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Creative Characters: Melle Diete


Creative Characters ist MyFonts’ beliebte Reihe monatlicher Interviews mit herausragenden Schriftgestaltern. Zum vierten Mal erscheint eine deutschsprachige Version: diesen Monat präsentieren wir Melle Diete.

Foto: Christoph Bartholomäus

Ihre Schrift Mary Read war eine von Typographicas Favorite Typefaces Of 2008; in den drei Jahren seit diesem ersten Erfolg hat sie weitere Schriften veröffentlicht, die gleichzeitig witzig und brauchbar sind. Darüber hinaus ist sie eine talentierte Illustratorin und arbeitet außerdem als Schriftgestalterin für LucasFonts, dem Berliner Studio von Luc(as) de Groot. Nach einer Reihe von Schriften, die eine schöne Mischung aus frivol und gut gemacht darstellen, brachte sie vor kurzem die klare, robuste Gingar-Familie heraus, die in den letzten Wochen langsam aber sicher unsere Liste der Hot New Fonts erklimmt. Dürfen wir vorstellen: Melle Diete aus Berlin. Erfrischend anders.

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Du hast in Potsdam Visuelle Kommunikation studiert. Was hast Du Dir erhofft, dort zu lernen? Und hast Du gefunden, was Du suchtest?

Vor dem Studium habe ich in einer kleinen Kreativagentur als Mediengestalterin gearbeitet. Typografie war mein Steckenpferd. Die Arbeit dort war sehr angenehm, ich hatte sehr tolle Kollegen und war mit den typografischen Aufgaben in der Agentur betraut. Doch nach ein paar Jahren hatte ich das Gefühl, ich müsste mich mal wieder weiterentwickeln, der Kokon war zu eng geworden. Also habe ich mich für das Designstudium an der FH Potsdam eingeschrieben – und tatsächlich gelang es den Professoren und Professorinnen dort, mich aufzubrechen. Ganz neue, kreative Welten eröffneten sich: back to the roots – zurück zu Stift, Pinsel, Kreide usw.

Seit Deinem Abschluss hast Du in kurzer Zeit mehrere beachtliche Schriften veröffentlicht. Gleichzeitig bist Du aber auch eine Illustratorin mit einem ganz eigenen Stil. Was kam zuerst, und wie bist Du vom einen zum anderen gelangt?

Eigentlich kam die Illustration zuerst. Ich zeichnete Menschen, Situationen und Träume – und irgendwann auch Buchstaben. Und aus diesen machte ich dann ganze Alphabete. Ich brauchte genau ein Jahr, bevor ich mich traute, den Typedesign-Kurs von Luc(as) de Groot zu besuchen. Um mich zu qualifizieren, entwickelte ich im Vorfeld eine eigene Schrift, die Mortelle. Im Laufe des Kurses hab ich dann gleich drei Schriften gemacht, statt nur der einen geforderten. Ja, ja, ich war sehr eifrig …

Drei Gouache-Zeichnungen von Melle Diete: Bird, See und The Big L.

Als freie Mitarbeiterin von LucasFonts arbeitest Du jetzt regelmäßig mit Deinem ehemaligen Professor Luc(as) de Groot zusammen. Was sind die wichtigsten Dinge, die Du von ihm gelernt hast, und was macht es für Dich interessant, dort zu arbeiten?

Luc hat mich von Anfang an begleitet, er war sogar schon in meiner Eignungsprüfung. Von ihm habe ich im Laufe meines Studiums unglaublich viel gelernt, ich danke ihm sehr dafür. Er hat mich mit den Lehren von Gerrit Noordzij und Rosemary Sassoon bekannt gemacht. Er half mir, mein Auge zu schulen und Buchstabenformen nach der holländischen Art zu analysieren. Auch heute habe ich noch nicht ausgelernt – es ist eine ewige Reise.

Besonders interessant an der Arbeit bei LucasFonts ist der Austausch. Einerseits mit Luc(as): Manchmal spielen wir eine Art Ping Pong und wechseln uns ab. Andererseits mit meinen lieben Kollegen, Jan Fromm, Elena Albertoni und Sylvain Mazas. Wir zeigen uns neue Arbeiten und beraten uns. Aber auch die Art der Jobs ist interessant. Eine Zeit lang habe ich an der Logoschrift für die Taz gearbeitet und neulich hab ich Obst- und Gemüsesymbole für Miele mitgestaltet. Das war sehr angenehm, weil ich neben den Kurven für Buchstaben auch mal meine illustrative Ader einbringen konnte.

Drei Seiten aus Melle Dietes Kalender für 2012.

Lass mich auf die erwähnte holländische Art des Schriften-Analysierens zurückkommen. Diese »holländische Art« ist fast zu einer Art Mythos geworden. Viele haben keine Ahnung, um was es dabei eigentlich geht. Kannst Du darauf etwas ausführlicher eingehen?

Die Niederländer sind ganz allgemein betrachtet erstmal sehr weit, was das Verständnis um die Notwendigkeit von Grafikdesign betrifft. Wenn man durch die Niederlande fährt, sieht man kaum so etwas wie eine schlechte Beschriftung, nahezu alles ist durchgestaltet – sehr angenehm. Und in dieser Designlandschaft spielen Schriften natürlich eine ganz besondere Rolle. Daneben sind die Niederländer recht weltoffen. Bei LucasFonts im Büro spiegelt sich diese Internationalität wieder: Es gibt eine Italienerin, einen Franzosen, einen Russen, einen Estländer, eine Argentinierin und drei Deutsche. Mit Buchstaben und Kurven werden hier sozusagen Sprachen miteinander verbunden.

Doch um die Frage ganz genau zu beantworten, komme ich auf die Art zu sprechen, wie Schriften klassifiziert werden. Eigentlich unterteilt man Schriften in viele verschiedene Kategorien, die mit Stil und Merkmalen der jeweiligen Zeit zu tun haben, in der sie entstanden sind: humanistische Antiqua, klassizistische Antiqua usw. Luc hat bei mir mit dieser herkömmlichen Formengeschichte aufgeräumt, von dem Prinzip ausgehend, das sein Lehrer Gerrit Noordzij ersonnen hat. Sämtliche Schriftarten werden ausschließlich nach ihrer Kontrastart unterschieden: Expansion (basierend auf der Spitzfeder) oder Translation (der Breitfeder). Damit lässt sich eigentlich alles problemlos einordnen. Das ist sehr praktisch und, in der Weise, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, erscheint es mir als typisch holländisch.

Was magst Du an den Schriften von Luc(as) besonders?

Sie sind formvollendet, die Kurven sitzen perfekt. Auf die Einheit genau. Außerdem sind die Fonts sehr gut produziert. Eigentlich gibt es so etwas wie eine perfekte Schrift nicht, es gibt immer noch etwas zu verbessern. Doch die von Luc(as) sind sehr, sehr nah dran. Außerdem mag ich die feminine Seite an ihnen und natürlich den typischen d-Bogen. Lovely.

Die neue Version von Mary Read heißt Mary Read Italic, hat aber die gleichen Grundformen der Original-Mary. Nur die Versalien sind neu und Melle hat mehr Strichstärken und schnörkelige Wahlformen hinzugefügt.

Als Du Dich mehr auf Schriftgestaltung konzentriert hast, hast Du in diesem Bereich bestimmt auch Helden oder Vorbilder gefunden. Wen bewunderst Du?

Emigre und Underware sind meine absoluten Helden. Ich liebe die jüngeren Sachen von Zuzana Licko, Filosofia ist mir heilig. Und bei Underware sind neben ihren Fonts ihre Workshops sehr spannend, da entstehen immer tolle Dinge. Pioniere im Typedesign! Sie schaffen es, ganze Klassen mitzureißen und zu begeistern. Was mich an ihren Workshops fasziniert, ist die Kombination von Alltag und Schrift. Dort werden Buchstaben aus Büchern und Einkaufswägen gebaut oder mit Schattenwürfen gemacht. Anschließend werden sie dann auf höchstem Niveau digitalisiert – berauschend. Besonders spannend an Underware finde ich das Teamwork, welches es erst ermöglicht, solche wahnsinnig tollen Schriften zu schaffen.

Vor einigen Monaten präsentierten zwei Berliner Designerinnen, die beide in Potsdam studiert haben, am selben Tag ihre phantasiereichen, von Bodoni inspirierten Schriften auf MyFonts: Du Deine Anne Bonny, Ulrike Wilhelm ihre LiebeDoni. Warst Du überrascht? Meinst Du, es gibt eine gewisse Logik hinter dieser gemeinsamen Inspirationsquelle?

Das war tatsächlich ein große Überraschung. Doch andererseits: Sowas passiert ganz einfach und eigentlich wundert es mich auch nicht. Ich habe mehrere Jahre intensiv an der Anne Bonny gearbeitet und kreative Gedanken in den Äther fließen lassen. Ulrike Wilhelm hat das Gleiche mit ihrer LiebeDoni getan. Ich glaube an die geistige Welt, an Energien, das Unsichtbare. Auch wenn wir nicht aus der gleichen Stadt kommen würden, hätte das passieren können – Über­schneidungen im Äther. Und ich behaupte, dass Bodoni ein großes Vorbild für quasi jeden Schriftgestalter ist. Ist halt zum Klassiker avanciert. Es liegt also besonders nahe, damit etwas Neues zu probieren. Und man wird feststellen, dass beide Arbeiten doch sehr unterschiedlich aufgefasst und umgesetzt wurden. Mein Interpretation ist etwas schmaler ausgefallen. Bei ihr gibt es noch eine lichte Variante – ich mag die verspielte Leichtigkeit der LiebeDoni. Ich bin schon auf Ulrikes nächstes Projekt gespannt.

Es gibt Schriftgestalter, die nur Fonts machen mit sauberen, klaren Linien; andere sind auf Schriften spezialisiert, die spontan und handgemacht aussehen. Du machst beides. Braucht man zum Gestalten einer Schrift wie der Gingar eine andere, erwachsenere Einstellung oder Geisteshaltung als für die Mary Read?

Mary Read war eine meiner ersten Schriften. Damals war ich noch ganz frisch im Typedesign unterwegs, ungezügelt, sehr frei und vielleicht ein bisschen naiv, was nicht negativ gemeint ist. Mary Read ist meine junge Wilde. Gingar, mein neues Baby, trägt dagegen die Erfahrung von nun acht Jahren Typedesign in sich. Ich hab viel gelernt in dieser Zeit. Und ja, es braucht ein gewisses Maß an Erfahrung, um eine Schrift wie die Gingar zu entwickeln. Bei dieser Schrift hat mich was ganz Neues gereizt: Ich wollte ausprobieren, wie groß die Spannweite zwischen einer Extralight und einer Ultrablack sein kann. Kontrast mal auf eine ganz andere Weise angehen. Das Weibliche und das Männliche vereinen. Die Gingar wird übrigens Teil eines Vortrags sein, zu dem mich die Typographische Gesellschaft München eingeladen hat.

Die frisch erschienene Gingar: eine klare Egyptienne-Variante in einer extremen Bandbreite von Strichstärken, von federleicht bis elefantös.

Eine Deiner aufwändigsten Veröffentlichungen ist die Schreibschrift Fidelia. Wie ist sie zustande gekommen?

An der Fidelia Script habe ich fünf Jahre gearbeitet. Sie entstand, wie fast alle meine Schriften, im Skizzenbuch mit schwarzem Fineliner. Meine Hauptabsicht bestand darin, viel Schwung und Lebendigkeit in die Kurven zu bringen. Und sie sollte eine Spielwiese bieten, mit vielen typografischen Features. Es steckt viel Liebe zum Detail drin, was man auch an den zahlreichen Ornamenten erkennen kann. Eine passende Antiqua dazu ist in Arbeit.

Fidelia, Melle Dietes flamboyante Kursive, bekommt bald einen Tanzpartner: Die aufrechte Antiqua ist schon in Arbeit.

Als freie Illustratorin warst Du bereits für verschiedene Auftraggeber tätig. Was für Aufgaben hattest Du in der letzten Zeit, neben Deiner Arbeit für LucasFonts und Deinen eigenen Schriften?

Meine letzte Arbeit war für Scholz & Friends, Berlin. Sie brauchten neue Et-Zeichen (&) für die kursiven Schnitte der ITC Legacy. Die vorhandenen waren ihnen zu illustrativ. Außerdem habe ich gerade Illustrationen für eine Filmtitelsequenz erstellt, im Auftrag von PAQT, Berlin.

Du lebst und arbeitest in Berlin, momentan wahrscheinlich europaweit die Stadt mit den meisten aktiven Schriftgestaltern pro Kopf. Es gibt eine aktive Szene, Kongresse, einen Typostammtisch. Ist es wichtig für Dich, daran teilnehmen zu können? Ist diese Typowelt für Dich überhaupt stimulierend?

Ich schätze diese Typowelt und nehme sie auch gelegentlich wahr, aber wirkliche Inspiration ziehe ich aus meinem Alltag und den kleinen Dingen um mich herum. Der Alltag kann ziemlich bunt sein in Berlin. Inspirationsquelle ist es für mich, durch die Straßen zu ziehen oder im Café zu sitzen, mit dem Skizzenbuch in der einen Hand, den Milchkaffee in der anderen. Ich mag Hintergrundgeräusche, die haben etwas Beruhigendes. Und ich mag die emsige Geschäftigkeit von Menschen. Ab und zu lerne ich Leute kennen, die ebenso am Fenster des Cafés sitzen und skizzieren, das verbindet und ist sehr spannend. Denn es gibt viele Kreative in Berlin, und es ist immer wieder schön zu sehen, was manche so auf die Beine stellen. Austausch begünstigt Wachstum. Viele Freunde von mir haben Gleiches oder Ähnliches studiert, auch hier finden regelmäßige Updates statt. Oder mehr: Eine Freundin und liebe Kollegin von mir, Antonia Offizier Pereira, wohnt im gleichen Haus wie ich. Wir haben einen besonders schönen kreativen Alltag zusammen und rockten schon so manchen Job. Sie ist eher auf Plakate spezialisiert und freut sich natürlich immer, wenn sie als erste meine neuen Schriften probieren kann. Wir leben in so einer Art Hausgemeinschaft in Schöneberg, alle kennen sich, wir kochen zusammen, sitzen in unserem Garten: Musiker, Schauspieler, Designer, Sportler usw.

Ich finde übrigens, dass es bei MyFonts eine Sparte für jede Schrift geben müsste, in der die Leute eigene Arbeiten mit den Schriften hochladen könnten. Mich würde zum Beispiel brennend interessieren, was jemand in Japan mit Schriften wie Mary Read oder Anne Bonny gestaltet. Aber auch die anderen Länder sind spannend. Ich liebe es zu reisen, und so tun es auch meine Schriften.

Schrift machen ist in den letzten Jahren eine sehr beliebte Aktivität geworden: Tausende von jungen Leuten präsentieren auf Blogs und Websites ihre neuen Fonts, Schriftzüge und Buchstabenbilder. Was hältst Du von dieser Entwicklung: spannend, oder des Guten zuviel?

Allgemein gesagt finden ich eine gute Ausbildung immer wichtig, egal in welchem Beruf, ebenso wie eine Leidenschaft für das, was man tut. Man erkennt da schon Qualitätsunterschiede. Ich kann den Wettbewerb, die Kreativität und das Interesse für diesen doch oftmals unterschätzten Berufszweig grundsätzlich nur willkommen heißen, ich freue mich über Dich diese gesteigerte Aufmerksamkeit. Allerdings gehört zum langfristigen Erfolg und Bestehen auf dem Markt viel Schweiß, ein tadelloses Handwerk sowie eine gute Portion Professionalität – das sind letztlich die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Es gibt in der Grafikwelt viele talentierte Leute wie du, die irgendwie von Schriftvirus befallen sind, die aber noch nichts veröffentlicht haben (und die sich vielleicht gerade fragen, ob sie sich spezialisieren sollten). Was würdest du ihnen raten?

Ich habe auch eine Freundin, die wahnsinnig tolle Schriften macht, die bisher aber noch nicht veröffentlicht wurden. Leider. Es liegt daran, dass das Schriftenmachen sehr viel Zeit schluckt und der Anspruch natürlich hoch ist. Ausdauer ist da wichtig. Was rate ich? Weiter machen!

Mehrere Melle-Diete-Schriften wurden vom Berliner Kollektiv Letters Are My Friends als Plexiglas-Deko-Alphabete produziert.

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