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10 Jahre Cape Arcona


Vor zehn Jahren wurde die Cape Arcona Type Foundry gegründet. Damit zählt das in Essen beheimatete Schriften-Label zu den Urgesteinen der deutschen Indie-Fontszene. Seit 2002 produzieren Thomas Schostok und Stefan Claudius ernsthaft gute Schriften, ohne sich dabei aber selbst allzu ernst zu nehmen. Legendär sind ihre Pressekonferenzen oder auch die Foundry-eigene Cape Arcona Love Band. Anlässlich des runden Geburtstages hat Jan Middendorp die beiden Elvis-Klone befragt.

Stefan, Thomas, herzlichen Glückwunsch zum zehnjährigen Bestehen! Was sind, im Rückblick, die wichtigsten Entwicklungen bei Cape Arcona? Hat sich eure Arbeitsweise über die Jahre hinweg geändert?

Thomas: Stagnation hatte schon immer Tradition bei Cape Arcona. In den letzten Jahren haben wir ein paar sehr weit ausgearbeitete Textfonts veröffentlicht. Nicht, dass das etwas besonderes wäre – die Hinwendung zu Ernsthafterem ist ja eine natürliche Entwicklung in der Karriere eines Schriftendesigners.

Von uns beiden ist eher Stefan der Typ für die schönen Textschriften. Mir ist das eigentlich zu langweilig, weil ich den schnellen Sex suche. Aber zuletzt habe auch ich ganz lange an einer Textschrift gearbeitet. Rohe, kaputte, impulsive Schriften waren deshalb in letzter Zeit rar. In Zukunft werde ich mich aber wieder den »trashigen« Schriften widmen. Die bringen mir einfach mehr Spaß. 

Ausgestattet mit fünf Strichstärken in aufrecht und kursiv – alle mit Ligaturen, Ziffernvarianten und Kapitälchen – geht die CA Normal Serif (2011) zweifelsohne als seriöse Textfamilie durch. Sie hat sogar eine serifenlose Schwester, die CA Normal (2010).

Die CA Cula (2011) ähnelt kühlen Groteskschriften wie der DIN – allerdings hat sie eine rundere, lesefreundlichere Anmutung. In großen Graden sorgen die Einkerbungen (ink traps) für eine starke Persönlichkeit. Den Light-Schnitt gibt es gratis.

Stefan: In der Tat, die Hinwendung zu Textschriften war die größte Veränderung. In gewisser Weise trauere ich der Spontaneität und auch Naivität hinterher, aber es gibt halt kein Zurück. Nicht zuletzt durch die verschiedenen Lehraufträge ist meine Auseinandersetzung mit Typografie akademischer geworden – und die Ansprüche an eine Schrift höher. Ich weiß nicht, ob ich irgendwann noch mal »schnelle« Fonts machen kann. Textschriften interessieren mich mittlerweile einfach mehr. Ein bisschen sehe ich da auch ein Problem, weil Cape Arcona nicht unbedingt der Ort ist, an dem potentielle Käufer nach Brotschriften suchen. Vielleicht sollten wir ein neues Label speziell für diesen Bereich aufmachen.

Anfangs war die ganze Mythologie rund um das fiktive Land Cape Arcona in eurer Selbstdarstellung sehr wichtig. War das ein spontaner Spaß, oder habt ihr diese Strategie von langer Hand geplant?

Thomas: Fiktives Land? Wieso fiktiv?

Stefan: Nein, nachgedacht haben wir auf gar keinen Fall. Jeder hat seine obskuren Einfälle einfach immer dem anderen erzählt, einiges davon wurde umgesetzt, anderes auf unbestimmte Zeit verschoben. Ich hatte schon immer ein Faible für Absurdes und Ausgedachtes. Das fängt bei den klassischen Utopie-Romanen an und reicht bis zur Città Nuova von Antonio Sant’Elia. Ein paar Jahre lang habe ich bei The Cherrypops Gitarre gespielt. Die Idee war eigentlich, eine fiktive Frauenband zu erschaffen, aber irgendwann wurde es dann doch real. Das Netz fordert einen ja geradezu heraus, Geschichten zu erfinden, weil man sich ziemlich sicher sein kann, dass sie nie jemand nachprüft.

Bei der CA Aircona (2002) war es die Absicht, einen Font für Flugzeugbeschriftungen zu machen. Cape Arcona brauchte ohnehin eine eigene Fluglinie.

Thomas: Das alles entstand sehr spontan. Strategien sind immer gut, bremsen aber ungemein die Kreativität. Ich denke, das findet man auch in vielen unserer Fonts wieder.

Warum habt Ihr damals entschieden, einen eigenen Schriftverlag zu gründen – statt z.B. die Fonts bei einer bestehenden Foundry zu veröffentlichen? 

Thomas: Wir beide hatten schon vorher eigene Fonts gemacht. In der Regel waren das Freefonts. Meine erste Schrift erschien bei GarageFonts und brachte mir knapp vier Dollar ein – in einem Jahr. Ich habe mich nie wirklich für »seriöse Typografie« interessiert oder die Fontindustrie ernst genommen. Ich habe mir die Fonts gebaut, die ich selbst auch gern nutzen wollte. Die passten nicht unbedingt in die Portfolios der etablierten Schriftverlage. Außerdem hatte ich auch keine Lust, mich an die Richtlinien der Foundries zu halten. »Mehr als 80 Zeichen in einer Schrift? Ihr seid wohl verrückt!« Mir machte es eigentlich viel mehr Freude, die Fonts umsonst zu verteilen. Die Idee, unsere Schriften selber zu verkaufen, kam von Stefan. Mit einer eigenen Foundry waren wir unabhängig und konnten ohne Vorgaben arbeiten.

Die CA KissKissBangBang (ca. 2002) zählt zu den Frühwerken von Cape Arcona.

Stefan: Ich fand die Vorstellung eines eigenen Labels einfach schön. Alles selber zu bestimmen – und vor allem alles anders machen zu können als die anderen! Außerdem wollten wir zwei gerne was zusammen machen. Nach dem BEAST Magazine hatten wir erstmal kein weiteres Projekt. Es waren aber ein paar Schriften extra für BEAST entstanden. Wieso also diese Fonts nicht auch vermarkten?

Zwar hat sie keine Kleinbuchstaben, dafür ist sie umsonst: CA Traktor (ca. 2002)

Eigentlich war es nur ein Vorwand, um weiterhin gemeinsam schräge Aktionen machen zu können. Bei der letzten BEAST-Ausgabe waren wir als grüne Ungeheuer verkleidet durch die Stadt gezogen und haben eine Fotostory daraus gemacht. So was fehlte uns einfach. Bei Cape Arcona konnten wir dann wieder ungestraft die seltsamsten Dinge tun: Pressekonferenzen geben, Musik machen, komische Clips drehen. Wir sind auch nicht den ganz harten Kurs gefahren, unsere Schriften ausschließlich über cape-arcona.com zu verkaufen. Von Anfang an haben wir unsere Schriften zusätzlich über MyFonts angeboten. Später kam noch Monotype als weiterer Vertriebspartner dazu.

CA Texas Funeral – eine Schrift wie ein Road-Movie. 371 Glyphen in OpenType – alle gratis!

Und wie seht ihr die Entwicklung von Typedesign und Fontvermarktung allgemein?

Thomas: Technisch gesehen hat sich im Typedesign seit meinen ersten Versuchen in den 1990ern erschreckend wenig geändert. Auch wenn ich die Ansätze von neuen Programmen wie RoboFont oder Glyphs begrüße, so kommen mir die verfügbaren Tools immer noch vor wie Relikte aus der Vorzeit des Webs. Es ist alles viel zu umständlich gelöst. Für die Erstellung eines OTF benötigt man derartig viel technisches Wissen – was soll das? Ich wünsche mir ein Tool, welches mich in meiner Kreativität unterstützt, damit ich mich ganz auf das Design konzentrieren kann.

Die Inspiration zur CA Emeralda (2005) lieferte die Headline eines Magazins aus den 1950ern. Es gibt zwei Stile, eine Italic und eine verbundene Script.

Stefan: Der Markt hat sich natürlich durch die Einführung von Webfonts verändert. Es ist interessant zu beobachten, welche Verkaufsstrategie sich da durchsetzen wird. Ich finde Ansätze wie Fontgazer oder das FontShop-Plugin sehr interessant. Der Kunde will nicht die Katze im Sack kaufen. Am liebsten möchte er die Schrift erst in einem konkreten Projekt testen. Diesem Wunsch versuchen diese beiden Plugins Rechnung zu tragen. Leider funktionieren sie noch nicht so optimal. Gerade bei Fließtext ist es schwierig, im Vorfeld die Qualitäten einer Schrift zu beurteilen – auch Schriftmuster können ja immer nur begrenzt helfen. Mal haben sie nicht die richtige Schriftgröße, mal zu viel Zeilenabstand, zu wenig Laufweite, etc. Wenn ich es richtig verstehe, könnte Skyfonts da Abhilfe schaffen. Dort kann man Fonts tageweise mieten. Erst testen, dann kaufen – klingt perfekt. Vielleicht kommen ja auch Modelle auf den Markt, wo man die Fonts gar nicht mehr lokal installiert, sondern sie direkt aus der Cloud bezieht.

Die Buchstaben der CA Hail to the King (2010) stammen von verschiedenen handgemalten Schildern aus der ganzen Welt. Die Schrift entstand exklusiv für einen Ausstellungskatalog.

Den Anstoß zur CA Aires Pro (2004) gab eine Postkarte aus den 1930er Jahren.

Wie wichtig ist es, als Schriftgestalter auch Schriftbenutzer zu sein?

Thomas: Sehr wichtig. Als Grafiker kann ich Bedürfnisse definieren, die ich als Typedesigner lösen kann. 

Stefan: Ich frage mich, wie das bei Schriftgestaltern funktioniert, die selber gar keine Bücher setzen oder grafisch gestalten. Für mich ist die praktische Anwendung enorm wichtig. Dauernd stoße ich auf neue Details, wo ich denke: Das kann ich bei der nächsten Schrift besser machen. Das führt natürlich dazu, dass ich oft kleine Modifikationen durchführe, oder für ein Projekt dann gleich eine neue Schrift gestalte. Das würde aber eher die Frage beantworten, ob es wichtig ist, als Schriftbenutzer auch Schriftgestalter zu sein.

Essen ist nicht gerade berühmt als Typo-Metropole. Wie funktioniert die Stadt für Euch als Umwelt, als Inspirationsquelle?

Thomas: Ich war immer gut darin, im Negativen noch etwas Positives zu finden. Ohne Zweifel ist Essen die mit Abstand provinziellste Stadt, die man sich vorstellen kann.
 
Stefan: Quatsch, das ist der Nabel der Welt! Die Propaganda sagt, wir sitzen in Deutschlands größtem Ballungsraum. Im Ernst: Ich frage mich, ob ein Designer in Berlin wirklich andauernd von seiner Stadt inspiriert wird. Hamburg hat mich z.B. nicht besonders inspiriert. Schön finde ich Städte mit einer guten »Flyer-Kultur« – wo also viele alltägliche Drucksachen interessant und gut gestaltet sind. Beispiele sind für mich Zürich und Amsterdam. Aber auch dort stumpfen die Designer doch schnell ab, oder?

Okay, bei uns in der Gegend fehlt ein Typo-Stammtisch. Nimmt man das ganze Ruhrgebiet und Düsseldorf hinzu, käme man schon auf eine beachtliche Zahl potentieller Teilnehmer. Aber trotz guter Vorsätze hat es noch nicht geklappt, so etwas ins Leben zu rufen. Ich bin aber zuversichtlich, dass Essen trotzdem eines Tages zur Typostadt Nummer 1 aufsteigt. Irgendwann ist Berlin out, dann werden alle aus Heimweh nach Essen ziehen – vergleiche dazu Eine eigene Geschichte von Blumfeld.

Vielen Dank – und viel Erfolg für die nächsten zehn Jahre!

Ganz neu ist die CA Oskar – sie erschien im Oktober 2012. Ihren Anfang nahm sie als Hausschrift des internationalen Traumzeit-Festivals.

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