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Krul

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Wer schon einmal in Amsterdam war, dem sind sie sicherlich aufgefallen: die typischen bruine café’s, in denen Einheimische wie Touristen einkehren, um dem Trubel der Großstadt für einen Moment zu entkommen. Dort kann man in Ruhe die Zeitung lesen und ein Biertje oder einen Jenever trinken. Ihren Namen haben die urig-gemütlichen »braunen Kaffeehäuser« von der hölzernen Inneneinrichtung und den vom Tabakrauch dunkel verfärbten Wänden.

Ein weiteres Merkmal dieser Lokale sind die eigentümlichen Schriftzüge auf den Fenstern. Noch prägen sie das Antlitz Amsterdams, doch viele sind bereits verschwunden oder drohen zu verblassen. Nun wurden die opulenten Schnörkelbuchstaben in einen digitalen Font überführt und von ReType unter dem Namen Krul veröffentlicht. Noch bis 28. Juni gilt ein um 40 Prozent reduzierter Einführungspreis.

Der Schriftgestalter Ramiro Espinoza ist Argentinier, lebt aber bereits seit vielen Jahren in Holland. Als Liebhaber sowohl von Buchstaben als auch von Bars sind ihm die extravaganten Beschriftungen besonders ans Herz gewachsen. Er wollte herausfinden, wer ihr Urheber ist. Beharrlich befragte er die Eigentümer – bis ihm endlich jemand einen Namen nennen konnte: Leo Beukeboom, 1943 geboren, Amsterdamer Original und seines Zeichens pensionierter Schildermaler. Espinoza konnte ihn ausfindig machen und ihn über die Geschichte der Schnörkelschrift befragen.

Beukeboom erzählte ihm, wie er schon als 16-Jähriger mit kleineren Lettering-Aufträgen sein Taschengeld aufbesserte: hier ein Plakat für ein Billard-Turnier, dort ein Werbeschild für eine Metzgerei. 1967 begann er dann, im Auftrag der Brauerei Heineken die Fensterscheiben der von ihr belieferten Kneipen zu beschriften. Die Brauerei gab ihm freie Hand in der Gestaltung. Welche Art von Schrift Beukeboom auswählte, hing von der Art der Kneipe ab. »Für ein traditionelles bruin café nimmt man eine schöne geschmückte Krulletter« – wörtlich: Kringel- oder Lockenschrift –, »weil sich diese gut in die Umgebung einfügt. Es geht nicht um die Information an sich, schließlich weiß jeder auch so, dass es sich um ein Café handelt. Nein, es geht um das Verzieren und um das Schaffen einer Atmosphäre«*, so Beukeboom.

Im Lauf seiner Karriere hat Beukeboom unzählige Fenster mit Schönschrift versehen, auch außerhalb Amsterdams. So wurde er einmal nach Belgien eingeladen, um auch dort ein Café zu verzieren. Seine Krulletter kam dort so gut an, dass er die nächsten drei Jahre jeden Sommer in das Nachbarland fuhr, um weitere Aufträge auszuführen. Allein in Gent gibt es rund achtzig Werke von ihm.

Foto: hier houd ik van

Den Stil übernahm er von seinem Vorgänger, einem Schildermaler namens Jan Willem Joseph Visser. Dieser hatte seit Ende der 1940er Jahre die Namen der braunen Bars und Cafés gemalt, anfangs noch für die Amstel-Brauerei. Für die von ihnen geprägte Amsterdamer Krulletter ließen sich Visser und später Beukeboom von den kalligrafischen Blättern niederländischer Schreibmeister des 17. Jahrhunderts inspirieren, darunter der berühmte Jan van den Velde, aber auch der weniger bekannte Johannes Heuvelman, auf den sich das flamboyante ›g‹ zurückführen lässt.

Beukeboom hat sich längst zur Ruhe gesetzt, einen ähnlich talentierten Nachfolger gibt es nicht. Die Schildermalerkunst stirbt aus, und langsam aber sicher verschwinden die bemalten Scheiben aus dem Stadtbild. Ramiro Espinoza war sich bewusst, dass er diese Entwicklung nicht aufhalten kann. Aber zumindest die Schriftformen wollte er für die Nachwelt erhalten.

Die Krul umfasst 482 Figuren, darunter Ligaturen für ganze Worte (›mit‹) sowie gut drei Dutzend Akkoladen, Bordüren und Zierlinien.

Seine Krul ist keine direkte Digitalisierung der Fensterbeschriftungen, sondern eine Interpretation, die hinsichtlich der Verwendung als Satzschrift optimiert ist. Für die meisten Versalien gibt es zwei Figuren; eine eher verhaltene und eine raumgreifendere. Manche Kleinbuchstaben (›d‹, ›l‹ oder ›y‹) liegen gar in fünf Variationen vor. Einige besitzen Alternativformen mit einem nach rechts ausladenden Schnörkel, der sich speziell am Zeilenende gut macht.

Für ein handgemacht erscheinendes Wortbild sorgen insbesondere die zahlreichen Ligaturen, deren Zahl über das übliche Maß hinaus geht: Hier verschmelzen nicht nur ›fi‹ oder ›ff‹. Nein, so ziemlich jedes orthografisch relevante Pärchen geht eine harmonische Liaison ein: ›ed‹, ›en‹, ›er‹, etc. Auch Dopplungen wie ›gg‹ oder ›pp‹ entlarven sich dank besonderer Verbindungen weniger schnell als getippt. Für häufig vorkommende Kombinationen gibt es sogar Dreier-Ligaturen, wie etwa ›ent‹, ›ein‹, ›ung‹.


Um mit der Krul schnell zu ansehnlichen Ergebnissen zu kommen, sollte man sicherstellen, dass die OpenType-Funktion Ligaturen aktiv ist, die Laufweite auf null und – in Adobe InDesign – das Kerning auf metrisch gestellt ist. Für die allermeisten Fälle empfiehlt es sich außerdem, auch Bedingte Ligaturen zuzuschalten. Nun kann man entweder global die Ersetzungsautomatik Schwungschrift aufrufen und sie dann für Zeichenfolgen, bei denen das zu einem Zuviel des Guten führt, wieder abwählen. Oder man geht den umgekehrten Weg und ruft die Schwungvarianten nur für einzelne ausgesuchte Buchstaben auf. Mehr Kontrolle bietet das händische Einfügen passender Wahlformen über die Glyphenpalette.

Foto: hier houd ik van

Natürlich sind die Möglichkeiten eines digital fixierten Fonts nie so frei wie die von eigens gezeichneter bzw. gemalter Schrift – der typografischen Schrift fehlt es per definitionem an subtiler Flexibilität und Spontaneität. Andererseits kann sich ihr ein jeder bedienen und braucht dafür nicht einmal kalligrafische Vorkenntnisse. An die Kunst eines geübten Schriftenmalers wird die Krul nicht heranreichen – aber man kann ihr beeindruckend nahe kommen. Das ist das Verdienst von Ramiro Espinoza.

*) Ramiro Espinoza hat mehrere Interviews mit Leo Beukeboom geführt. Eine englische Fassung ist in Heft 69 von TypoGraphic, der Publikation der International Society of Typographic Designers (ISTD) nachzulesen. Aus diesem Text stammt auch das Zitat.

Die Fotos der Fensterbeschriftungen sind der Flickr-Gruppe Krulletters entnommen, mit freundlicher Genehmigung von Gertie Jaquet.

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