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Von der Slogan zur Judo – Helmut Matheis zum 96. Geburtstag

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Hans Helmut Matheis

Seine erste Schrift wurde 1956 veröffentlicht. Sein jüngster Entwurf erschien in diesem Jahr. Helmut Matheis kann damit auf sechs Jahrzehnte Schriftgestaltung zurückblicken. Geboren wurde Hans Helmut Matheis am 18. November 1917 – heute feiert er seinen 96. Geburtstag. Damit ist er sogar noch ein wenig älter als sein berühmter Kollege Hermann Zapf (*1918). Wir gratulieren herzlich und bringen zum Ehrentag ein Interview mit dem Jubilar. Außerdem stellen wir die Druckschriften Matheis’ vor, mit besonderer Berücksichtigung seines neuesten Werks, der Judo.

Helmut Matheis ist seit über sechzig Jahren selbstständiger Grafiker. Eine Zeit lang lebte der gebürtige Speyerer mit Frau und Tochter in München, später in Starnberg und ab 1974 in Bernau am Chiemsee. Nach dem Tod seiner Frau ist er wieder in die alte pfälzische Heimat gezogen und lebt heute in Bad Bergzabern. Auch im hohen Alter ist er noch als Kalligraf und Schriftentwerfer aktiv.

Herr Matheis, wie kamen Sie zur Schrift?

Bevor ich studieren durfte, musste ich zunächst Arbeits- und dann Wehrdienst leisten. Das Studium begann ich mitten im Krieg. 1941 bewarb ich mich an der Münchner Akademie. Prof. Dombrowski¹ fand mich begabt. Bei der Aufnahme­prüfung entschied er »Schrift, Grafikklasse!«

Unseres Daseins eigentlicher Anfang ist die Schrift

 

Das hat die Weichen für mein späteres Leben gestellt. Ich begann, historische Schriften mit der Breitfeder nachzuschreiben. In der Bibliothek gab es gute Vorlagen. Eigentlich habe ich fünf Jahre lang nur geschrieben und geschrieben. Es ist wie in der Musik: Kopieren steht immer vor dem Komponieren.

Nach vier Semestern kam der Stellungsbefehl: Ich wurde an die Ostfront geschickt. Nach zwei Wochen wurde ich bei Stalino [heute: Donezk] verwundet. Das hat mir das Leben gerettet – ich kam zurück nach Deutschland. Gott sei Dank war es die linke Hand – sonst wäre es mit dem Schreiben vorbei gewesen. Ein Jahr lang lang ich im Lazarett, danach habe ich weiter studiert. Im fünften Semester bei Prof. Ehmcke² war ich natürlich Meisterschüler. Zeitweise war ich auch bei Prof. Körner³ in Ellingen – dorthin hatte man die Nürnberger Akademie evakuiert.

  1. Ernst von Dombrowski (1896–1985), österreichischer Autor, Xylograph und Illustrator.
  2. Fritz Helmuth Ehmcke (1878–1965), deutscher Grafiker, Illustrator und Buchgestalter. Gründete 1900 mit Georg Belwe und F.W. Kleukens die Steglitzer Werkstatt. Lehrte in Düsseldorf, Zürich und München. Ehmcke entwarf selbst eine Reihe sehr verschiedener Satzschriften u.a. für Flinsch, Stempel, L. Wagner und Ludwig & Mayer.
  3. Max Körner (1887–1963), deutscher Grafiker, Maler und Buchkünstler.

Wie ging es nach dem Studium weiter?

Ich wurde freischaffender Grafiker in München. In den ersten Jahren meines Berufslebens habe ich unzählige Glückwunsch­karten geschrieben und gezeichnet: zur Hochzeit, zum Geburtstag, zum Namenstag usw. Alles Schrift – oft ausschließlich Schrift, in immer neuen Schreibschriftvarianten. Ich erhielt den Auftrag zur Gestaltung des Deutsches Sportabzeichens. Ich habe auch mal ein Buch über die historische Entwicklung der Schrift gemacht. Das war ursprünglich eine Art Dissertation. Als ich auf die Idee kam, es zu verlegen, gab es schon einige andere Literatur zum Thema. An Firmenzeichen – heute sagt man Logos – war ich auch immer sehr interessiert. Und bin es noch stets! Wenn es da eine Ausschreibung gibt – das würde mich durchaus noch reizen.

Amor Omnia Vincit

»Amor Omnia Vincit« – eine aktuelle kalligrafische Arbeit Matheis’

Wie wurden Sie zum Gestalter von Druckschriften?

Das war Eigeninitiative. Ich schrieb verschiedene Schriftgießereien an. Ludwig & Mayer zeigte sich interessiert. Ich bin also nach Frankfurt gefahren, habe meine Mappe gezeigt – und erhielt den Auftrag zur Primadonna. 1956 wurde sie als meine erste Druckschrift realisiert.

Folgten Sie mit der Fokussierung auf kalligrafisch inspirierte Entwürfe den Wünschen Ihrer Auftraggeber?

Die Kalligrafie entsprach meiner persönlichen Neigung. Typischerweise entstanden die Schriftentwürfe nicht nach Anforderungen der Gießerei. Es waren vielmehr freie Entwicklungen, die ich zur Begutachtung vorlegte und von denen dann manche akzeptiert und produziert wurden.

Slogan-Anwendung

Fast alle Ihre Schriften sind in digitaler Form erhältlich [siehe unten], manche gleich von mehreren Anbietern. Zumindest die Slogan sieht man auch heute noch häufig in Anwendung. Erhalten Sie für die Verkäufe dieser Fonts eigentlich noch Anteile?

Nein. Nachdem Ludwig & Mayer durch die Umstellung von Blei- zu Lichtsatz alle meine Schriften verkaufte, bezog ich keine Tantiemen mehr. Als ich in den 1950ern den Vertrag abschloss, konnte ich die Weiterentwicklung zu EDV noch nicht absehen.

Sie klingen darüber nicht sonderlich verbittert.

Nun, ich finde schon, dass mir etwas zustünde. Aber mehr als das entgangene Geld stört mich, dass meine Entwürfe erweitert und verändert werden, ohne dass man mich zu Rate zieht – oder auch nur benachrichtigt.

Vor ein paar Jahren akzeptierte ein Schrifthersteller eine von mir vorgeschlagene Kursive. Ich musste ablehnen, da mir der Vertrag viel zu kompliziert war. Ich habe nicht Jus, sondern Kunst studiert! Außerdem müsste ich meinen Entwurf selbst digitalisieren. Das kann und will ich nicht – könnte mich nie damit beschäftigen.

Wie kam es dann zur Judo?

Ich wollte mal wieder eine neue Schrift anbieten. 2010 schickte ich Entwürfe zur ehemaligen Bauerschen Gießerei nach Spanien. Herr Hartmann von BauerTypes gab erfreulicherweise grünes Licht und reichte die Entwürfe zur Digitalisierung an Herrn van Leeuwen von Visualogik weiter. 2013 wurde die Schrift dann bei Neufville Digital als Judo ND veröffentlicht. Ich freue mich sehr, dass mir ermöglicht wurde, eine neue Schrift zu veröffentlichen.

Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch. Weiterhin viel Spaß mit der Schriftkunst und viel Erfolg mit der Judo!

Judo-ND

Die Judo ist eine lebhafte Breitfeder-Kursiv mit starkem Strichstärken­wechsel und eher breiten Proportionen. Die relativ kleinen Versalien und kurzen Oberlängen ergeben ein kompaktes Bild. Punkte in Satzzeichen und Umlauten sind rautenförmig. Auf ›i‹ und ›j‹ sind sie energisch nach rechts verlängert. Besonders bei den Großbuchstaben werden die Vorlieben Matheis’ sichtbar: ›M‹ und ›N‹ zeigen die Arkadenform, wie sie schon bei früheren Entwürfen zu sehen ist. Das charakteristische ›R‹ mit offener Punze findet sich ebenso wieder wie das ›P‹ mit Unterlänge oder das ›T‹ mit nach rechts auslaufendem Stamm. Das ›S‹ erscheint fast direkt aus der Slogan übernommen.

Matheis-Skizze-Alphabet

Der Entwurf zur Judo wurde in Bleistifttechnik ausgeführt. Man beachte die ausgefallene Unzialform für ›E‹. Die Kreuze bezeichnen die letztlich ausgewählten Figuren. Das offene ›D‹ (unten links) ist als Wahlform enthalten.

Matheis-Skizze-Woerter

Anhand von Testwörtern probierte Matheis verschiedene Spielarten aus. Von den beiden Formen für ›r‹ hat es letztlich die runde (wie in Marktlücke) in den Font geschafft. Dort ist auch eine Ligatur für ›ch‹ zu finden. Die in dieser Zeichnung angedeutete ›ck‹-Ligatur ist dagegen nicht enthalten.

Übersicht über die Schriften von Helmut Matheis und ihre digitale Verfügbarkeit

Silk-Script-aka-Primadonna
Matheis’ erster realisierter Schriftentwurf war die kontrastreiche unverbundene Primadonna, die 1956 bei Ludwig & Mayer gegossen wurde. Die Schriftgießerei wünschte sich eine festliche Schreibschrift, in der Art eines bestehenden Entwurfs der Konkurrenz, nämlich der Symphonie (Bauersche Gießerei, 1938; digital als Stradivarius) von Imre Reiner. Fünfzig Jahre nach dem Erstguss der Primadonna besorgte Rebecca Alaccari eine digitale Version und Erweiterung unter dem Namen Silk Script (Abbildung). Eine weitere, weniger ausgefeilte Adaption ist die Primrose JF (2002), deren Macher seine Quelle leider nicht nennt.

Charme-und-Slogan
Charme (1957) und Slogan (1958) sind die mit Abstand erfolgreichsten und bekanntesten Entwürfe Matheis’. Auf den ersten Blick sehen sich die beiden dynamischen Pinselschriften zum Verwechseln ähnlich. Und tatsächlich könnte die Slogan ebensogut Charme kräftig heißen bzw. umgekehrt die Charme als Slogan zart durchgehen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man die kleinen Unterschiede, z.B. bei ›I‹ und ›J‹.

Charme-Figurenverzeichnis

Auffällig sind jene Versalien, die in ihrem Duktus der Kurrentschrift folgen. In den Fünfzigern waren diese Formen noch jedem Deutschen vertraut, heute muten sie dagegen seltsam an. Aber selbst damals empfand man sie offenbar als geschmäcklerisch. Jedenfalls war die Bleisatz-Charme auch lieferbar mit weniger speziellen Wahlformen für ›D‹, ›G‹, ›V‹, ›W‹, wie dem Figurenverzeichnis zu entnehmen ist. Die digitale Charme zeigt diese entschärften Varianten, während die digitale Slogan für ›V‹ und ›W‹ kurioserweise die gewöhnungsbedürftigen Formen mit Spitzkehre und Bogen im Uhrzeigersinn enthält. Wer eine Slogan mit Rund-›V‹ und -›W‹ sucht, wird in der Corrida fündig – eine um kyrillische Zeichen ergänzte Adaption von Elvira Slysh.

Keiner der heute erhältlichen Fonts bietet beide Formen zur individuellen Auswahl an. Auch das alternative ›e‹ mit »zugelaufenem« Auge und die Versalvarianten mit Anstrich (›F‹, ›I‹, ›J‹ in Charme) wurden bei der Überführung ins neue Format nicht berücksichtigt.

Slogan-Figurenverzeichnis

Verona-Script
Die Verona (1958) ist neben der Judo die einzige Matheis-Schrift, die nicht bei Ludwig & Mayer in Frankfurt, sondern bei Genzsch & Heyse in Hamburg erschien. Auffällig ist das ›d‹ ohne Abstrich, wie man es in vielen deutschen Schreibschriften dieser Zeit findet. 1992 stellte Mike Allard mit der Juliet Script eine wenig ansprechende digitale Version der Verona ins Netz. Ein Jahr darauf ließ Rick W. Mueller die kostenlose und besser zugerichtete Verona Script (Abbildung) folgen, die dem Original aber ebenfalls nicht gerecht wird.

Rhino-und-Mobil-Pro
Die Matheis Mobil (1960) wurde gleich zweimal digital aufbereitet: 2005 von Patrick Griffin (Canada Type) als Rhino (oben) und 2011 von Ralph M. Unger (RMU) als Mobil Pro (unten). Immerhin nennt Canada Type Matheis als Urheber. Dafür bietet die Version von RMU die größere Sprachen­unterstützung.

Bruschetta-und-Contact-Pro
Ganz ähnlich verhält es sich mit der Contact (1963): Wieder hat zunächst Canada Type die Schrift für den heutigen Gebrauch verfügbar gemacht. Ihre 2004 veröffentlichte Interpretation heißt Bruschetta (oben). Sechs Jahre später brachte RMU die Contact Pro (unten) heraus. Letztere läuft etwas enger.

Compliment
Auch der Compliment (1965) hat sich Ralph M. Unger angenommen. Seine Nachzeichnung wurde 2006 bei URW++ verlegt und ist heute unter dem Originalnamen bei Profonts erhältlich. Bereits 1993 erschien die New Day. Diese Digitalisierung ist jedoch so mangelhaft, dass sie hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt wird.

Desweiteren schuf Matheis die Presto (1970), eine kräftige, leicht geneigte Pinselschreibschrift mit verbundenen Buchstaben; die Prestige (1971) mit Auszeichnung (d.h. halbfett, 1973) und kursiv (1982), eine breite statische Antiqua mit einer Anmutung ähnlich wie die der Americana; sowie die Windsor (1977), eine englische Schreibschrift. Diese drei Schriften wurden bislang noch nicht zu neuem Leben erweckt. Helmut Matheis: »Natürlich würde ich es begrüßen, wenn auch Presto, Prestige und Windsor digital erschienen. Es wäre nur schön, wenn man mich fragen würde! Übrigens, ich habe auch noch eine ganze Reihe neuer Skizzen in der Schublade!«

Charme-Anwendung

Porträtfoto Hans Helmut Matheis: Iversen
Abbildungen Schriftmuster Charme und Slogan: Sammlung Ilja Wanka

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