sie sehr kritisch, so Bantjes. Da sie in ihrer Arbeit eine sehr direkte, beinahe intime Beziehung zu den Worten aufbaue, müsse sie Aufträge mit mies getextetem Inhalt ablehnen. Dem Vorwurf, ihre ineinander verschlungenen Buchstaben könne man nicht entziffern, entgegnet sie: »Und wenn schon? Daran wird schon keiner sterben.«

Maximalforderung aus Pfingstrosenblüten

Bei anderen Designkonferenzen mögen Selbstdarstellungen der Normalfall sein, im Kontext der ATypI mit ihren vielen thematisch fokussierten Vorträgen aber ist eine solche reine Werkschau etwas enttäuschend – insbesondere, da die Website von Marian Bantjes recht informativ ist und so wenig Neues zu erfahren ist, was man nicht auch online ansehen kann.

In Kürze wird Marian Bantjes ein Buch veröffentlichen, an dem sie die letzten anderthalb Jahre gearbeitet hat. Auf ihrer Website sind bereits ein paar Bilder zu sehen, auf Amazon kann man I Wonder vorbestellen. Foto: Marina Chaccur

Arabisch, Hebräisch, Armenisch, Gotisch und Britisch

Was für den unbedarften Laien aussehen mag wie ein Kreuzberger Bürgersteig, ist in Wahrheit eine Abbildung aus Thomas Milos Vortrag. Der Linguist und Schriftexperte, der letztes Jahr mit dem Dr. Peter Karow Award für die Entwicklung seiner Arabic Calligraphic Engine ausgezeichnet wurde, beleuchtet die Frühgeschichte der arabischen Typografie.

Yehuda Hofshi und Oded Ezer sprechen über die Wechselbeziehungen zwischen Schriftforschung und -gestaltung und stellen zeitgenössische Formen der hebräischen Schrift vor.

Es wird eng – die Teilnehmer der Podiumsdiskussion über die Vor- und Nachteile kollaborativer Schriftgestaltung, von links nach rechts: Nina Stössinger, André Baldinger, Erik Spiekermann, Martin Majoor, David Berlow und Moderator Hrant Papazian.

Nach der Mittagspause gibt es eine Programmänderung: Die Keynote des Iraners Reza Abedini muss entfallen, es geht direkt weiter mit der Gesprächsrunde Managing multiplicity. The Pitfalls and Pleasures of Collaborative Typeface Design. Leider ist dieser an sich spannende Programmpunkt mit nur 25 Minuten etwas knapp bemessen, zudem geht bei der Vorstellung aller Akteure viel Zeit verloren. Am anschaulichsten wird das Thema Teamwork im Typedesign bei dem Bericht der Schweizerin Nina Stössinger, die gemeinsam mit Hrant Papazian, einem Kalifornier mit armenischen Wurzeln, eine zwei Schriftsysteme umfassende Familie gestaltete. Das Gros der Kommunikation erfolgte dabei über E-Mail. Ernestine ist eine breitlaufende Serifenbetonte mit kessen kugelförmigen Abschlüssen. Die Schrift, die im Lauf des CAS Schriftgestaltung an der Zürcher Hochschule der Künste konkrete Formen annahm, wird zusammen mit ihrem armenischen Partner Vem bei FontFont veröffentlicht werden.

Der Aufbau des Sorbonne-Systems: die Farbbalken bezeichnen, welche Gestalter an welchen Einzelstilen mitgearbeitet haben.

André Baldinger, Leiter des Bereichs Schriftgestaltung an der ENSAD Paris, bleibt im Anschluss gleich auf der Bühne, um mit vier seiner Studenten, Timm Borg, Anthony Dathy, Perrine Saint Martin und Ok Kyung Yoon, ein weiteres Kollaborationsprojekt zu präsentieren. Die Gruppe beschäftigte sich mit dem Werk Ulrich Gerings, der um 1470 die ersten Bleisatzschriften in Frankreich schuf. Das Ergebnis: ein Schriftsystem bestehend aus einer Antiqua inkl. Kursive und Kapitälchen – und einer zeitgenössischen Gebrochenen.

Many hands make exciting work – in einem vorzüglich gestaltetem Heft wird das Sorbonne-Projekt näher vorgestellt.

Mustertext gesetzt aus der Sorbonne Gothique


In den 60ern entwarf Margaret Calvert das British Rail Alphabet, eine eng an die Helvetica angelehnte Grotesk speziell für Beschilderungen. Die Schrift, die auch in britischen Krankenhäusern und Flughäfen sowie für die Dänischen Staatsbahnen Verwendung fand, wurde nun von Henrik Kubel als New Rail Alphabet überarbeitet. Der dänische Gestalter erzählt, wie die alte Signaletikschrift zu einer digitalen Fontfamilie in sechs Strichstärken und mit breiter Sprachenunterstützung ausgebaut wurde. Einige Stile wurden so angepasst, dass sie gut mit der Slab-Serif Calvert gemischt werden können. Im Frühjahr 2011 wird Margaret Calvert übrigens einen Vortrag bei der Typographischen Gesellschaft Austria halten.

Dutch Type stürmt das Schloss


Als nächstes sind Martin Majoor und Jos Buivenga dran. Auch sie berichten von der Schriftgestaltung im Team. Die beiden Niederländer sind sich im April 2009 beim 33pt-Symposium an der FH Dortmund begegnet. Jos Buivenga zeigte dem Kollegen seine Skizzen zu einer kontrastreichen, an Rechteck-Formen orientierten Antiqua (Arbeitstitel: Squidot = Square + Didot).


Majoor ist bekannt als Verfechter der Theorie, die Akzidenz-Grotesk gehe zurück auf Serifenschriften des 19. Jahrhunderts wie Walbaum oder Didot. Er, der schon viele Schriftfamilien mit einem einzigen Formprinzip, aber mehreren Stilen (z.B. Sans- und Serifenvariante) gestaltet hat, sah die Möglichkeit, aus Buivengas Rohentwurf eine solche Sippe zu entwickeln. Es könnte ein klassizistisches Geschwisterpaar entstehen, welches anders als Walbaum und Akzidenz-Grotesk nicht nur grobe Ähnlichkeiten in Skelettstruktur und Proportion hat, sondern perfekt miteinander harmoniert. ›Nebenbei‹ würde eine Serifenlose ganz nach Majoors Geschmack abfallen: Der passionierte Helvetica-Hasser sieht moderne Groteskschriften wie Univers oder Folio nämlich als Wiedergänger der immergleichen, stupiden Grundidee. Um eine interessante und authentische serifenlose Begleitschrift zu bekommen, müsse man sie von der Serifenschrift ableiten – an den umgekehrten Weg glaubt er nicht. Gemeinsam machten sich die beiden ans Werk, nun unter der Überschrift The Questa Project.

Wie sähe die Kursive der Akzidenz-Grotesk aus, wenn sie nicht nur einfach eine geneigte Version der Aufrechten wäre, sondern von der echten Kursiven einer Serifenschrift abgeleitet worden wäre? Majoors Typedesign-Philosophie zufolge ist es prinzipiell sehr leicht, zu einer Serifenlosen zu kommen: einfach von einer Serifenschrift die Serifen abknipsen und den Strichstärkenkontrast verringern – fertig. Dafür, dass das dann auch in der Praxis so gut aussieht, sorgt das geballte Talent des Questa-Teams.

Gleich darauf folgt der nächste Niederländer: Bas Jacobs hält einen der unterhaltsamsten Vorträge des Tages. Zunächst berichtet er, wie die Zusammenarbeit im Underware-Kollektiv vonstatten geht. Da die drei Typedesigners without borders über drei Städte (Amsterdam, Den Haag und Helsinki) verteilt leben, ist der Austausch nicht immer ganz einfach. Zudem sind sie allesamt Perfektionisten; irgendeinem fällt immer noch eine Idee für eine weitere Optimierung ein. So können schon mal ein paar Jahre ins Land ziehen, bis ein komplexer Schreibschrift-Font wie Liza Pro endgültig reif zur Publikation ist. Mit viel Witz und einer Portion Selbstironie führt Bas Jacobs einige von Lizas vielen OpenType-Funktionen vor, etwa den Penetrator, der die Verteilung von Anfangs- und Endvarianten steuert, oder das Out-of-ink-Feature, welches die realen Bedingungen des Schreibens imitiert: nach einer gewissen Anzahl von Strichen ist die Tinte alle, der Fluss der verbundenen Schrift wird unterbrochen. Auf der Underware-Website lässt sich dieses fein austarierte Spiel aus Zufälligkeit und Cleverness genauer studieren.

Liza Pro enthält für jeden Buchstaben zahlreiche Alternativformen, die durch intelligente OpenType-Programmierung automatisch eingesetzt werden und so für ein handgeschrieben wirkendes Schriftbild sorgen.

Prozessvisualisierung à la Underware: Viele Köche verderben zwar nicht den Brei, machen es aber sehr abenteuerlich, von A nach B zu gelangen – um am Ende festzustellen, dass das Ziel eigentlich C ist (nicht im Bild).

Bas Jacobs mit dem Book of war, mortification and love. Foto: Kunihiko Okano/Shotype

Im zweiten Teil erzählt Jacobs von einer anderen Episode des voluntary suffering: Eigentlich wollten er und seine Underware-Kollegen nur ein schönes Musterbüchlein machen, um ihre Fakir angemessen zu präsentieren. Doch Ruud Linssen, ein befreundeter Dichter, den sie um Texte gebeten hatten, nahm die Aufgabe ernst – sehr ernst. Nach zwei Jahren war er immer noch damit beschäftigt; das Schreiben der Essays hatte sich zu einer wahren Obsession ausgewachsen. Als der Inhalt endlich fertig war, lag es nahe, das Motiv des freiwilligen Leidens auch in der Produktion des Buches aufzugreifen. So wurde das Book of war, mortification and love mit dem Blut des Autors gedruckt. Doch um an das Blut zu gelangen, musste zunächst ein Arzt gefunden werden, der bei diesem unmedizinischen Unterfangen mitmacht. Und dann unterläuft dem Drucker beim Ausschießen der Druckbögen ein Fehler – eine unglaubliche Geschichte mit endlosen Wirrungen.

Große Unterhaltung am Samstagabend

Schriften sind Ellen Luptons Liebessklaven. An Martin Majoor gewandt verrät sie »Scala is my favorite love slave …«

Höhepunkt des Abends ist dann der Auftritt von Ellen Lupton. Die US-amerikanische Schriftstellerin, Designerin, Kuratorin und Kritikerin schafft es, die vielen vorangegangenen Redner nochmals zu toppen. In ihrem mitreißenden, mit zahlreichen ihrer Malereien treffend illustrierten Vortrag geht es um die Zukunft des Buches und des Lesens. Dabei wirft die eloquente Autorin diverser Fachbücher die Frage auf, welche Rolle dabei eigentlich dem Designer zukommt: ist er selbst Autor – oder am Ende gar Popstar?

Anschließend geht es zur Dinnerparty im Guinness Storehouse. Foto: Kunihiko Okano/Shotype

Doch selbst beim wohlverdienten Feierabendbier können die Typemaniacs nicht von ihrem Thema lassen und fachsimpeln über die Lang-s-rund-s-Kombination in Arthur Guinness’ Unterschrift!

Außerdem in dieser Reihe erschienen:

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