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Letter(s) from Dublin / Paradox Alg(i)er(s)


Diese Woche kommt in Dublin die internationale Typografieszene zusammen, um sich auf dem Jahrestreffen der ATypI auszutauschen (siehe Ankündigung auf MyFonts.de). Für mich ist es die zweite ATypI-Konferenz nach 2007 im englischen Brighton. Ich freue mich auf fünf Tage voller interessanter Vorträge und auf das Zusammentreffen mit alten wie neuen Freunden und Kollegen, von denen ich manchen bislang nur im Internet begegnet bin. Hier kann ich mich nun direkt mit ihnen unterhalten – bei einem Pint Guinness. Für alle, die nicht nach Dublin reisen konnten, will ich an dieser Stelle ein wenig berichten.

The Spire, seit 2002 das neue architektonische Wahrzeichen Dublins, ragt über 120 Meter hoch in den wolkenverhangenen Himmel.

Dublin ist die Hauptstadt der Republik Irland und hat, das Umland mit eingeschlossen, knapp 1,4 Millionen Einwohner. Trotzdem erscheint die Stadt, die von West nach Ost vom River Liffey durchzogen wird, eher gemütlich und überschaubar. Es gibt kaum Gebäude, die höher als 3 oder 4 Stockwerke sind. Alle Veranstaltungsorte der ATypI sind rund um das Zentrum gelegen und zu Fuß erreichbar. Gezahlt wird in Irland mit dem Euro. Dank der unterschiedlichen Steckdosen und des Linksverkehrs ist für den Besucher aus Kontinentaleuropa dennoch für ausreichend Exotik gesorgt.

Das irische Herbstwetter wird seinem Ruf gerecht: es regnet jeden Tag. Zwischendurch aber kommt immer wieder die Sonne heraus und zeichnet Regenbögen wie aus dem Bilderbuch.


Gleich bei der Ankunft am Flughafen fällt auf, dass Irland ein zweisprachiges Land ist: neben der allgemeinen Verkehrssprache Englisch gibt es auch das ursprüngliche Irisch (oder Gälisch). Dieses spielt als gesprochene Sprache zwar nur eine untergeordnete Rolle. Visuell ist es aber sehr präsent, da Straßenschilder, Wegweiser und andere offizielle Hinweistafeln stets zweisprachig abgefasst sind. Der Buchstabenfreund merkt natürlich sofort, dass sich das Irische nicht nur sprachlich, sondern auch typografisch unterscheidet: es kennt viele Akzentzeichen und besondere Versalformen, die wie vergrößerte Kleinbuchstaben aussehen. Auch Binnenversalien (also einzelne Großbuchstaben innerhalb eines Wortes) kommen vor. Ich bin gespannt, bei den Konferenzbeiträgen zur irischen Typografiegeschichte mehr darüber zu erfahren.


Letters from Dublin

Auch jenseits der irischen Sprachbesonderheiten gibt es im Stadtraum eine reiche Formenvielfalt von Beschriftungen zu entdecken. Hier ein paar Eindrücke:

Das Kleeblatt und die Harfe sind zwei der bekanntesten irischen Nationalsymbole.

Ein mit wenig Feingefühl für seinen architektonischen Kontext angebrachtes Firmenschild, in einer Zahnpastaschrift. Immerhin stellen die Löwen mit ihren aufgerissenen Mäulern einen inhaltlichen Bezug her.

In Schottland heißt es Whisky, in Irland Whiskey.

Bei den Beilagen macht die irische Fastfood-Cuisine keine Experimente.



Tiefer Griff in die Effektkiste: dreidimensional erscheinende Goldlettern mit zusätzlichem Schattenwurf





Verena Gerlach: Paradox Alg(i)er(s)


In der Capel Street Nr. 100 ist The Factory Space zu finden. In diesem von der Agentur Design Factory geführten Ausstellungsraum fand am Dienstag Abend der Auftakt zur ATypI statt. Verena Gerlach zeigt Plakate, die sich kritisch mit Algier (frz. Alger, engl. Algiers) und der Situation im sich zunehmend von der Außenwelt abschottenden Algerien beschäftigen.

2009 folgte Verena einer Einladung des Goethe-Instituts Algerien, an der Kunsthochschule zwei Workshops zu veranstalten. Durch ihre Aufenthalte in Algier wurde ihr bewusst, wie die Lebensbedingungen in einer Diktatur sind. Das Paradox: Algier ist eine wunderschöne Stadt, mit liebenswerten Einwohnern, einer faszinierenden Kultur und herrlichem Klima. Es könnte ein perfekter Ort sein, wäre da nicht die staatliche Repression. Fotografieren gilt als verdächtig, insbesondere, wenn es sich nicht um die typisch touristischen Motive handelt, sondern um Schrift im öffentlichen Raum. Beinahe wäre Verena bei ihrer harmlosen Bildrecherche verhaftet worden. Im ersten Workshop wurde sie zensiert, der zweite wurde gar von Seiten der Regierung komplett gestoppt.

Abbildung: Verena Gerlach

Unter diesen Eindrücken beschloss Verena, eine Plakatserie im Siebdruck zu gestalten. Die Ergebnisse sollten sowohl in Deutschland als auch in Algerien gezeigt werden. Was also darstellen? Nette, unverfängliche Touristik-Motive – oder doch die ungeschminkte Realität der Unterdrückung? Die Antwort lag in einer Doppellösung: es gibt zwei Plakatreihen, eine für Algerien, eine für Deutschland. Die für Algerien bestimmte ungeschwärzte Grundlage zeigt die schöne heile Welt, die der Staat gerne sieht – die in Wirklichkeit aber gar nicht existiert. Die mit einer schwarzen Ebene überdruckte, ›zensierte‹ Variante dagegen ist jene, die die Wahrheit offenbart.

Als Schriftgestalterin benutzt Verena selbstverständlich gerne ihre eigenen Entwürfe. Hier ist es die FF Chambers Sans mit ihren ausgefallenen Schwungversalien. Weiter oben (für den Titel) ist auch die PTL Vielzweck zu sehen.

Im Gespräch: John D. Berry, Präsident der ATypI, und Conor Clarke, Leiter des Factory Space


Die Ausstellung Paradox Alg(i)er(s), in der neben der Algerien-Arbeit auch weitere Plakate und Bücher von Verena Gerlach zu sehen sind, läuft noch bis 24. September 2010. Heute um 13 Uhr findet eine Führung statt.

Außerdem in dieser Reihe erschienen:

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