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PreFace: Lesbarkeit, Webfonts und Jim Rimmer – ATypI 2010 in Dublin


Veranstaltungsort des PreFace ist das Dublin Institute of Technology. Dicht gedrängt lauschen die Teilnehmer dem in Titel wie Schriftart an Woody Allen angelehnten Vortrag von Adam Twardoch, Was Sie noch nie über Fontproduktion wissen wollten und bisher nicht zu fragen wagten.

Traditionell gehen der eigentlichen ATypI-Konferenz zwei Extratage mit Vorträgen und Workshops voraus, die sich tendenziell an eine kleinere Zielgruppe richten. Bislang war dieses Vorprogramm meist als TypeTech überschrieben und den technischen Aspekten der Fontproduktion gewidmet. In Dublin hat man es PreFace genannt und trägt damit der Sache Rechnung, dass nun auch andere Spezialthemen wie Lesbarkeitsforschung und Designausbildung eine Rolle spielen, die sich nicht unter dem Begriff Technik subsummieren lassen. Kritische Stimmen bemängeln die Verwischung der zuvor klar umrissenen Programmteile; einer Technikplattform für Produzenten und einer Hauptkonferenz für das allgemeine Publikum aus Schriftgestaltern, Typografen und Grafikdesignern. Der Erfolg scheint den Organisatoren aber Recht zu geben: selten war ein Vorprogramm so gut besucht.


Da beim PreFace wie auch bei der Hauptkonferenz mehrere Veranstaltungen parallel stattfinden, sollte man sich im Vorfeld anhand des Programmheftes schlaumachen, um individuell zu entscheiden, welchen Vorträgen man jeweils beiwohnen will. Das zweifarbig gedruckte Büchlein, das neben Zeitplan und Kurzbeschreibungen auch einige Extras wie einen Stadtplan enthält, wurde von Clare Bell und Brenda Dermody gestaltet und in der Scala gesetzt.

Im großen Hörsaal beginnt der erste Tag mit einer Reihe von Beiträgen zum Thema Lesbarkeit. Kevin Larson, der als Psychologe bei Microsoft Lesetechnologie erforscht, macht den Anfang und erläutert, wie sich in den letzten Jahren das Verständnis von Dyslexie, also Lese- und Rechtschreibschwäche verändert hat. Dyslexische Kinder haben zum einen Schwierigkeiten mit der richtigen Buchstabenfolge und zum anderen mit der Ausrichtung der Buchstaben; so schreiben sie saw statt was und verwechseln b mit d.


Lange ging man davon aus, dass dies ein Problem der visuellen Wahrnehmung sei und durch die Dominanz einer Hirnhälfte ausgelöst wird. Allerdings kommt es häufiger zu Verwechslungen von b und p als zwischen dem direkten Spiegelpaar b und d. Dies lässt darauf schließen, dass Dyslexie etwas mit Lauten zu tun hat. Auch fand man heraus, dass Kinder, die die Buchstaben b d p q präsentiert bekommen, beim Vorlesen Fehler machen, sie die gezeigten Buchstabenformen aber problemlos niederschreiben können. Eine weitere Studie ergab, dass Kinder, denen es mit 4 Jahren schwer fällt, aus einer Reihe von Worten jenes mit einem abweichenden Anfangs- oder Endlaut herauszufinden (z.B. Ball, Bier, Post, Bus), mit 7 Jahren zu den schlechten Lesern zählen. Als effektivstes Mittel zur Behandlung hat sich folglich die Förderung von Lautbewusstsein erwiesen. Die Erkenntnis für Typedesigner: spezielle Schriftarten bringen hier keine Abhilfe. Andererseits können eindeutige, schwer verwechselbare Formen auch nicht schaden – und sind für alle von Vorteil.

Als nächste Rednerin folgt Ann Bessemans aus Belgien. Sie versucht, den oft schwammig verwendeten Begriff Lesbarkeit genauer zu fassen. Die englische Sprache unterscheidet zwischen Legibility – welche sich auf die Erkenn- und Unterscheidbarkeit und damit auf die Details einzelner Buchstabenformen bezieht und mit Leserlichkeit übersetzt werden kann – und Readability, welche mehr mit dem Gesamtkontext von Typografie (Zeilenlänge, Durchschuss, Schriftgrad etc.) und Rahmenbedingungen wie Beleuchtung zu tun hat und als Lesekomfort zu verstehen ist. Sie stellt die Forschungsmethoden von Ole Lund vor, der die Legibility mit dreierlei Ansätzen untersucht: Zu den experimentellen Performancestudien zählen die Aspekte des kontinuierlichen Lesens (Lesegeschwindigkeit, Augenbewegung, Blinzelrate), die Erkundung der Wahrnehmungsschwelle (unterschiedliche Anzeigedauer und Distanz) und Suchaufgaben, bei denen ein Buchstabe unter anderen gefunden werden soll. Daneben gibt es Studien zu subjektiven Präferenzen und zur Topologie von Schriftarten. Zum Ende gibt Ann ihre Definition des L word: »Lesbarkeit ist die Leichtigkeit bzw. Geschwindigkeit, mit der visuelle Symbole entschlüsselt werden.«

Ann Bessemans hat ihren Vortrag mit liebenswerten Zeichnungen illustriert – hier das Bild zu den persönlichen Vorlieben.

Im Vortrag von Ching Suen, Leiter des Centre for Pattern Recognition and Machine Intelligence an der Concordia University im kanadischen Montréal, soll es eigentlich um die Lesbarkeit von Fonts gehen. Da die vorgestellten Studien aber offenbar keinen Unterschied zwischen Maschinenlesbarkeit (optische Zeichenerkennung) und dem menschlichen Lesen machten und nicht klar wird, welche typografischen Parameter außer der Schriftart an sich berücksichtigt wurden (Zurichtung, Zeilenlänge und -abstand, Reproduktion etc.), ist der Nutzen für die anwesenden Gestalter gering. Obendrein gibt es einige Verwirrung um Fachbegriffe; so wird etwa die Frutiger als Serifenschrift eingeführt oder die Helvetica als monospaced (dicktengleich) bezeichnet – gemeint ist vermutlich monolinear (strichstärkengleich). Fragwürdig auch das Resultat, dass die Frutiger in puncto Maschinenlesbarkeit deutlich besser abschneidet als die ebenfalls von Adrian Frutiger extra für diesen Zweck entworfene OCR-B. Wertvoll ist bei diesem Vortrag nur die Erkenntnis, wie sehr es doch oft an Austausch und gegenseitigem Verständnis zwischen der Welt des Grafikdesign und der Wissenschaft mangelt.

A breast is secured to one cup of the typeface widely

Bei Hyun-Guk Ryu liegt das Problem woanders: Ihm können die Teilnehmer nicht folgen, weil das Englisch des in Japan lehrenden Koreaners weitgehend unverständlich ist. Selbstverständlich ist das nicht die Schuld des Referenten, hier sehe ich vielmehr die Veranstalter in der Verantwortung. Wenn selbst ein vergleichsweise kleiner Event wie das Biennale-Symposium in Brno es schafft, eine Live-Übersetzung vom Japanischen ins Tschechische und Englische bereitzustellen, so sollte eine simple Übertragung ins Englische bei einem hochpreisigen Symposium wie der ATypI selbstverständlich sein. So bleiben die – inhaltlich sicherlich interessanten – Ausführungen schleierhaft, da können auch die projizierten Folien mit typografischen Babelfish-Haikus nicht helfen.

Crowding – ein Wahrnehmungsphänomen mit Relevanz für Schriftgestalter und Typografen. Abbildung: Eben Sorkin

Eben Sorkin hat eine Aufgabe für das Publikum mitgebracht: Starre auf den grünen Punkt in der Mitte. Nun sage, welcher Buchstabe links zu erkennen ist. Fixiere weiterhin den grünen Punkt. Welche Buchstabe befindet sich in der Mitte der rechten Gruppe? Anhand dieser simplen Übung erklärt der US-amerikanische Designer sehr anschaulich, was es mit dem Phänomen des Crowding auf sich hat. Obwohl die beiden Buchstaben in Form und Größe identisch sind und gleich weit vom Fixationspunkt entfernt sind, ist der alleinstehende recht einfach, der von anderen umgebene dagegen fast unmöglich auszumachen.

Georg Seifert lässt es sich auch am weit fortgeschrittenen Abend nicht nehmen, interessierten Kollegen sein innovatives Font-Entwurfsprogramm Glyphs vorzuführen.

Foto: Jens Kutílek

Ivo Gabrowitsch, Marketingleiter bei FontShop International, begrüßt am Donnerstag Morgen die Ära der Webfonts und verabschiedet sich von der typografischen Monotonie im Netz. Dank jüngster Fortschritte bei den Browsern stehen die immergleichen Verdana, Georgia und Arial nun vor ihrer Ablösung. Durch neu entwickelte Formate wie WOFF und Dienstleister wie Typekit können Webdesigner endlich auf eine ganze Font-Vielfalt zugreifen. Ivo erklärt, was das für die Lesbarkeit von Websites bedeutet und wie Fonts online effektiv eingesetzt werden können. Auch zeigt er, welche technischen Vorkehrungen getroffen werden müssen, um aus Printfonts gute Bildschirmfonts zu machen.

Hier sieht man, wie die manuelle Bearbeitung der Hinting-Informationen in Fontlab aussieht. Abbildung: Ivo Gabrowitsch


Gerben Dollen widmet sich einem Problem, das jeder Typograf kennt: in Adressen, Produktnamen oder Bestellcodes treffen oft eine Reihe von Großbuchstaben und Ziffern direkt aufeinander. Bei Versalziffern stechen diese ›alphanumerischen Wörter‹ übermäßig hervor, bei Mediävalziffern ergibt sich ein unruhig tanzendes Bild. Was also tun? Der niederländische Reading-Absolvent hat für seine demnächst erscheinende Actium-Schriftfamilie eine Lösung ersonnen: der OpenType-Code Smart Capo™ erkennt automatisch die problematischen Zeichenfolgen und ersetzt sie durch speziell gezeichnete mid caps (also Kapitälchen, die etwas größer als die x-Höhe, aber kleiner als echte Versalien sind) und passende, gleichhohe Ziffern.


Tim Ahrens stellt das Thema Webfonts aus der Sicht der Foundries vor: Wie können Schriften fürs Web angeboten werden? Was ist bei der Herstellung zu beachten? Welche Formate müssen bedient, welche Sicherheitsvorkehrungen gegen ›versehentlichen‹ Fontklau können getroffen werden? Gewohnt souverän liefert der in England lebende Deutsche einen Vortrag, der in Informationsgehalt und Klarheit zu den besten der Konferenz zählt. Sowohl Tim als auch Ivo werden am 13. November beim Münchner Webfontday sprechen.


Das Highlight des PreFace-Teils ist für mich die Vorführung des Films Making Faces: Metal Type in the 21st Century, einer 40-minütigen Dokumentation über den kürzlich verstorbenen Jim Rimmer. Mit der Kamera begleitet Richard Kegler seinen Typedesign-Kollegen bei der Entstehung von RTF Stern, der wohl einzigen Schrift, die gleichzeitig als Bleisatzfont und in digitaler Form veröffentlicht wurde. Von den ersten Skizzen über die Reproduktion mit dem Pantographen (mittels von Hand ausgeschnittener Vorlagen) bis hin zum Guss der Bleilettern bzw. der Digitalisierung mit dem Ikarus-System werden alle Arbeitsschritte in Rimmers Werkstatt filmisch festgehalten und mit beschwingter Jazzmusik kongenial unterlegt. Ein Trailer ist auf der Website des Projekts zu sehen.

Außerdem in dieser Reihe erschienen:

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