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Creative Characters: Jovica Veljović


Jovica Veljovic

Creative Characters ist MyFonts’ beliebte Reihe monatlicher Interviews mit herausragenden Schriftgestaltern. Dieses Mal gibt es bei uns mal wieder exklusiv eine deutschsprachige Version zu lesen.

Als Jovica Veljović 1984 seine erste Schriftfamilie veröffentlichte, hatte er sich als Kalligraf bereits international einen Namen gemacht. Zu dieser Zeit lehrte er an der Kunstakademie von Belgrad, der Hauptstadt von Serbien und einst auch von Jugoslawien. Seit 1992 hat er die Professur für Type Design und Typografie an der HAW Hamburg inne – eine große Ehre. Obwohl es hierzulande zahlreiche Designer gibt, die mit Schriftgestaltung ihr Brot verdienen, so haben nur wenige Hochschulen einen entsprechenden Lehrstuhl eingerichtet. Im Lauf der letzten dreißig Jahre hat Jovica Schriften bei ITC, Linotype und Adobe herausgebracht und arbeitet nach wie vor an neuen Entwürfen. Unser Interview mit Jovica fand am Neujahrstag 2016 in seiner Hamburger Wohnung statt. Willkommen, Jovica!

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Als Du 1954 geboren wurdest, gehörte Serbien zu Jugoslawien, einem Land, in dem zwei Schriftsysteme verwendet wurden: das lateinische und das kyrillische. Welches davon hast Du in der Schule gelernt?

In Serbien lernt man zuerst die kyrillische Schrift, in der ersten Klasse. Die lateinische Schrift kommt dann später dazu – wobei man meinen könnte, Kyrillisch allein sei kompliziert genug! Das lateinische Alphabet habe ich in der zweiten Klasse gelernt, als ich sieben war.

Wahrscheinlich gibt es kein anderes Land, wo Kyrillisch und Lateinisch so wild gemischt wird wie in Serbien. Die lateinische Schrift ist dabei wohl auf dem Vormarsch, was sowohl auf den Einfluss internationaler Popmusik als auch auf eine Ignoranz gegenüber dem serbischen Kulturerbe zurückzuführen ist. Aber es gibt auch kommerzielle Gründe. Ein serbischer Verlag wird ein Buch heutzutage eher in lateinischer Schrift herausgeben. Der Markt ist klein, und ein Buch in kyrillischer Schrift findet in Kroatien nunmal weniger Käufer. Die Sprache ist in beiden Staaten sehr ähnlich. In Serbien ist Kyrillisch die offizielle Amtsschrift, in Kroatien dagegen Lateinisch.

Veljovic-Andric

Kalligrafie in kyrillischer Schrift mit einem Zitat aus einem Werk von Ivo Andrić, veröffentlicht in U&lc, Vol. 8, Nr. 4 von Dez. 1981.

Wann hast Du mit der Kalligrafie begonnen? Hast Du das in der Schule gelernt?

Mit 15 war ich an einer Kunstschule. Schrift war dort ein Fach, das mich wegen meines Großvaters interessierte. Der war zwar kein Kalligraf, aber er hielt große Stücke auf seine Handschrift. Besonders stolz war er auf sein kleines k. Er sagte mir, dass er dessen komplizierte Form selbst erfunden hätte! Das machte mich neugierig; was war daran besonders?

Eigentlich wollte ich Grafiker werden. Radierungen, Lithografie, Holzschnitt – das hat mich fasziniert. Schrift spielte in Jugoslawien damals keine so große Rolle wie in Westdeutschland oder anderen Ländern, wo man in der Werbung Geld damit verdienen konnte. Im Sozialismus war der Bedarf an Werbung natürlich gering.

Mein Interesse an Schrift wurde geweckt, als mir mein Freund Ivan Boldižar Über Alphabete [engl.: About Alphabets] von Hermann Zapf zeigte. Dieses Buch fand ich sehr harmonisch: Einband, Papierwahl, Schrift und diese eingeklebten Blätter mit kalligrafischen Beispielen. Ach! Solche Schriften wollte ich auch machen. So wandte ich mich der Kalligrafie und der Typografie zu.

Veljovic-Sentimentalnosti

Aus der Postkartenreihe Sentimentalnosti. Text: Dušan Radović. U&lc, Vol. 8, Nr. 4

Nicht alle Kalligrafen entwerfen Druckschriften. War das Vorbild Zapfs der Grund, warum Du auch Schriftgestalter werden wolltest?

In den 1980ern war Schriftgestaltung ein kompliziertes Unterfangen. Es war nicht so wie heute, wo man eine Schrift einfach am Computer machen und sie online stellen kann, auf dass sie jedem zur Verfügung steht. Um damals eine Schrift machen zu können, musste man zunächst eine Firma finden, die sie produzieren wollte. In Jugoslawien gab es keine Schrifthersteller, also sah ich mich im Ausland um. Und wenn man dann eine Firma gefunden hatte, bedeutete das noch lange nicht, dass der Entwurf auch angenommen wurde. Man hat einen Vorschlag gemacht und dann auf das Urteil gewartet.

Wo hast Du gelernt, wie man Schriften gestaltet? An der Kunstschule?

Nachdem ich Über Alphabete gesehen hatte, wollte ich selbst meine ersten Zeichnungen machen. Unter meinen Lehrern gab es keine Schriftgestalter, die konnten mir da gar nicht weiterhelfen. Ich musste mir alles selbst aneignen. Zum Beispiel die fi-Ligatur: Da habe ich mich gefragt, wie man dieses Zeichen macht. Wie wählt man den richtigen Abstand zwischen f und i? Heute würde man einfach einen Font aufmachen und sich das ansehen. Es mag banal klingen, aber damals fand ich das ganz schön kompliziert.

Über Alphabete — Doppelseite

Doppelseite aus Über Alphabete von Hermann Zapf, dem Buch, das der Karriere Veljovićs eine neue Richtung gab. Foto: Dan Reynolds

Hast Du in dieser Zeit des Selbststudiums einen Mentor gehabt?

Als Student wollte ich alle Schriftgestalter der Welt persönlich kennenlernen und besuchen! Ich denke, inzwischen ist das nicht mehr so üblich – vielleicht bin ich ein wenig altmodisch. Jedenfalls habe ich eine Radierung gemacht, mit Schrift, und habe sie verschickt. Es gab da ein Heft der ATypI, dem internationalen typografischen Verband, in dem die Adressen aller Mitglieder aufgelistet waren. Darin stand Hermann Zapf. Auch Henri Friedlaender habe ich auf der Liste entdeckt. Seine Adresse in Israel kam mir sehr exotisch vor, und weil ich an der Akademie eines seiner Bücher gesehen hatte, habe ich ihm auch eine geschickt. Interessanterweise haben sowohl Friedlaender als auch Zapf darauf reagiert. Zapf hat die Schärfe meiner Radierung interessiert. Es hat mich überrascht, was er für Fragen stellte. Er wollte, dass ich ihm meine Technik in allen Details beschreibe, jeden einzelnen Schritt des Prozesses. Das ist typisch Hermann!

Friedlaender wurde für mich zu einer Schlüsselfigur. Ich habe ihm einen meiner ersten Versuche gezeigt und dabei einen typischen Anfängerfehler gemacht – so wie viele Studenten heute auch wollte ich die originellste Schrift der Welt machen! Eine Schrift, wie man sie zuvor noch nie gesehen hat. In seiner Antwort hat er fotokopierte Holzschnitte daneben geklebt. Das waren Holzschnitte von Aristide Maillol aus Vergils Eklogen. Da habe ich gesehen, dass meine Schrift viel zu malerisch und kompliziert war, fast wie eine Jugendstilschrift. Später habe ich Friedlaender in Moza Illit bei Jerusalem besucht. Von ihm habe ich wahrscheinlich am meisten über Schrift gelernt.

Veljovic-Nihil-difficile

Grußkarte (Radierung), aus U&lc, Vol. 8, Nr. 4

Wann bist Du Hermann Zapf zum ersten Mal begegnet?

Ich habe ihn 1978 auf der ATypI-Konferenz in München getroffen, da war ich noch Student, im dritten oder vierten Jahr. Er war um die 59 und hat sich Zeit für mich genommen. Seitdem waren wir immer in ständigem Kontakt. Gerrit Noordzij und Werner Schneider waren ebenfalls da, und ich lernte auch Georg Trump, Karlgeorg Hoefer und Friedrich Poppl kennen. Das war die große Generation.

Deine ersten professionellen Schriften sind für ITC entstanden – die International Typeface Corporation in New York. Wie kam es zu dieser Verbindung?

Ende der 1970er habe ich mein Studium abgeschlossen und musste danach noch ein Jahr Wehrdienst leisten. ITC organisierte gerade eine Kalligrafie-Ausstellung mit dem Titel International Calligraphy Today [siehe U&lc. Vol. 7, Nr. 4 von Dez. 1980, S. 3–11]. Da habe ich meine Sachen hingeschickt. Vier Arbeiten wurden in der Ausstellung gezeigt.

Kalligrafisches Werk in einer informellen Breitfederschrift, einer der vielen Stile, die Jovica Veljović beherrscht.

Goethe-Aphorismus in einer informellen Breitfederschrift, einer der vielen Stile, die Jovica Veljović beherrscht.

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Kalligrafiertes Zitat Albert Einsteins. Aus U&lc, Vol. 8, Nr. 4.

Bist Du nach New York geflogen, um Dir die Ausstellung anzusehen?

Nein, das ging nicht. Aber bei meinem späteren Besuch hat ITC alle Kosten übernommen. Hätte ich das aus eigener Tasche zahlen müssen, dann hätte ich ebenso gut auf den Mond fliegen wollen! Das ITC-Magazin U&lc wurde damals noch von Herb Lubalins Studio in New York gestaltet. Ich war fasziniert von dieser gezeichneten Copperplate, wie sie Tom Carnase, Ed Benguiat oder Tony Di Spigna für Lubalin machten. Als ich nach New York kam, wurden extra Treffen für mich organisiert. Da habe ich Paul Standard getroffen, der schon weit über 80 war, und auch Jeanyee Wong, Bob Boyajian, Lilli Wronker, Jerry Kelly und all die anderen großen New Yorker Kalligrafen. Mein Traum war es, irgendwie mit Lubalin zusammen­zuarbeiten. Aber da war er schon schwer krank. Ich habe ihn noch in seiner Wohnung besucht. Drei Wochen später starb er.

ITC-Schriften-Veljovic

Die 3 Serifen-Schriftfamilien, mit denen Veljović in den 1980ern als Schriftgestalter reüssierte: ITC Veljovic (1984), ITC Esprit (1985), ITC Gamma (1986)

So fing das mit mir und ITC an. Bei ITC traf ich Aaron Burns, der mich dazu ermunterte, nach Hause zurückzukehren und Schriften für seine Firma zu machen. Burns und Lubalin hatten ITC als einen Schriftverlag konzipiert, der seinen Designern größere Freiheiten bot. Andere Firmen wie Berthold, Linotype oder Monotype stellten ihre Schriften exklusiv für die eigenen Satzgeräte her. ITC hatte eine neue Idee: Schriftarten, die jede Firma lizenzieren und für die jeweilige Hardware vertreiben konnte. Burns war ein Visionär! Ich erinnere mich an meinen zweiten oder dritten Besuch in New York, im Büro der ITC in der Nähe der UNO. Eines Abends standen wir am Fenster und er sagte: »Schau mal! All diese Lichter sind Büros. Angenommen, in jedem Büro steht ein Laserdrucker. Und die brauchen alle Schriften. Selbst wenn eine Schrift nur einen Dollar kosten würde, stell dir vor, wie viele Schriften man bräuchte!« Burns war einer der feinsten Menschen, den ich je kennengelernt habe.

Die ITC-Designer arbeiteten in jener Zeit noch mit Papier und Pinsel. Die Idee war, Schriften zu machen, die sowohl für Text als auch für Display geeignet sind. Wenn man die ITC Garamond betrachtet, dann wird man das nachvollziehen können. Und so habe ich angefangen, Schriften mit diesem Hintergedanken zu machen. Im Grunde genommen habe ich immer nur solche Schriften gemacht, von denen ich selber überzeugt war. Ich habe überhaupt nur zwei Auftragsarbeiten gemacht – einmal für die Belgrader Zeitung Politika, und dann das Redesign der Tiemann-Antiqua für Die Zeit. Alles andere war selbstinitiiert … ich habe gemacht, was ich wollte.

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Deckblatt und Innenseite aus dem Muster zur ITC Gamma, der dritten Schrift Veljovićs, benannt nach dem dritten Buchstaben des griechischen Alphabets. Foto: Florian Hardwig

Erzähle uns noch mehr über Deine frühen ITC-Schriften – diese Familien gelten heute als moderne Klassiker.

Als ich von New York zurückkam, habe ich gearbeitet wie verrückt. Ich habe mich gesellschaftlich total isoliert, fast wie ein Mönch. Die ITC Esprit hatte ich als erste gezeichnet, aber als erste herausgegeben wurde die ITC Veljovic. ITC hatte damals die Regel, dass die erste Veröffentlichung den Namen des Designers trägt. Den Produktionsprozess fand ich ganz interessant: Ich hatte sie auf 14 cm Versalhöhe gezeichnet, und als sie dann in 14 Punkt zurückkam, konnte ich sie zunächst gar nicht wiedererkennen! Meinen Studenten erzähle ich immer, in welchem Paradies wir heute leben: Man kann zwei Zeichen machen und sie sofort in allen Punktgrößen ausdrucken.

Bei den ITC-Schriften Mitte der 1980er hatte ich nur zweimal die Möglichkeit zu Korrekturen. Wie gesagt, zuerst kam diese Probe, bei der ich mich gefragt habe, ob wirklich ich das gemacht hatte. Ich nahm meine Lupe und machte eine Korrektur. Dann wurde noch eine Probe gemacht, die ich mir erneut anschaute. Und das war’s! Vor ein paar Jahren habe ich all meine ITC-Schriften überarbeitet. Nicht nur wegen der Buchstabenformen, sondern auch wegen der Zurichtung. Die Abstände und das Kerning, all das wurde früher von anderen gemacht.

Sind Deine ersten ITC-Schriften ursprünglich noch für Fotosatz statt für DTP entworfen worden?

In der Tat! Es hat mich immer überrascht, wie gut sie im Fotosatz aussahen – viel besser als die ersten digitalen Versionen. Es ist interessant, was bei der Digitalisierung passiert ist. Die ITC Veljovic zum Beispiel habe ich komplett in acht Schnitten von Hand gezeichnet. Da gab es keine Interpolation, also keine mathematisch erzeugten Zwischenstufen. Ich habe sechs Monate daran gearbeitet, bis ich mit den Zeichnungen zufrieden war. Von 8 Uhr morgens bis 9 oder 10 Uhr abends saß ich daran und habe vielleicht drei oder vier Zeichen pro Tag geschafft! Wenn es mal danach aussah, dass ich mein Soll nicht schaffen würde, dann sagte ich mir: »OK, um heute auf fünf Zeichen zu kommen, zeichnest du eben einen Punkt – das ist nur ein Kreis.«

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Detail aus einer Broschüre zur überarbeiteten Version der Esprit: ITC New Esprit (2010)

Inwiefern unterscheiden sich ITC New Veljovic und ITC New Esprit von den älteren Versionen?

Nun, abgesehen von zahlreichen neugeformten Buchstaben habe ich auch die Ziffern überarbeitet, insbesondere bei den fetteren Schnitten der ITC New Veljovic. Ich habe die Proportionen verbessert. Manche Zeichen wurden stark verändert, so zum Beispiel das Eszett. In den 1980ern war mir dieses Zeichen völlig fremd. Ich wußte nicht, wofür es gut war, woher es kam usw. Jetzt, nachdem ich so viele Jahre in Deutschland gelebt habe, weiß ich, wie es aussehen muss.

Ich überlasse die Produktion nicht mehr den Fonttechnikern – ich versuche, alles selbst zu machen, komplett. Viele Schriftgestalter denken, dass das Kerning nur eine technische Aufgabe sei, die jeder übernehmen könne, oder die sich automatisieren ließe. Ich finde dagegen, dass das ein durchaus kreativer Teil des Entwurfsprozesses ist. Deswegen mache ich das gerne. Das Tolle am Kerning? Wenn man damit anfängt, dann weiß man, dass die Schrift bald fertig ist!

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Die 2015 erschienene ITC New Veljovic umfasst 30 Schnitte (die Originalversion hatte 8), inklusive einer platzsparenden Condensed-Serie und Display-Varianten für große Anwendungen. Ebenfalls neu sind ihre kyrillischen Zeichen. Die Musterzeile zeigt sie mit ihren optionalen großzügigeren Ober- und Unterlängen.

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Bereits 2010 wurde die ITC Esprit als ITC New Esprit generalüberholt. Auch sie verfügt nun über spezielle Display-Schnitte und Kapitälchen.

Welche Software benutzt Du? Hast Du schon etwas mit den neueren Programmen wie Glyphs oder Robofont gemacht?

Ich arbeite noch stets mit FontLab. An der Hochschule, an der ich unterrichte, haben wir auch Glyphs. Mir scheint, Glyphs ist FontLab derzeit in manchen Bereichen überlegen. Aber ich bin von der alten Schule. Ich finde, dass das Zeichnen in der Schriftgestaltung das Wesentlichste ist, egal wie schnell alles produziert werden kann. FontLab hat alles, was ich benötige. Ich zeichne nicht immer gleich am Bildschirm; wenn ich eine Form nicht zu fassen kriege, dann nehme ich Füller oder Feder und schreibe. Und diese Form schaue ich mir dann an, während ich die Outlines zeichne – ich brauche sie nicht einzuscannen.

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Detail aus einer Broschüre zur Agmena (2012), mit Schwungvarianten, lateinischen und griechischen Ligaturen sowie weiteren Figuren aus der Kursiven

Wie wichtig ist das Zeichnen für einen Schriftgestalter?

Ich bin davon überzeugt, dass es von entscheidender Bedeutung ist. Saul Bass sagte einmal in einem Interview, sein wichtigster Rat an junge Leute sei, zeichnen zu lernen. Denn das könne man nicht nachholen! Glücklicherweise hatte ich in meinem Studium die ersten zwei Semester jeden Vormittag Zeichenunterricht, von Montag bis Freitag. Von der Malerei und dem Zeichnen habe ich mehr über Schriftgestaltung gelernt als im Typografieunterricht.

Wenn ich meinen Kollegen sage, dass man bei der Aufnahmeprüfung stärker auf das Zeichnerische achten solle, antworten sie mir, dass das nicht so wichtig sei. Aber in über 20 Jahren lag ich nie daneben, wenn ich mich für Bewerber eingesetzt hatte, die gut zeichnen konnten. Die waren nie schlechte Studenten.

Man glaubt heute zu sehr an die Macht des Computers; dass es schon ausreiche, wenn nur alles schön sauber aussieht. Ich erinnere mich noch an die gebastelten Präsentationen früher. Die Schrift wurde auf Folie gedruckt und dann über die Bilder geklebt. Heute kriegt man bei Präsentationen fast bessere Ergebnisse zu sehen als bei den fertig gedruckten Sachen. Man gibt sich zu schnell zufrieden, und das ist trügerisch. Die Arbeit am Computer ist passiv geworden, fast wie fernsehen.

Kalligrafie mit einer Brause 505-Schreibfeder als Vorbereitung zur Ex Ponto

Kalligrafie mit einer Brause 505-Schreibfeder als Vorbereitung zur Ex Ponto

Silentium-Skizze

Skizze zur Silentium

Nimmst Du unter den Studierenden ein neu erwachtes Interesse an Lettering und Kalligrafie wahr?

Ja, ihnen wird bewusst, dass es noch mehr gibt als das Digitale. Sie merken schnell: »Was ich am Computer machen kann, das können viele andere auch.« Sie suchen einen individuellen Ausdruck und finden ihn in Kalligrafie, Handschrift, Zeichnung, Collage usw. Gleichzeitig gibt es Leute, die denken, das Internet sei alles. Wer aber an der Kunsthochschule ein breites Fundament legt, der hat gute Chancen, darauf eine 40 Jahre währende Karriere zu errichten. Auch Kunstgeschichte wird heute völlig bagatellisiert. Wenn ich einen Namen nenne, wissen die Leute meist nicht, wer das war und was er oder sie gemacht hat. Dieses Unwissen macht mir ein bisschen Sorgen.

Silentium

Die Inspiration zur Silentium (2010) stammt von karolingischen Handschriften aus dem 10. Jahrhundert. Die beiden Stile unterscheiden sich neben den Versalien auch in den Abschlüssen der Oberlängen. Silentium I enthält zusätzlich u.a. negative Initialen, verschachtelte Ligaturen und lichte Versalien.

Sava

Die Sava (2003) hat Kapitälchen anstelle von Kleinbuchstaben. Ihre 6 Schnitte sind mit zahlreichen Versalligaturen, Alternativformen und Ornamenten ausgestattet. Benannt ist sie nach dem heiligen Sava, orthodoxer Erzbischof von Serbien im 13. Jahrhundert, und unterstützt folgerichtig Kyrillisch wie Griechisch.

Ex-Ponto

Die Ex Ponto (erste Version: 1994) ist eine energiegeladene Schreibschrift mit rauer Kontur. Sie liegt in 3 Stärken vor und hat sich u.a. im Verpackungsdesign bewährt.

Wie bist Du eigentlich nach Hamburg gekommen?

Ende der 1980er habe ich schon gerochen, dass das politische Klima in Jugoslawien sich nicht so entwickeln würde, wie ich mir erhofft hatte. Im Studium kamen meine Kommilitonen bunt gemischt aus allen Ecken des Landes; Nationalismus war für uns kein Thema. Als sich das änderte, wollte ich weg. Adobe hatte mir eine Stelle angeboten, aber die USA kamen mir unendlich weit weg vor. Damals dauerte eine Reise nach Amerika noch eine halbe Ewigkeit. Dann wurde diese Professur in Hamburg frei, und Prof. Werner Schneider empfahl mir, mich darauf zu bewerben. Deutschland war näher und Besuche in der Heimat somit einfacher.

Adobe hat mich fasziniert, weil sie in Sachen Fonttechnologie ganz vorn dabei waren und Neuerungen wie das neue Multiple-Master-Format vorantrieben. Ich glaube, es war das Schicksal, das mich nach Hamburg gebracht hat. Es war eine pragmatische Entscheidung. Ich konnte noch kein Deutsch, aber an der Akademie in Belgrad war ich schon als Lehrer tätig gewesen. Und dann gab es in Hamburg noch den Schrifthersteller URW; ich dachte, ich könnte vielleicht mit URW zusammenarbeiten. Das war ein wichtiger Gedanke.

Auch wenn ich letzten Endes nicht nach Kalifornien gezogen bin, so habe ich doch für Adobe gearbeitet. Zunächst als Berater, so wie der Schweizer Typograf Max Caflisch. Wir haben uns ein paar Schriften angeschaut, die sie gestaltet hatten, auch die kyrillischen Zeichen. Später sind meine Schriften Ex Ponto, Sava und Silentium bei Adobe erschienen.

Libelle

Die lebhafte Libelle ist 2009 entstanden und stellt eine individuelle Variation auf das Genre der festlichen Copperplate-Schreibschriften dar.

Agmena

Die Agmena (2012) ist eine Buchschrift in 4 Strichstärken plus kursiven Schnitten; mit Griechisch und Kyrillisch, Kapitälchen, Ligaturen, Schwungvarianten, Ornamenten und weiteren Dreingaben. Sie wurde 2013 vom Type Directors Club of New York mit einem Certificate of Excellence in Type Design ausgezeichnet.

Veljovic-Script

Die noble Veljovic Script (2012) kommt in 4 Fettegraden. Sie bietet zahlreiche Wahlformen und enthält auch kyrillische Zeichen.

Verfolgst Du, was für Fonts die Kunden so kaufen? Oder entsteht Deine Entwürfe unabhängig von Trends?

Meine Schriften nehmen ihren Anfang immer als Teil eines eigenen Projekts. Wenn ich z.B. an einen Buch arbeite und dafür eine neue Schrift brauche – eine, die es noch nicht gibt. Es ist mir egal, ob gerade Grotesk- oder Schreibschriften angesagt sind. Ich mache Schriften aus einem kulturellen Bedürfnis heraus; und nicht, um nur Geld damit zu verdienen. Man muss die Dinge machen, an die man wirklich glaubt. Was soll das ganze, wenn man nur Trends hinterherläuft?

Die Ex Ponto ist z.B. aus reiner Faszination für die Brause 505-Schreibfeder entstanden – eine Feder, die Karlgeorg Hoefer entworfen hatte. Ich experimentierte mit einer bestimmten Papiersorte und dabei kam diese raue Kontur heraus, wie man sie in der fertigen Schrift sieht. Kommerzielle Gedanken spielten da keine große Rolle, auch wenn sich die Ex Ponto schließlich gut verkauft hat – so wie auch manch andere meiner Schriften. Natürlich freut mich das, aber den Markt können wir nicht so sehr beeinflussen, wie wir uns das vielleicht erhoffen. Trends kommen und gehen. Nur weil die Bodoni gerade mal nicht im Trend ist, heißt das nicht, dass die Bodoni eine schlechte Schrift ist.

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Skizze zur Libelle

Vielen Dank für die Einblicke, Jovica! Wir hoffen, bald mehr von Deinen Schriften zu sehen.

Interview: Dan Reynolds und Jan Middendorp
Deutsche Bearbeitung: Florian Hardwig

Offenlegung: Dan Reynolds war 2009–2011 als Font Engineer bei Linotype an der Produktion der Libelle, der ITC New Esprit und der Veljovic Script beteiligt.

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